Sonntag, 14. November 2021

Volkstrauertag – Heldengedenktag – ein paar Nachtgedanken dazu

Volkstrauertag – Heldengedenktag – ein paar Nachtgedanken dazu


Wir, das Deutsche Volk gedenkt heute unserer gefallenen Soldaten der zwei Weltkriege. Ein Gedenktag, der uns Fragen aufwirft. Ernst von Salomon frägt in seinem Roman „Der Fragebogen“ nach der Bedeutung der Staats- und Volkszugehörigkeit für einen Bürger. Mein Bekenntnis zu dieser Zugehörigkeit bedeute, daß ich mich damit einverstanden erkläre,für mein Volk in den Krieg zu ziehen, zu töten und andere zu töten. Der Krieg ist so der Ernstfall der Treue zum eigenen Staat und zum eigenen Volke. Es wird so ein zweifaches Opfer verlangt, daß des andere Tötens und der Bereitschaft sich zu opfern.

Das ist auch ein, oder überhaupt das Problem moralphilosophischen und moraltheologischen Denkens: Mit welchem Recht darf der Staat dies einfordern und mit welchem Recht gehorcht dem der Bürger als Soldat? Ich denke, daß diese Frage nur respondiert werden kann, wenn davon ausgegangen wird, daß der Staat eine von Gott gesetzte Ordnung ist, daß Gott als Erhalter nicht nur durch die Kirche, durch das „geistliche Schwert“ regieren will und regiert, sondern auch durch das „weltliche Schwert“. Das Recht, über das Leben von Bürgern verfügen zu können, daß der Staat im Falle der Todesstrafe Verbrecher töten darf und im Falle des Krieges seine Bürger zum Töten und zur Bereitschaft, sich töten zu lassen, kann nur ein legitimes sein, wenn es sich von Gott selbst her ableitet. So wie Gott seinen Priestern die geistliche Vollmacht zur Sündenvergebung verleiht, so verleiht er dem Staate dieses Schwertrecht.

Aber doch provoziert dies Schwertrecht ein moralisches Unbehagen: Kann etwa ein Henker einen rechtmäßig verurteilten Mörder enthaupten, ohne zu sündigen und können Soldaten Feindsoldaten töten, ohne zu sündigen? Der Einwand, daß sie doch nur das täten, was ihre Pflicht sei, und wer seine Pflicht erfülle, sündige nicht, klingt überzeugend, und doch scheint hier etwas nicht zu stimmen. Die Probe: Wenn ein Henker ohne zu sündigen seinen Beruf ausüben könnte, ja von ihm sogar zu sagen wäre, daß er, indem er seiner Berufspflicht nachkomme, sogar richtig und gut handle, warum erfüllt dann jeden, nicht nur Christen dieser Beruf mit Grauen?

Irgendwie stehen wir hier so vor einer sehr befremdlichen Tat, die uns als pflichtgemäße darlegbar ist und die uns doch als etwas zutiefst Sündiges vorkommt. Ich denke, daß diesem Phänomen nur durch den Begriff des Tragischen gerecht wird, daß hier etwas pflichtgemäß getan werden muß, das doch sündig ist. Dies Problem dadurch lösen zu wollen, daß dem Staate das Schwertrecht abgesprochen wird, ist aber inakzeptabel, weil dadurch man sich gegen die göttliche Ordnung der Schwertgewalt des Staates stellt.

Das Tragische kann nicht aus dem moralischen Leben eines Christen eskamotiert werden. Abraham, das Vorbild des Glaubens war der, der seinen einzigen Sohn auf Gottes Befehl hin bereit war zu opfern – kann es etwas Tragischeres geben? Aber wie viele Eltern ließen ihre Söhne in den Krieg ziehen, waren so auch bereit für das Opfer ihrer Söhne für das Leben ihres Volkes?

Das Tragische ist, daß etwas getan werden muß, daß die Pficht etwas verlangt, was einem moralischen Empfinden nur als etwas Sündiges vorkommen muß- man denke jetzt an den Beruf des Henkers.

Für die Kirche kann es so darauf nur eine Antwort geben: diese Tragik anzuerkennen und für die, die ihre Pflicht so in den Weltkriegen erfüllten, Sühnopfer darzubringen.

