Samstag, 1. September 2018

Pluralität- prinzipiell etwas Gutes?

Nicht soll jetzt das Augenmerk auf die Paradoxie gelegt werden, daß die Liebhaber der Pluralität im Namen der Pluralität die Ausgrenzung aller Kritiker des Ideales der Pluralität fordern, sodaß schlußendlich unter dem Banner dieses Ideales sich ein uniformer Block von "Nazi raus!" Schreiern formiert, sondern es soll gefragt werden, ob denn wirklich Pluralität immer etwas Positives ist.
Spurensuche
1. Fall: Eine Rechenunterrichtsstunde. Die Lehrerin frägt, was 3 und 2 ist, das schwierige Wort "plus" vermeidend, denn sie unterrichtet Tafelerstkläßler. Die Schüler antworten:4, 7, 5,und einer meint gar:32. Ruft jetzt die Rechenlehrerin aus: "Wie wunderbar, eine solche Pluralität von Antworten! Wie kreativ sich doch die Kinder ins Unterrichtgespräch einbringen!" Wird sie nicht stattdessen ganz antipluralistisch gesonnen 5 als die einzig wahre Antwort loben und somit alle anderen Antworten als falsch gegeben diskriminieren? In all den Diskursen, wo es erkannte Wahrheiten gibt, verhalten sich diese Wahrheiten zu Unwahrheiten antipluralistisch diskriminierend. Auch die noch so eloquent vorgetragene Begründung, warum Friedrich Schiller den "Faust" verfaßt hat, wird einen Deutschlehrer im Abitur nicht davon abhalten, diese Darlegung ganz intolerant als falsch zu beurteilen.
2. Fall: Die Frage: "Wird Papst Franziskus ob der Anschuldigungen zurücktreten?". Hier kann niemand es wissen, wie sich zukünftig der Papst verhalten wird- außer vielleicht ihm selber. Hier kann es eine Pluralität von Meinungen, gut oder weniger gut begründet geben, weil die Wahrheit unerkannt ist und die Zukunft erst erweisen wird, was wahr ist, daß er zurücktritt oder daß er nicht zurücktritt. Es gibt also Bereiche, wo eine Frage noch nicht beantwortbar ist, weil noch nicht erkannt ist, was die wahre Antwort auf die gestellte Frage ist. Die Pluralität des Meinens ist hier legitimiert durch das Nichtwissen der Wahrheit. 
3. Fall: Kann es unbeantwortbare Fragen geben in dem Sinne, daß sie nach etwas fragen, was für das menschliche Erkenntnisvermögen nicht erkennbar ist? Dann könnte es für solche Fragen nur eine legitime Pluralität von Meinungen geben mit dem Vermerk, daß die Wahrheit bezüglich dieser Fragen unerkennbar ist. Die meisten würden wohl fast alle Fragen der Religion und alle metaphysischen Philosophien darunter subsumieren: Gibt es Gott, gibt es ein ewiges Leben, gibt es von Gott gebotene Gesetze? Dann ist die Anerkenntnis der Pluralität der Religionen und der verschiedenen Metaphysiken nur die Folge der Einsicht in die Nichtbeantwortbarkeit dieser Fragen. Wie Pontius Pilatus könnten auch wir nur hilflos fragen: Was ist Wahrheit?, und müßten dann in einem Meer von möglichen Antworten auf diese Frage leben, wissend, daß wir nicht erkennen können, was denn wahr ist. Der Pluralismus der Meinungen wäre so das Eingeständnis unseres Unvermögens, die Wahrheit zu erkennen. Das ist selbstredend nichts Gutes sondern die Einsicht in unsere Blindheit für die Fragen der Religion und der Metaphysik. 
4. Fall: Kann es Bereiche geben, in denen die Pluralität etwas Positives ist, wo die Pluralität nicht Folge eines Mangels an Erkenntnis ist? Hierfür könnte  der Bereich der  Kunst ein Kandidat sein. (Nebenbei: Der Philosoph Wolfgang Welsch widmet dem Lob des ästheischen Pluralismus eine ganze, sehr lesenswert Essaysammlung: Ästheisches Denken.)
