Sonntag, 12. Juni 2016

Zuckerwattenmusik im Familiengottesdienst- eine kleine Polemik

Ein Familiengottesdienst ist angesagt und der verlangt eben nach einer besonderen musikalischen Gestaltung. Die Orgel schweigt, stattdessen klimpern Gitarren. Das sei kinder- und jugendgemäß.Manchmal auch noch ein paar Instrumente mehr; im Vordergrund stehen aber die Gesangsstimmen. Vor oder neben dem Altar stellt sich dann die Musikgruppe auf und eigentümlicherweise erscheint dann der Raum um den Altar wie eine Bühne, auf dem dann die Darbieter agieren, dem Publikum was darbietend. Da nun das Grundprinzip eines Familiengottesdienstes es ist, möglichst vielen die Möglichkeit zu gewähren, sich da einzubringen, herrscht auf der Bühne immer ein reges Gewusel, in dem der Pfarrer durch kurze Regieanweisungen dann eine Ordnung versucht hineinzubringen.Zum Schluß der Messe wird dann obligatorisch allen Akteuren herzlichst gedankt und die Musikkünstler erhalten ihren Lohn in Gestalt des Applauses. Hat man nun ein Musikkonzert erlebt? Nein, einen modernen Familiengottesdienst, der seinen spezifischen Abschuß im Applaudieren des Publikums hat.
Nun aber zur Musik. Ohrenfällig ist, daß auch beim aufmerksamen Hinhören der gesungene Text kaum verständlich ist, oder wenn dann nur der Refrain.Das widerspricht auch nicht dem Wesen der Musik, denn im Lied ist die Primärfunktion der gesungenen Worte nicht ihre Wortbedeutung sondern ihr Klangwert: Wie klingen die gesungen Worte als die Stimme des Gesanges im Verbund mit den Instrumentenstimmen?
Nur in einem Liedgut,in dem die Musik herabgewürdigt wird zu einem bloßen Transportmedium zur Vermittelung von bestimmten Inhalten wird der Text des Liedes zum Wesentlichen, abfällig: Agitationskunst genannt.Der Gehalt eines Musikwerkes ist so der Klang aller Stimmen, die die Einheit des Musikwerkes bilden: Stimmungsbilder!
Zuckerwattenmusik, süßlich lieblich- das ist so der Grundton der so dargebrachten Familiengottesdienstlieder. Die Gitarre wird nicht gespielt, sondern es wird geklimpert, die Gesangssttimmen  lieblich säuselich- eine Musik ohne innere Spannung und frei von Kontrasten.Ein harmonisches Einerlei. 
Die innere Dramatik eines Liebesfilmes oder Liebesromanes beruht nun darauf, daß die, die füreinander bestimmt sind, einen Weg von Irrungen und Wirrungen im Aufeinanderzukommen zurücklegen müssen, bevor dann das endlich Sichzufammenfinden das Ende des Liebesfilmes wie des Liebesromans markiert.Wer noch nie einen Kunstwerk dieser Gattung sich gegönnt hatte, könnte ja meinen, daß der Inhalt eines Liebesfilmes in der Darstellung eines sich glücklich liebenden Paares sei, aber genau das kommt nicht vor: Der Weg zum Liebesglück bildet den Gehalt des Filmes, ist das Ziel erreicht, endet der Film.
Man könnte jetzt sagen, daß die zeitgenössischen Familiengottsdiestlieder genau da anfangen in ihrer Gestimmtheit, wo der Liebesfilm endet: im Happyend.Und in diesem Schlußbild des Liebesfilmes ist jede innere Spannung, jede Differenz und jeder Kontrast aufgelöst: es ist ein Einerlei der Liebe, in der alles Differente sich auflöst.Und so klingt dann auch die Musik. 
Wenn die religiöse Musik die Differenz von Gott- Welt und Mensch ausdrückt und die Dramaturgie ihrer Beziehung zueinander als eine Geschichte entfaltet, so kennt die Zuckerwattenmusik nur noch eine Einheit, daß alles in eine allumfassende Lieblichkeit eingehüllt ist. Gott, Mensch und Natur sind dann nur Namen für eine Einheit, in der alles lieblich zueinander ist.Wenn der Liebesfilm Kontraste weich zeichnet, handwerklich meisterhaft in den Rosamunde Pilcher Verfilmungen geliengend,dann wird in der Zuckerwattenusik alle Kontraste und Differenzen so weichgespült, daß im Ohr nur noch ein süßer Brei ankommt, als wenn man sich mit Zuckerwatte den Mund vollgestopft hätte. 
Die christliche Religion lebt gerade aus ihrer inneren Dramaturgie der Vorstellung des heiligen Gottes und des sündigenden Menschen und der Versöhnung von Gott und Mensch, sodaß gerade das ganz und gar dysharmonische Kreuz im Zentrum der Religion steht. Die Zuckerwattenmusik ersetzt das durch eine pantheistisch anmutende Einerleiharmonie: ich  und du,Gott und Mensch, alles ist lieblich und eins. Ein Shalomgesinge ersetzt dann auch regelmäßig das Agnus Dei, denn wo alles schon so harmonisch ist, da kann das Gebet: "Erbarme Dich" keinen Ort mehr haben, auch ein Lamm, das die Sünde der Welt trüge, paßt da nicht hinein.Die Zuckerwattenmusik wirkt so auch eigentümlich leblos tod, weil in ihr keine innere Spannung und Dramatik mehr ist, wie im Schlußbild eines Liebesfilmes,wo sich endgültig die füreinander Bestimmten gefunden haben. Dies Schlußbild erlaubt keine Fortsetzung mehr, kein Weiter: Es ist ein Standbild, das sich nicht mehr weiterbewegt- so auch die Zuckerwattenmusik.Sie ist ohne inneres Leben weil ohne Spannung, die in der Musik durch Kontraste gesetzt wird. So ist die Gestimmtheit der Familiengottesdenstlieder die eines lieblich-süßen Pantheismus, in dem alles ein liebliches Einerlei ist und die Substanz nichts als die Lieblichkeit ist, wie eben Zuckerwatte nur aus Zucker zu bestehen scheint.
So ist diese Musik, ganz unabhängig vom gesungenen Text in ihrer Gestimmtheit nicht christlich sondern pantheistisch.Dazu paßt dann geradezu wunderbar die säuselnden Stimmlagen des Gesanges und das Gitarrengeklimpere- das ist eben die Manifestation dieser pantheistischen Gestimmtheit.                
                         

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