Sind nun diese Soldaten der Weltkriege ausschließlich Opfer dieser Kriege? Zum Sprachfeld des Opfers gehört auch die Vorstellung des Sichaufopferns, des Sichopferns. Die aktive Seite wird so in den Vordergrund gestellt. Jesus Christus sagt dazu: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh, 15,13). Das gilt so gerade für die gefallenen Soldaten der zwei Weltkriege. Der natürliche Mensch ist spontan ein praktizierender Utilarist: Ich helfe anderen in einer Notlage, damit mir auch wer hilft, wenn ich in einer Not mich befinde. Der Gedanke des Sichopferns ist so dieser natürlichen Moralpraxis unzumutbar, weil in ihr das Zentrum der Moral die Selbstliebe und der Nutzen für einen selbst bildet. Sich ganz aufzugeben, sein Leben zu opfern, ist so gesehen entweder etwas Unvernünftiges und Sinnwidriges oder etwas wahrhaft Heroisches. Heroische Taten setzen nämlich den Glauben an etwas voraus, das größer und bedeutsamer ist als das individuelle Leben. Für dies Größere wird dann das Einzelleben aufgeopfert.

Wenn die gefallenen Soldaten als Helden geehrt werden, daß eben unser Volkstrauertag auch ein Tag der Heldenverehrung ist, dann ist das legitim, weil so dieser Opfercharakter des Soldatentodes gewürdigt wird: Der gefallene Soldat opferte sein Leben für unser Volk auf. Die christliche Religion wird diese Deutung des Soldatentodes immer auch bejahen müssen, denn in dem Zentrum dieser Religion steht das Kreuz Jesu Christi, der sich uns zum Sühnopfer hingab, um uns so zu retten.

 

Samstag, 13. November 2021

Sie wollen eine andere Kirche – Einblicke ins Revolutionäre

Sie wollen eine andere Kirche – Einblicke ins Revolutionäre


Bischof Meier frägt rhetorisch: „Wollen wir unsere Hirten künftig nur noch demokratisch wählen und auf Zeit einsetzen, um ihnen bei Bedarf ebenso per Mehrheitsvotum wieder das Vertrauen entziehen zu können? Bischöfe auf Zeit?!Wenn wir ernsthaft eine Kirche ohne Weiheamt anstreben, läuten wir uns selbst die Sterbeglocke“. (Zitiert nach: „Die Weltkirche hat meinen Horizont weit gemacht“ (Der Fels, November 2021, S311.)

Dies ist kein rhetorische Frage, denn so sehr dieser Bischof von seinen Predigthörern ein klares Nein erwarten darf, so genau weiß er auch, daß im linksliberalen „katholischen“ Reformlager diese Vorstellung auf Sympathie stößt. Einst träumten auch in Westeuropa linke Katholiken, inspiriert von der marxistisch fundierten Befreiungstheologie von „Exodusgemeinden“, in denen schon ein Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft gelang, wie dem Volke Israels aus dem Sklavenhaus Ägyptens und diese Gemeinden sollten dann als Katalysatoren für Transformation der bürgerlichen Gesellschaft fungieren: Die Kirche sei eben oder habe das ganz Andere gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft, der kapitalistischen zu sein.

Jetzt will das linksliberal mutierte katholische Reformlager nur noch die Einpassung der Katholischen Kirche in die bürgerliche Kultur. Sie solle eben wie ein Verein gut demokratisch strukturiert sein, mit gewählten und jederzeit so auch abwählbaren Vorstandsschaften. Das funktioniert so in allen demokratischen Parteien Deutschlands und deshalb soll es in der Kirche so auch zugehen.

Augenfällig ist dabei die völlige Verständnislosigkeit dem Wesen der Kirche gegenüber, der eben der Leib Christi ist. Der Priester ist eben auch etwas völlig anderes als ein gewähltes Vorstandsglied. Wenn dann aber Bischof Meier predigt: „Ich bin überzeugt: Wenn wir eine Kirche ohne sakramentales Amt wollen, brechen wir ihr das Genick. Sie wird gebückt, verkrümmt, geht weder aufrecht noch aufrichtig ihren Weg. Sie hat keine Kraft mehr,gegen den Strom zu schwimmen.Sie wird mitgerissen von den Wellen der gängigen Meinungen.“ (S.311), provoziert dies doch die Anfrage, ob so denn nicht schon die Katholische Kirche im deutschsprachigen Raume erscheint,obzwar sie noch über sakramentale Weiheämter verfügt.

Sicher würde sie, ohne die Weiheämter noch mehr dem Zeitgeist verfallen aber ohne einen solchen Verfall an den Zeitgeist könnte es den „Synodalen Irrweg“ doch gar nicht geben.

