Freitag, 7. September 2018

Zeitgeistopportunismus in der Kirche?

Leicht und manchmal zu eilfertig wird gegenüber der Kirche der Vorwurf des Zeitgeistopportunismus erhoben (und auch der Autor selbst kann sich davon nicht ganz frei sprechen), denn es liegt doch so nahe, a) die wahre Lehre der Kirche vor Augen, b) wahrzunehmen, was heute Theologen und selbst Bischöfe und der Papst sagen und dies c) als Akkommodation an den Zeitgeist zu beurteilen.
So ist es schon mehr als augenfällig, wie nun angesichts des Mißbrauchsskandales in der Kirche und dem Faktum, daß circa 80% der Opfer männlichen Geschlechtes sind (nirgends sonst, wo sexueller Mißbrauch sich ereignet sind die Opfer mehrheitlich männlichen Geschlechtes)  und der eindeutigen Verurteilung der ausgelebten Homosexualität als naturwidriges Verhalten, also als Sünde) Kirchenvertreter und Theologen sich die größte Mühe geben, den Zusammenhang zwischen der homosexuellen Orientierung und den Sexualmißbäuchen zu verschleiern.
Papst Franziskus erklärte so den "Klerikalismus" zum Grund der Mißbrauchsfälle- nicht ungeschickt, da er  so die wahre Tätergruppe aus dem Schußfeld nahm und er darauf setzt, daß mit dem Begriff des "Klerikalismus" eher das Negativbild von conservativ, gar traditionalistsch orientierter Priester assoziert wird, sodaß auch so das linksliberale Milieu mit ihrem Ideal auszulebender Sexualität verdrängt wird.
Vorausgesetzt wird dabei aber, daß die so opportunistisch Agierenden, die wissen daß für die politische Korrektheit Homosexuelle "heilige Kühe" sind, die traditionelle Lehre der Kirche auch in dieser Causa bejahen und trotzdem wider besseres Wissen öffentlich die Unwahrheit sagen. Wie nun aber, wenn so ein unzutreffendes Verständnis vom herrschenden Zeitgeist appliziert werden würde?Es wird dabei doch einfach vorausgesetzt, daß der herrschende Zeitgeist den Akteuren nur etwas rein Äußerliches ist, dem sie sich aber unterwerfen- trotz der Erkenntnis der Unwahrheit dieses Geistes- weil sie sich dadurch Vorteile versprechen, wenn auch nur den, nicht in der Öffentlichkeit angegriffen zu werden, wenn sie die wahre Lehre der Kirche verträten.
Ein einfaches Beispiel im Bereich der Vorbereitung auf theologische Prüfungen. Da sagt der Student, daß der Professor A  dies vertritt zur Erbsündenlehre, der Professor B etwas ganz anderes zur Erbsündenlehre und man so Prüfungen zum Thema der Erbsündenlehre nur gut bestehen könne, wenn man weiß, was der jeweilige Prüfungsprofessor dazu lehrt. Was die Wahrheit dieser Lehre ist, interessiert den Prüfungskandidaten dabei überhaupt nicht, denn er lernt den Stoff nur für die Prüfung. