Dienstag, 11. August 2026

Der Personalismus – ein Gift für die Katholische Kirche und ihre Theologie?

 

Der Personalismus – ein Gift für die Katholische Kirche und ihre Theologie?



Um ein mögliches Mißverständnis sofort abzuwehren: Nicht ist hier damit gemeint, daß die wahre Theologie rein biblisch zu sein hätte und daß dann durch die Einflüsse der Philosophie die Theologie und dann auch die ganze Kirche kontaminiert worden seien. Denn die Theologie ist eine Denktätigkeit und da die Philosophie die Wissenschaft oder die Kunst des Denken ist, kann eine Theologie schon immanent nie ohne ein philosophisches Denken auskommen; das Philosophische ist und kann ihr nichts Äußerliches sein.

Aber nicht jede Philosophie ist gleichermaßen geeignet für die Theologie. Der Personalismus ist nun eine unter vielen Philosophien, die aber durch den polnischen Papst Johannes Paul II und mit der Unterstützung französischer Theologen in die Kirche sich eingeheimatet hat.


Hier soll nun eine Grobskizze der Anliegen dieser philosophischen Schule versucht werden. M.W reüssierte diese Philosophie in Polen wie auch in Frankreich an den Universitäten, in den polnischen, die vom orthodoxen Marxismus bestimmt wurden und in den französischen, in denen diverse nicht dogmatische Marxismen den Ton angaben als einer Alternativkonzeption. In der Tradition des Marxkritikers Stirner und des Hegelkritikers Kirkegaard wurde den großen Sytemdenkern der Vorwurf gemacht, daß sowohl der Mensch in seiner individuellen Eigenart wie auch jedes einzigartige Ereignis in ihrem Systemdenken zugrunde ginge. Die politische Praxis der Verabsolutierung des Staates und das kollektivistische Denken zerstöre die Freiheit des Einzelnen. Daraus generiert sich die große Nähe zum Liberalismus als der antisozialistischen Ideologie.

Das Besondere ist nun, daß im Zentrum der Einzelmensch als einer Person steht, die erst durch ihre Interaktion mit einem „Du“ zu einem wahren „Ich“ würde. Der KI faßt dies Anliegen so zusammen, ohne dann aber auf die Bedeutung der Begegnungsrhetorik einzugehen:

„Der Personalismus ist eine philosophische Strömung, die den Menschen als Person und dessen absolute Würde in den Mittelpunkt stellt. Er betrachtet die Person als den höchsten Wert und als Schlüssel zum Verstehen der Wirklichkeit.

  • Die Person als höchster Wert: Jede einzelne Person besitzt eine unverletzliche, absolute Würde, die nicht an Nützlichkeit, Leistung oder gesellschaftliche Funktionen gebunden ist.

  • Der „Dritte Weg“: Der Personalismus entstand vor allem im 20. Jahrhundert als Gegenentwurf sowohl zum egoistischen Individualismus als auch zum unterdrückerischen Kollektivismus (wie Kommunismus oder Faschismus).

  • Beziehungsfähigkeit: Eine Person ist für den Personalismus kein isoliertes Wesen, sondern lebt wesentlich in Gemeinschaft, Verantwortung und Solidarität mit anderen (Mitmenschen und Gott).“


Für die Theologie sind nun diese Folgen des Personalismus gravierend: Die Struktur: Gott – Kirche – Gläubiger wird ersetzt durch die: Gott – Gläubiger- Kirche. Die Kirche vermittelt nicht mehr zwischen Gott und dem Einzelnen sondern der von Gott unmittelbar Affizierte vergeselligt sich mit den anderen Gläubigen zu einer Kirche. Der persönlich- individuelle Glaube ist das Zentrum dann auch der Vergeselligung ähnlich Glaubender. Diese persönliche Glaube generiert sich entweder direkt aus einer Begegnung mit Jesus, bzw aus der Begegnung mit vom Jesusglauben Erfüllter.Gott, bzw Jesus offenbarte dann auch keine Glaubenswahrheiten, Wahrheiten, die in der Form von Aussagesätzen gar zu einem Lehrsystem der Kirche verobjektiviert werden könnten, sondern in der personalen Begegnung erlebt und erfährt der Mensch sein unbedingtes Angenommensein von Gott in seiner Liebe zu uns. Das konstituiert den Wert des Menschen als einer einzigartigen Person, die so nun zum Zentrum der Morallehre und des ganzen politischen Lebens aufzusteigen habe.


Das ist so, als wenn sich 7 Menschen mit je einer eigenen Privatsprache ausgestattet, begegneten, um dann, um sich wechselseitig verständigen zu können, aus ihren Privatsprachen eine gemeinsame erschüfen, die sie dann in ihrem Verein als die Gemeinsprache verwendeten. Aber diese Gemeinsprache signalisiere dann auch schon einen Verlust an der ganz individuellen Sprache, die nur der Person wirklich gerecht wird. Der „persönliche Glaube“ zähle, sei der „wahre“ und nicht der der Kirche. Gilt in der katholischen Kirche, daß die notwendige Voraussetzung des persönlichen Glaubens der Glaube der Kirche ist, der individuierend sich anzueignen ist, so degradiert nun der Glaube der Kirche zu einem Abstraktum, das genau genommen dem persönlichen, dem wahren nie ganz gerecht würde.1


In der Moraltheologie führt der Personalismus zu dem Problem, daß ein Gemeinwohl nicht mehr denkbar ist, das über das Ziel des Wohlergehens aller Einzelpersonen hinausgeht. Wenn es kein Volk gibt, aber auch keine Familie, sondern nur Personen, die Beziehungen eingehen, dann entschwindet das Sozialleben, es wird verprivatisiert.Frappierend ist dabei, das die Ordnung des Staates dann primär als eine Gefährdung der Privatfreiheit vorgestellt wird und nicht als das Organisationszentrum eines gemeinsamen Lebens. 

Im Alten Bund ist der Bund Gottes Beziehung zu seinem Volke Israel, der Neue Bund ist der mit dem neuen Volk der Kirche, stets ist der Einzelne als ein Glied des jeweiligen Volkes, des Volk Gottes gemeint. Die "personale" Beziehung ist dagegen eine abgeleitete. 



Diese Grobskizze soll später erweitert werden und dient nur einer ersten Orientierung..


1In dieser Perspektive könnte auch Adornos „Nagative Dialektik“ kritisch gelesen werden.

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