In dem Artikel des „Felses“: „Es geht nicht um sexuellen Missbrauch, eine „andere Kirche“ ist das Ziel!“ H. Gindert, November 2021, S.314 wird aus den „Gestalten der Revolution“ der Revolutionär Marat so charakterisiert: „Marat rächte sich an allem, was groß war...das Geniale war ihm nicht weniger verhasst als das Aristokratische.Überall, wo er etwas hervortreten oder glänzen sah,verfolgte er es wie einen Feind. Er hätte die ganze Schöpfung einebnen mögen. Die Gleichheit war sein wütendes Streben, weil die Überlegenheit sein Martyrium war. Er liebte die Revolution, weil sie alles bis in seine Reichweite erniedrigte“. (S.314)

Gelingt hier nicht dem Autoren der „Portraits de Revolutionaires“ die Charakterisierung des Revolutionäres schlechthin? Ist dieser dann nicht auch als treuer Schüler der Rotte Korach auch der „Synodale“ dieses Irrweges, auf dem nun dem Weiheamt das Ende bereitet werden soll? Der Wille zur Gleichmacherei ist eben nur die Vorderseite des Abscheues von allem Hohen und Besonderem. Daß Gott Mose und Aaron einsetzte als die Mittler zwischen ihm und Gott und im neuen Bund das hierarische Amt, das ist eben für den rein demokratisch Gesonnenen inakzeptabel. Er kann nur eine demokratisch legitimierte und jederzeit abwählbare Vorstandsschaft anerkennen, denn er selbst will dabei der Souverän bleiben.Die Kirche Jesu Christi, das ist ein Besitz anzeigender Genitiv soll zu einem Verein umstrukturiert werden, der eben seinen Vereinsmitgliedern gehört. Die Verdemokratisierung der Kirche ist so vor allem die Entthronung ihres Herren Jesus Christus. In den Weiheämtern wird so die Realität des Herrn Jesus Christus als des Regierers der Kirche gesehen, von dem sich seit dem 2.Vaticanum das Kirchenvolk emanzipieren möchte.


 

Freitag, 12. November 2021

Irritierendes: „Der Glaube kommt vom Hören“

Irritierendes: „Der Glaube kommt vom Hören“


Der Apostelfürst Paulus schreibt es so in seinem Römerbrief, 10,17.

Er schreibt hier vom Hören und nicht vom Lesen, weil er hier die Notwendigkeit der Missionspredigt explizieren möchte. Für die christliche Buchreligion läge ja das Lesen näher, aber zu den Zeiten des Paulus gab es das Neue Testament zum Lesen ja noch nicht.

Wenn der Glaube erstmal das Fürwahrhalten des Gehörten bzw Gelesenem ist, der dann auch das das Vertrauen auf das Fürwahrgehaltene ist, dann stellt diese paulinische Aussage uns vor ein beachtliches Problem: Wie kann denn ein Hörer das ihm Gepredigte als wahr erkennen? Nun könnte auch die Differenz von: als wahr erkennen und als für wahr halten betont werden. Beteuert ein Ehemann seiner Frau, er habe sie in der Kur nicht betrogen, dann kann sie ihm das glauben, sie vertraut dann darauf, daß er ihr die Wahrheit gesagt habe, also hält sie es für wahr,auch wenn sie nicht erkennen kann, ob diese Aussage wahr ist. Hätte sie ihn aber von einem Detektiven überwachen lassen, wüßte sie genau, daß sie nicht betrogen worden ist. Dann könnte sie, da sie es weiß, nicht mehr darauf vertrauen, daß diese Aussage ihres Mannes wahr sei, sie könnte sie nicht für wahr halten, wenn sie die Wahrheit dieser Aussage erkannt hat. Diese Differenz zwischen dem Glauben und dem die Wahrheit erkennen, bezeichnet der Apostelfürst durch die Differenz von dem Glauben und dem Schauen der Wahrheit.

Was läßt also einen Hörer das Gepredigte als für wahr halten? In unserer Medienwelt, in der wir überflutet werden mit Texten, die alle den Anspruch erheben, wahr zu sein, ist die Frage der Unterscheidbarkeit von für wahr Haltbaren und von für nicht wahr zu haltendem von eminenter Bedeutung.

Eine weitere Differenzierung könnte hier vielleicht weiterhelfen: Erkennt der Hörer die Qualität des Gepredigten als für wahr zu haltendes oder entscheidet er sich dazu,das Gehörte als für wahr zu halten? Erkennen oder Entscheiden (=Dezisionismus). (In der „Einführung in das Christentum“ von Kardinal Ratzinger ist eine solche Tendenz zum Dezisionismus erkennbar.)

Nun könnte eingewandt werden, daß ein solches Erkennen oder vielleicht auch Sichentscheiden eine Gabe Gottes selbst sei, daß nur durch das Wirken des Heiligen Geistes wir das Gehörte bzw Gelesene als Wahrheit erkennen könnten. Der Heilige Geist muß dann als so in uns einwirkend gedacht werden, daß wir zu etwas befähigt werden, was unser natürliches Vermögen übersteigt. Dem scholastischen Grundsatz gemäß, daß das Sein dem Tuen vorausgeht, daß im Tuen nur Möglichkeiten des menschlichen Seins realisiert werden können, ändert das Wirken des Heiligen Geistes unser Sein so, daß wir nun das Predigtwort als wahr halten können.

