Ein verwegener Gedanke: Gibt es nicht nur endlich viele Iche, sondern auch Wirs? - Ein Beitrag zur Entwöhnung an zu viel Gewohntem
„Nicht mit einem Gedanken ist erwogen worden, daß wie der Mensch,so auch die Nation eine Seele hat, und daß am letzten Ende bei Individuen wie bei Nationen diese Seele das allein Wertvolle ist.“ Diesen so ganz und gar ungewohnten Gedanken verdanken wir Paul Lagarde1. Das das Individuum als ein Individuum Konstituierende ist sein Vermögen, sich als „Ich“ zu denken, das in autobiographischem Schreiben stets als ein sich gleich Bleibendes gedacht wird, was immer es dann auch tuen und erleiden mag. Substanzontologisch gewendet ist das die „Seele“.
Existiert also auch ein „Ich“ oder vielleicht ein „Wir“ jedes Volkes, wie es das Ich bzw die Seele des Menschen gibt? Hier wird nun nicht der Versuch unternommen, zu eruiren, wie Lagarde dies wohl gemeint haben könnte, sondern es ist ein rein systematischer Versuch.
Die Übersicht des KI, zum Stichwort der „Seele des Volkes“ teilt dazu mit: „Der Begriff >Seele des Volkes< (oft auch Volksseele oder Volksgeist genannt) beschreibt den vermeintlichen, kollektiven Charakter, das Gemüt oder das gemeinsame Bewusstsein einer Nation oder Volksgruppe.“
Zur Herkunft und Bedeutung: „Geistesgeschichte: Der Ausdruck stammt vor allem aus der Philosophie des 19. Jahrhunderts (und den Vorläufern der Romantik wie Johann Gottfried Herder). Er besagt, dass ein Volk neben seiner körperlichen oder politischen Existenz auch eine unsichtbare, geistige Identität besitzt.“
Der kulturelle Ausdruck: „Sichtbar werden soll dieser angebliche Volksgeist in Sitten, Bräuchen, Mythen, Liedern, Sagen und vor allem in der Sprache.“
Ich möchte mich nun auf das „vor allem in der Sprache“ konzentrieren mit der Fragestellung, ob der Terminus des Ausdruckes angemessen ist. Dieser Terminus impliziert ja, daß es zuerst ein Denken, ein nichtsprachliches gäbe, das dann sekundär sich in einer bestimmten Sprache manifestiere. Das Subjekt des Denkens wäre so zwar unmittelbar sich selbst als ein Ich bewußt, aber da es mit anderen kommunizieren möchte, entwickele es eine bestimmte Sprache dazu.Wenn man diese Vorstellung ad acta gelegt, weil ein un- oder vorsprachliches Denken nicht vorstellbar ist, dann könnte man urteilen, daß die jeweilige bestimmte Sprache, in meinem Falle also die deutsche mein „Wir“ ausmache.
„Eine Sprache repräsentiert eine Weise des Weltverständnisses,eine Art der Unterscheidung von Dingen und ihrer In-Beziehung-Setzung zueinander.“2 Dieser Gedanke könnte sehr fruchtbar sein, wenn man ebenso den Begriff des Repräsentierens kritisierte. Die Sprache sei das Medium, in dem das Ich sich bewußt werde als ein Ich und diese Sprache ist immer eine „Wir-Sprache“, die eines Volkes.
Catherine Belsey führt dazu in ihrem Buch: „Poststrukturalismus“ aus: Ein kenianischer Schriftsteller verfaßte seine Erstlingswerke in der englischen Sprache. „Später hatte er den Eindruck,dass diese Vorgehensweise dem Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht und dem fortgesetzten ökonomischen und kulturellen Neokolonialismus des Westens zu viel zugestand. Wie >afrikanisch< der Inhalt und die Themen seiner frühen Romane auch immer sein mochten, so war doch der Roman selbst eine europäische Gattung, und seine Struktur reproduzierte ein westliches Denkmuster.Außerdem konnte die englische Sprache den kenianischen Wahrnehmungen der Welt nicht gerecht werden.“
Es soll sich nun auf die letzte Aussage konzentriert werden, daß die englische Sprache nicht der Weltwahrnehmung der kenianischen Sprache gerecht werden könne. Das hieße, daß jede bestimmte Sprache eine bestimmte Weltwahrnehmung erst hervorbringe, sie sozusagen subjektiviert. Und damit könnte man auf ein „Ich“ in jeder Volkssprache kommen, das so subjektiv ist wie das Ich eines jeden Einzelmenschen. Dieses Ich wäre dann gegenüber dem Einzelich ein „Wir“.
Was meinen wir denn, wenn wir sagen: „Den 1.Weltkrieg haben wir verloren“, oder „wir galten als das Volk der Dichter und Denker“, oder wenn wir unsere deutsche Geschichte bedenken? Dieses „Wir“ ist doch etwas Reales, und es kann nicht auf die Einzeliche reduziert werden. Aber in der Sprache konstituiert sich dieses „Wir“ als eines, das autobiographisch seine eigene Geschichte bedenken und reflektieren kann. Dies „Wir“ ist nun real, weil wir es im Denken als ein unabhängig vom Denken Existierendes denken. Es ist sozusagen eine nur im Denken uns zugängliche Entität, aber sie ist eine.
Könnte dann die Seele eines Volkes seine Sprache sein, in der es sich und seine Relationen zu allen anderen denkt? Die Sprache ist ja jedem Einzelich vorgegeben wie das Volk dem Einzelnen seines Volkes oder wie der Katholische Glaube dem persönlichen, dem privatisierten.
Das würde nun auch bedenkenswerte Perspektiven für die Geschichtsschreibung ergeben: Mit welchem Recht kann die Geschichte unseres Volkes autobiographisch geschrieben werden, wenn es das Subjekt: deutsches Volk gar nicht gäbe, da es nur Einzeldeutsche gäbe.Die Geschichtsschreibung ist so das Selbstbewußtsein eines Volkes. Es agiert wirklich als ein Subjekt in der Geschichte seines Tuens und Erleidens.
Dies sind nun wahrlich erst sehr fragmentarische Gedanken zum Begriff der Volksseele, des Volksgeistes, sie müssen weiterentwickelt werden.Dabei muß diese Aussage der Bibel durchdacht werden:
„Als der Höchste die Völker als Erbe verteilte, / als er die Menschheit aufteilte, / legte er die Gebiete der Völker / nach der Zahl der Gottessöhne fest; der HERR nahm sich sein Volk als Anteil, / Jakob wurde sein Erbteil.“ 5.Mose 32,8f. Gott selbst gliederte die Menschheit in Völker auf, und es besteht eine Relation zwischen den Gottessöhnen, damit sind die Volksengel gemeint, und den einzelnen Völkern. Man könnte von einem Bestimmtsein der einzelnen Völker durch ihren besonderen Volksengel sprechen und das gälte es dann zu durchdenken, auch in der Hinsicht auf die Volkssprachen und eines möglichen Volksnomos - vgl dazu Wilhelm Stapel..
1Zittiert nach: Hermann Helleer, Sozialismus und Nation, 2019, S.43.
2Catherine Belsey, Poststrukturalismus, 2013, S.19.
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