Nun könnte eingewandt werden, daß diese Pluraliät in der Kunst auch nur eine Folge des Nichterkennens oder der Nichterkennbarkeit des wahren Kunstwerkes ist. Könnte es eine Erkenntnis der wahren Musik gäben, gäbe es keine Pluralität in der Musik. Gäbe es dann nur ein wahres Musikwerk oder viele, die aber dann alle dem Begriff des wahren Musikwerkes entsprächen und darin eins wären? Oder gehört es zur Schöhnheit der Musik, daß es eine unlimitierte Mannigfaltigkeit an Musikwerken gibt, daß es etwa neben der Klassik und moderne Musik gibt, daß es neben dem Operngesang auch die Marschmusik  gibt? Einem würde wohl jeder Liebhaber der Musik zustimmen: Gäbe es nur eine bestimmte Musik als die wahre, wäre das ein Verlust der Lebendigkeit der Musik.Und das gilt wohl für alle Kunstarten. Wenn das Ziel jedes wissenschaftlichen Denkens ist, eine Pluralität von Theorien, warum ist etwas so? aufzuheben in einer Theorie, die etwas Erfragtes vollständig wahr beantwortet, so ist die Kunst ein Raum, in dem um des Lebens der Kunst willen diese Pluralität existiert.  Das evoziert die Frage, ob dort, wo es um das Leben geht, eine Pluralität als lebensbereichernd zu beurteilen ist, wohingegen, wo es um Erkenntnis geht, die Pluralität immer nur ein Mangel  an Erkenntnis ist.
5. Fall: Ist das Leben, damit es reiches Leben ist, pluralistisch verfaßt?  Wenden wir uns der Kultur zu, denken wir an einen der konsequentesten Vertreter der Pluralität der Kulturen, nämlich an Oswald Spengler, dann fällt uns hier die Antwort leicht: Die Pluralität der  Kulturen ist gerade der Reichtum und die Lebendigkeit der Menschheit.Diese Lebendigkeit der Kulturen in ihrem ihnen eigenen Werden und Vergehen ist nun aber bedroht durch die progessierende Globalisierung, durch die alles Differente in eine uniforme Einheitskultur synthetisiert werden soll.  Hier ist die Einheit, das Ideal einer Kultur als der einzig wahren  geradezu der Tod der Kultur. Wir erleiden jetzt ja schon die Verwischung der kulturellen Pluralität durch die Europäisierung der Völker Europas: Gibt es noch eine spezifisch deutsche Kultur in ihrer Differenz etwa zur französischen oder engländischen? Wird Rußland sich zukünftig so verwestlichen, daß es sein Eigenes aufgibt, auch wenn jetzt die russische Staatsführung (Putin) um die Verlebendigung des Ureigenen in Cooperation mit der Russischen Kirche kämpft. Hier müßte also geurteilt werden, daß jede Kultur ihre eigene Wahrheit ist und das ein Zusammenschmelzen aller zu einer Einheitsweltkultur ein Verlust an kulturellem Leben darstellte. 
So muß also das Urteil, daß die Pluralität ein positiver Wert an sich ist, selbst noch einmal pluralisiert werden, denn nicht gilt das für alle Bereiche, nicht für die, wo nach der Wahrheit gefragt wird, wo sie als erkannte präsent ist, oder wo nach ihr gesucht wird. Selbst dort, wo die Wahrheit als nicht erkennbar behauptet wird (ob das wirklich für den Raum der Religionen gilt, soll hier jetzt nicht erörtert werden), ist die Pluralität die Anerkenntnis eines die Wahrheit Nichterkennenkönnes und so etwas Negatives. Es gilt nur für solche Bereiche des Lebens, der Kultur, wo die Pluralität als Lebenssteigerung wahrgenommen wird: daß die Pluralität der Kulturen den Reichtum der Menschheit ausmacht, daß sie eben nicht uniform einheitlich lebt. Wie arm wäre Europa, gäbe es nur die griechische Kultur, und nicht auch die französische, die russische und unsere deutsche.  

Zusätze:
Das Denken ist in sich pluralistisch,indem indikativisch (was ist?), konjunktivisch (was könnte sein) und optativisch (was möge es sein?) und imperativisch (was soll sein!) gedacht wird. Das ist der metaphaysische Grund der Unaufhebbarkeit des Pluralismus im Leben. Gerade die Kunst ist so präfiguriert für einen inneren Pluralismus, weil in ihr das Konjunktivische, Optativische und Imperativische vorherrscht, während das Indikativische in der Wissenschaft vorherrscht. Das Begreifen der in sich pluralistisch strukturierten postmodernen Gesellschaft verlangt so nicht eine Pluralität von Theorien, sofern sie nicht einfach sich ergänzend das Ganze begreifen sollen,sondern nach einer, die Ganze gänzlich begreift. Eventuell könnte die Systemtheorie Niklas Luhmann hier einen Anfangsgrund bilden.   

 

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