Hierbei ist dann klar zu distinguieren zwischen dem Verstehenkönnen der Predigt oder der biblischen Texte und dem sie als wahr bzw als für wahr zu Haltendes zu erkennen.

Den Prolog des Johannesevangeliums kann so jeder aufmerksam lesend verstehen, aber was führt dazu, ihn für wahr zu halten? Ein dezisionistischer Ansatz gibt darauf eine recht problematische Antwort:Durch meine Entscheidung allein wird mir dieser Text zum wahren. Alle Begründungen für diese Entscheidung wären dann nachträgliche, die immer schon diese Entscheidung voraussetzen. Das wäre dann vergleichbar mit dem Phänomen einer Sympathie auf den ersten Blick, wenn dann diese Sympathie sekundär begründet wird mit positiven Eigenschaften des so spontan als sympathisch Empfundenden, wenn aber der sympathische Blick erst diese Eigenschaften entdeckt.

Soll solch einem Dezisionismus entgangen werden, muß den biblischen Texten selbst ein erkennbarer Wahrheitsgehalt zugeschrieben werden, den dann aber der Mensch in seiner selbstverschuldeten Sündhaftigkeit nicht mehr erkennen kann.

In der nachkonziliaren Kirche scheint man für diesen Problem-komplex eine einfache Lösung gefunden zu haben: Nicht auf das gepredigte Wort käme es an sondern auf die Bezeugung der Wahrheit durch die zu praktizierende Nächstenliebe. In dieser Praxis erführen so Menschen die Liebe Gottes zu ihnen und das wäre ja schon die ganze Wahrheit der christlichen Religion. Nur wird dabei die Erfahrung, daß Menschen motiviert durch ihren christlichen Glauben die Nächstenliebe an ihnen praktizieren, verwechselt mit einer Erfahrung der Liebe Gottes selbst. Ein noch so sehr die Nächstenliebe praktizierende Kirche führt so noch keinen Menschen zur Liebe Gottes. Erfahrende Nächstenliebe ist eben nicht schon aus sich heraus transparent für die Liebe Gottes zu den Menschen.


 

Donnerstag, 11. November 2021

Die herrschenden Ideen sind die der Herrschenden: Ideologiekritik

Die herrschenden Ideen sind die der Herrschenden: Ideologiekritik


Unter einer Ideologie sei hier eine durchreflketierte und systematisierte Weltanschauung verstanden. In ihr wird eine Weltanschauung sozusagen reflexiv. Dies evoziert nun aber die Frage, warum es denn überhaupt Weltanschauungen gibt als den Rohstoff der Ideologien. Ein Versuch: Ein Spielzug in einer Schachpartie. Dieser Zug kann nun minutiös beschrieben werden, wie er sinnlich rezipiert und beschreibbar ist. Aber verstehbar wird er erst dem, der im Wissen um das Regelsystem Schach diesen Spielzug verstehen kann, a) als einen legitimen, wenn er gemäß dem Regelsystem durchgeführt wurde und b) als einen sinnvollen, wenn er auf das Endziel des Schachmattsetzens bezogen ist. Es wird also ein Deutungsschema hier appliziert um etwas zu begreifen, das ohne es eine zwar beschreibbare aber nicht begreifbare Wirklichkeit wäre.

Verstehst Du auch,was Du liest?“, diese berühmte Frage in der Apostelgeschichte kann so als Ausgangspunkt der Frage nach dem Ursprung der Weltanschauungen verstanden werden. Alle Wirklichkeiten sind „Texte“,die gelesen werden können, wie ein Spielzug einer Schachpartie, die aber, um verstanden zu werden, gedeutet werden müssen. Für eine Schachpartie ist das ihr zugehörige Deutungsschema eindeutig vorgegeben in dem Regelsystem des Schachspieles. Für viele Wirklichkeiten gibt es nicht so eindeutige Zuordnungen. So kann die Wirklichkeit des Menschen biologisch, soziologisch, philosophisch oder theologisch gedeutet werden. Weltanschauliche Betrachtungen des Menschen wären dann den wissenschaftlichen vorgeordnet, die dann in den Wissenschaften auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden.

Die Differenz zwischen Wissensschaften als verarbeitete Gestalten von Weltanschauungen und den Ideologien könnte dann so bestimmt werden: Wissenschaften weisen die Möglichkeit der Verifikation und Falsifikation ihrer Erkenntnisse aus, während Ideologien ihre Falsifikierbarkeit ausschließen. Während nun die Wissenschaften das Ganze ausdifferenzieren zu Wissenschaften von Teilen des Ganzen, der Natur, des Geistes und weitere Binnendifferenzierungen, conserviert die Ideologie das Anliegen einer Weltanschauung, das Ganze, die Welt zu begreifen. (Hier kann es zu Konflikten mit der Theologie und der Philosophie kommen, wenn diese beiden Diskurse sich zutrauen, noch das Ganze zu begreifen.)Ideologien gibt es also aus dem Grundbedürfnis des Verstehens heraus als Alternative und Ergänzung zu den wissenschaftlichen Diskursen, die alle in Weltanschauungen sich fundieren, um sie zu reflektieren.

