Ein uns irritierender Gott – der Gott der Metaphysik und der der Bibel?
Den Gott der Bibel gegen den der Metaphysik auszuspielen, das hat eine lange Tradition, nicht erst dem Philosophen Heidegger gefiel diese Antithetik. Es wäre schon für diese Debatte viel gewonnen, wenn klarer gesagt werden würde, welche Metaphysik denn da im Namen der Bibel kritisiert wird, statt pauschalisierend gegen jede zu argumentieren.
In medias res: Jesus sagt: „Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.“ Joh-Offenbarung 3,5. Diese Aussage impliziert, daß es möglich ist, daß Jesus Christus einen Namen aus dem Buch des Lebens streichen kann und benennt die Bedingung, unter welcher jemand nicht aus dem Buch des Lebens von ihm gestrichen werden wird: Wer in den Zeiten der Verfolgung nicht vom Glauben abfällt, der wird nicht aus dem Buch des Lebens gestrichen.
Diese Aussage Jesu stellt eigentlich kein Problem dar, als wäre diese Aussage irgendwie unklar und unverständlich. Aber sie wird einer metaphysischen Gotteslehre zu einem gravierenden Problem, wenn Gott als unveränderlich gedacht wird, wenn also das Buch des Lebens so gedacht wird: Gott habe schon vor der Erschaffung der Welt die Namen all seiner von ihm Erwählten in dies Buch des Lebens eingeschrieben und diese Erwählung könne Gott niemals mehr revozieren. Wen Gott erwählt habe, der ist erwählt und wer nicht erwählt worden sei, der ist für alle Ewigkeit ein Nichterwählter.
In der reformierten Theologie ist daraus die doppelte Prädestinationslehre entwickelt worden, daß Gott die einen von Ewigkeit her zum Heil, die anderen zur Verdammnis erwählt habe.Dies Dekretum Gottes sei nun als ein unveränderbares zu denken: Gott ändere halt seine Entscheidungen nicht. So läßt sich eine metaphysische Erklärung dieser Erwählungslehre konstruieren: Gott tut stets nur das Vollkommenste, da er selbst vollkommen ist. Würde Gott nun eine seiner Entscheidungen revozieren, müßte geurteilt werden, daß diese Entscheidung revisionsbedürftig gewesen sei und so nur von ihm geändert werden könne. Aber es sei undenkbar, daß Gott etwas entschieden hätte, das er später widerriefe,denn das widerspräche seiner Vollkommenheit.
Nun könnte man diesen Ausweg konstruieren: Gott habe entschieden: Wer die Bedingungen a, b...erfülle, der wird in das Buch des Lebens eingeschrieben, wer sie nicht erfülle, werde nicht in dies Buch eingeschrieben. Nur, hier sagt Jesus, daß Namen in das Buch eingeschrieben worden seien und nicht die Conditionen, wer dann eingeschrieben werde und wer nicht.
Wenn das Axiom der Unveränderlichkeit Gottes so expliziert wird, daß Gott selbst sein Verhalten zu den Menschen nicht ändern könne, daß wer erwählt worden ist, ewig ein Erwählter bleibt und wer nicht erwählt worden ist, nie ein Erwählter werden kann, dann wird diese Jesusaussage zu einer unmöglich wahr sein könnenden.
Aber es ist zurückzufragen, ob denn für jede metaphysische Gotteslehre das Axiom der Unveränderlichkeit Gottes gelten müsse. Dabei ist dann noch zu distinguieren zwischen der Frage, ob Gott, der ist, auch ein nichtseiender Gott werden kann, was rechtens jede metaphysische Gotteslehre verneint, und der, ob Gott sein Wollen und Tuen Menschen gegenüber verändern kann, daß er etwa Saul zum König erwählen konnte und daß er ihn ob seines Sündigens dann verwerfen konnte, daß er nicht mehr der König Israels war.
Eine der Unterscheidungskriterien von Totem und Lebendigem ist die Befähigung zur Selbstbewegung. Eine jede Bewegung impliziert aber ein Sichverändern. Das evoziert die Anfrage: Ist denn Gott wirklich als das vollkommendste Sein gedacht, wenn von ihm eine Unfähigkeit zu einem Sichverändern prädiziert wird? Gott könnte dann als ein wirklich lebendiger gedacht werden, indem von ihm prädizierbar wird: Er erwählt, den er vordem nicht erwählt hat, etwa die Heiden und er hat verworfen, die er vordem erwählt hat, das jüdische Volk. Gott kann seine freien Entscheidungen revozieren, da er ein lebendiger Gott ist und nicht ein einmal erstelltes Programm, das er nun nur noch ausführen kann wie ein perfekter Roboter.
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