Ergo: Weltanschauungen und Ideologien gibt es nicht, weil Herrschende sie erfinden, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Sie entspringen des Menschen Sein in der Welt, die ihm erst durch Weltanschauungen und dann Wissenschaften und Ideologien zu einem nicht nur lesbaren sondern auch verstehbaren Text machen.

Aber die Grundtexte sind nicht eindeutig einer Weltanschauung und dann einer Ideologie oder Wissenschaft zuordbar, wie eine Schachpartie dem Deutungssystem des Schaches. Das bildet den Ermöglichungsgrund diverser Weltanschauungen.

Nun erhebt sich die Frage, wie es kommt, daß faktisch die Herrschenden die Ideologie ihrer Beherrschten bestimmen?Darauf gibt es nun eine sehr einfache Antwort: Verschiedene Weltanschauungen und Ideologien stehen im Kampfe gegeneinander und wenn eine dann die anderen zurückdrängt oder besiegt, dann ist das die herrschende Ideologie, mit der dann auch die Herrschenden herrschen. Nur ist dieser Kampf eben nicht ein rein akademisch diskursiver, sondern ein Machtkampf, in dem Ideologien nicht einfach kritisiert werden sondern bekämpft werden.

Stabil wird eine Ideologie erst dann, wenn es kein mögliches Ereignis mehr geben kann, das von der Ideologie nicht mehr als kompatibel mit ihr gedeutet werden kann. Diese Immunisierung gegen jedes mögliche Ereignisse in der Wirklichkeit qualifiziert dann ein Deutungssystem des Ganzen, der Welt zu einer Ideologie. Das macht ihre starke Lebenskraft aus.

Zur Veranschaulichung ein sehr simples Beispiel: Ein Stammtischabend. Jemand erzählt: Irren ist menschlich. Da sah ich diesen Verkehrsunfall. Ein Wagen fuhr bei Rot über die Kreuzung und stieß mit einem anderen Auto zusammen. Aber unverletzt stieg der Mann, der über Rot gefahren war, aus seinem Auto.

Mehrere Bierrunden später. Der selbe: Frauen können nicht Auto fahren. Ein Wagen fuhr bei Rot über die Kreuzung und stieß mit einem anderen Auto zusammen. Aber unverletzt stieg eine Frau, die über Rot gefahren war, aus ihrem Auto.

Die Summe aller möglichen Verkehrsunfälle ergibt sich aus den von Männern oder Frauen oder durch einen technischen Defekt verursachten. Für jeden von Menschen verursachten gilt nun, daß der Fahrer entweder männlich oder weiblich ist. Mit diesen 2 Deutungsmöglichkeiten,Irren ist menschlich und Frauen können nicht Auto fahren, kann so jeder menschenverursachte Unfall gedeutet werden, es kdnn keinen Unfall geben, der nicht auf eine der 3 Möglichkeiten hin interpretierbar ist.Deshalb kann dieser Stammtischgast auch durch keine Erfahrung in seiner Unfalllideologie widerlegt werden. Sie ist erfahrungsresistent.Das macht die Lebenskraft von Ideologien aus, die so, herrschen sie einmal, kaum noch widerlegbar sind.



 

Mittwoch, 10. November 2021

Wie beerdigen- Erd- oder Feuerbestattung? Ein Klassiker der Katholischen Theologie

Wie beerdigen- Erd- oder Feuerbestattung? Ein Klassiker der Katholischen Theologie


In „ Der Fels“ der Novemberausgabe votiert Frau F. Küble vehement für die allein seligmachende Erdbestattung,da nur sie dem christlichen Auferstehungsglauben gerecht würde. (S.320-323)

Ein Klärungsversuch: Sterben bedeutet der Prozeß der Trennung der Seele von seinem Leib, der Leib ist der durch die Seele individuierter menschlicher Körper. Der tote Leib ist so entseelt und zerfällt so. Die Seele ruht nun nicht in dem Grab des beerdigten Verstorbenen, sondern ist im Jenseits. Das Alte Testament bezeugt die Vorstellung von einer Unterwelt, sehr ähnlich der griechischen Vorstellung vom Hades, sodaß von einem Verstorbenen zweierlei ausgesagt werden kann, daß er einerseits an einem bestimmten Ort

begraben ist und daß er andererseits nun in der Unterwelt weiter existiert. Dies Problem der Bilokation, denn die Grabstätte und die Unterwelt sind 2 verschiedene Orte, kann sinnvoll nur aufgelöst werden, wenn der Tod als Trennung der Seele von dem Körper begriffen wird, sodaß der Körper im Grabe und die Seele in der Unterwelt weilt.

Welche Bedeutung kann dann der Grabstätte zukommen, wenn dort gerade nicht die die Identität stiftende Seele weilt? Sie kann nur ein Punkt auf der Erde sein, von wo aus der um einen Verstorbenen Trauernde sich auf die verjenseitigte Seele ausrichtet.

Was wird nun aus dem entseelten Körper: Er zerfällt zu Staub aber auch wenn es pietätlos klingt: Das abgestorbene Fleisch dient auch Maden als wohlschmeckende Nahrung. Der Körper wird auch aufgefressen. Eine schöne Illusion ist so die Vorstellung eines bloß toten menschlichen Körpers, in die sich dann seine Seele reinkarniert und so ihn wiederbelebt. Nein nur Staub bleibt vom Körper übrig und vielleicht ein paar Knochen und das verzehrte Fleisch, das Maden zu sich nahmen, wo bleibt das nach dem Tode der Made? Der tote menschliche Körper ist im Regelfall so verwest, daß er kein Körper mehr ist.

Die Auferweckung des Leibes, damit er wieder mit der Seele vereint werden kann ist dann eine Refriguration aus Staubteilen. Dieser neu konzipierte Körper muß dann noch in einen verklärten verwandelt werden, damit er nicht einer dem Sterbenmüssen unterworfener Körper bleibt. Er wird zu einem unsterblichen konfriguriet. Denn unser Körper, so wie wir ihn jetzt haben, kann nicht ewig leben; behielten wir ihn, wären wir auch nach der Auferstehung der Toten dazu verurteilt,wiederum sterben zu müssen. Diese Position vertreten ja die Pauluskritiker im 1. Korintherbrief (Kapitel 15) und im 2.Korintherbrief (Kapitel 5): Alle Körper sind sterblich, der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn Jesus leiblich auferstanden wäre, dann müßte er auch wieder sterben, wie eben auch der vom Tode auferweckte Lazarus. Die allgemeine Totenauferstehung wäre dann auch nur ein weiteres Leben, das sein Ende im Tod fände. Nur für die Seele könne es deshalb ein ewiges Leben geben. Paulus setzt dem eine naturphilosophische Reflexion entgegen, daß die Körper von verschiedener Qualität seien, sodaß es neben den der Vergänglichkeit unterworfenen auch unsterbliche gäbe- der vergängliche menschliche Körper würde so in einen unsterblichen transformiert. Der endliche stürbe, damit er zur Unsterblichkeit gewandelt wieder aufersteht.

Warum soll nun eine Erdbestattung für diese Auferweckung des verwesten Nichtmehrkörpers eine angemessene Beerdigungspraxis sein? Das kann nur uns plausibel erscheinen, wenn wie unser Wissen um die Verwesung des Leichnams und auch sein teilweise Aufgefressenwerden durch Maden verdrängen und uns der Illusion eines toten aber unversehrten Körpers hingeben, als wenn dann da noch ein revitalisierbarer Körper im Grabe läge. Zudem muß die paulinische Erkenntnis verdrängt werden, daß der irdische Leib verklärt werden muß, damit er nicht wieder sterben muß. Der Apostelfürst hat ja selbst aus einer Disputation mit den korinthischen Kritikern gelernt, daß die österliche Auferstehung Jesu mehrdeutig ist, denn sie könnte ja auch als eine Auferweckung zu einem weiteren Leben gedeutet werden, das wie das des auferweckten Lazarus wieder mit dem Tode endet. Darum fügt Paulus nun in seinem Römerbrief hinzu, daß der auferweckte Christus „nicht mehr stirbt: der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“ (6, 9)Darum erscheint Jesus Ostern in einem verklärtem Leib.

Ob der abgestorbene menschliche Körper nun verwest oder verbrannt wird, er wird zu Staub, den dann Gott zu einem neuen Körper konfiguriet, sodaß er nicht mehr der Sterblichkeit unterworfen ist. Warum es aber der Pietät einem Verstorbenen gegenüber angemessener sein soll, im Sarg von Maden verzehrt zu werden als vom Feuer verbrannt zu werden, ist mir unbegreiflich.

Ja, der Feuerbestattung könnte sogar eine theologisch begründbare Beerdigungspraxis sein. Eingedenk der Lehre vom Fegefeuer könnte das Verbranntwerden des Leichnams als ein symbolisches Reinigen des Körpers verstanden werden. Da nichts Unreine in den Himmel gelangen kann, muß auch der durch unser Sündigen veunreinigte Körper purifiziert werden und das geschieht im Fegefeuer durch das Feuer, jetzt in der Verbrennung des Leichnams symbolisch im Krematorium.

Eines darf dabei aber nicht vergessen werden: Der Leichnam, der beerdigt wird, ist nicht mehr der Ort der ihn belebt habenden Seele. Unsere Verstorbenen ruhen nicht in den Gräbern, sondern ihre Seelen sind verjenseitigt, entweder im Himmel, oder im Fegefeuer oder in der Hölle. So ist auch das Beste, was ein Christ für einen Verstorbenen tuen kann das Gebet für ihn, isb der Rosenkranz, und genauso wichtig das Erbeten von Ablässen und das Lesenlassen von Messen. Welch eine Wohltat wäre es für die „Armen Seelen“, gäbe man weniger Geld für Grabesschmuck aus und ließe stattdessen mehr hl. Messen für sie lesen! Aber in Zeiten der Apotheose alles Körperlichen, Pessimisten meinen, daß bald auch an Sonntagen mehr Menschen in Fitnisstudios gehen als in den Gottesdienst, will man eben von der Sorge um die Seele kaum noch etwas wissen! 

 

Zuatz:

Als Jesus zu dem mitgekreuzigtem reuigen Sünder sprach: "Heute wirst Du noch im Paradiese sein" sagte er nicht: Ein Teil von Dir wird da sein, ein anderer aber im Grabe! Das "Du" ist der Mitgekreuzigte in Gänze! Das kann nur wahr sein, wenn wirklich die Seele als das die Identität eines Menschen Konstituierende gedacht wird.  




 

Dienstag, 9. November 2021

Apokalypse und der Glaube an die Optimierbarkeit der Welt

Hat  Jesus nicht irgendwie etwas ganz anderes verkündigt als jetzt in der Kirche zu hören ist?


Den Kern der Verkündigung Jesu Christi (Genitivus subjektivus) könnte so veranschaulicht werden: Auf der „Titanic“ ruft ein Prophet aus, daß das Schiff sinken wird und dann nur die in einem Rettungsboot dann Sitzenden werden gerettet werden. Dieses Rettungsboot, die neue „Arche Noahs“ ist die Kirche,zu der die gehören, die Jesus als Sohn Gottes glauben und demgemäß leben. Die alte Welt wird Gott ob ihrer Sündhaftigkeit richten, aber er wird dann einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ errichten, in der dann die Geretteten ewig leben werden. So steht nichts dagegen, daß die Johannesoffenbarung, auch wenn sie modernen Christen ein einziges Greuel ist, Jesu Vorstellung vom Ende der alten Welt entspricht. Jesus als Lehrer der Gerechtigkeit beantwortet so uns die Frage: Wie müssen wir sein und leben,damit wir als „Arche Noah“ Passagiere den Weltuntergang überleben, indem wir in sein Reich Gottes eingehen werden. Das kann als der Kern der Reich Gottes Verkündigung verstanden werden.

Verweilen wir nun im Bild der in ihren Untergang hineinfahrenden „Titanic“. Auf ihr wirkt nun die Kirche. Was sieht sie da als ihre Aufgabe an? Irritiert stellen wir fest: Sie engagiert sich für die 3.Klasse Passagiere, daß es ein Unrecht sei, sie von all dem Luxus des Schiffes auszuschließen, ja sie tritt für bessere Arbeitsbedingungen für das Schiffspersonal ein, nimmt sich der Sorgen und Nöte der Seekranken an. Sie ist diakonisch wirksam und verkündet dabei auch ein neues Evangelium: Gott liebt jeden Passagier so wie er ist.

Wir fahren auf dem Schiff „Titanic“, und sehen uns vor die Aufgabe gestellt, die Seereise schöner, humaner und besonders wichtig sozial gerechter zu gestalten. Ohne Bild formuliert: die Aufgabe, die Gesellschaft zu humanisieren. Nun muß dazu aber die gesamte Verkündigung Jesu transformiert werden in Lehrstücke eines Programmes zur Erreichung einer gerechten und „geschwisterlichen“Welt. So formuliert Papst Franziskus dies Programm als Aufruf an alle Gottgläubigen jeder Religion und den Menschen guten Willens:“von hier aus wollen wir uns gemeinsam für die Verwirklichung des Traumes Gottes einsetzen: dass die Menschheitsfamilie für alle ihre Kinder gastfreundlich und aufnahmebereit werde“. Papst Franziskus, Wir Nachkommen sind gerufen, in Frieden unseren Weg zu gehen, in: „Der Fels, April 2021, S.115. Die „Titanic“ soll also optimiert werden, damit alle Passagiere auf ihr besser als jetzt leben können.

Was bleibt dabei aber von Jesu Christi Reich Gottes Verkündigung übrig? Nichts außer dem Projekt der Lebensqualitätsoptimierung des Passagierlebens auf der „Titanic“. Ein Rettungsboot braucht keiner mehr, weil dies Schiff unsinkbar ist, sofern wir selbst es nicht durch gröbstes Fehlverhalten zum Versinken bringen. Aber gegen diese mögliche Katastrophe engagiert sich die Kirche ja schon vorbildlich unter der Flagge des Primates des Umweltschutzes.Die Seelen rettet die Kirche nicht mehr sondern die Wälder und Wiesen und die lieben Tiere in ihnen. Denn auch jedes Ungezieferlein ist ein erhaltenswertes Tierlein. Aus der Reich Gottes Umkehrpredigt wird so die Proklamation des Glaubens an die Menschenwürde, Gott liebe jeden Menschen, und der Auftrag,das gesellschaftliche Leben dem zu Folge zu humanisieren.

 

Montag, 8. November 2021

„Requiescat in pace“ RiP

Requiescat in pace“ RiP


Er/sie ruht in Frieden- so wird oft übersetzt, aber diese Über-setzung wird dem Konjunktiv nicht gerecht, der hier optativisch zu übersetzen ist: „Möge er/sie doch im Frieden ruhen.“ Dieser Optativ ist nun von größter Bedeutsamkeit, denn nicht ist es selbstverständlich, daß unser Totsein ein Ruhen im Frieden ist, sondern eine Gnade Gottes.

Es sei nun an eine völlig in Vergessenheit geratene Kontroverse zwischen den Reformatoren Luther und Zwingi erinnert. Luther interpretiert die Verheißung Jesu an den reuigen Mitgekreuzigten: „Du wirst heute noch im Paradies sein!“ so, daß der Reuige bis zur Totenauferweckung „schlafe“, daß ihm subjektiv es aber so vorkäme, als wenn er gleich nach seinem Sterben im Himmel sei, denn für ihn verginge subjektiv keine Zeit.

Dieser Seelenschlaftheorie, obzwar sie geeignet dafür war, die Fürbitte der Heiligen im Himmel als eine Unmöglichkeit zu kritisieren, weil ein Schlafender nicht fürbitten kann, ein wesentliches Anliegen der Reformatoren in ihrer antikatholischen Ausrichtung, widerspricht Zwingli vehement. Die Seelen schliefen nicht im Himmel, sondern da leben sie erst richtig auf. Um unseres Körpers willen müßten wir schlafen, die Seele dagegen sei so vital, daß sie statt des Nachts zu schlafen, träumt,weil sie keines Schlafes bedarf. Ist nun die Seele ihres Körpers entledigt, lebt sie sozusagen richtig auf und wird im Jenseits so höchst aktiv werden. So heißt es ja in dem Buch der Weisheit: „denn der vergängliche Leib beschwert die Seele und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist.“ (9,15)Bei Gott zu sein und dann zu schlafen, ist für Zwingli einfach unvorstellbar. Eine Braut schläft doch auch nicht ein, wenn ihr Bräutigam neben ihr sitzt.

Aber was ist nun davon zu halten, daß das Totsein mit einem Ruhen in Frieden gedeutet wird? Ist etwa das ewige Leben ein Ruhen, ein Ausruhen vom irdischen Leben? Traditionell galt das irdische Leben als ein Vorspiel für das wahre jenseitige, man könnte es auch als die Ausbildungszeit für das ewige Leben begreifen. Das wahre Leben war eben das jenseitige.

Wenn der optativische Gehalt, möge es doch ein Ruhen in Frieden sein, darauf verweist, daß das Totsein auch etwas ganz anderes sein kann, nämlich ein Leben im Fegefeuer oder gar in der Hölle, so suggeriert der Indikativ, daß das Totsein sozusagen natürlich ein Ruhen im Frieden ist. Wird das ernst genommen, dann könnte damit nur gemeint sein, daß das Totsein als ein Nichtmehrsein einfach dies Ruhen ist. Im Geiste Epikurs, wenn Ich bin, ist der Tod nicht und wenn der Tod ist, bin Ich nicht mehr, also kann es meinen Tod nicht geben, wird das schlichte Nichtmehrsein euphemistisch zu einem friedlichen Ruhen verklärt.

Aus der christlichen Hoffnung auf eine Überwindung des Todesschicksales wird so eine Versöhnung mit dem Tod, da er ja nichts anderes ist als ein ewiges Schlafen ohne (Alb)Träume. Der Boden, auf dem diese Todesvorstellung fruchtbar wird, ist der der Dekadenz, der Schwächung des Lebenswillens- wir leben eben in einer Zeit der Dekadenz, zumindest im „freien Westen“.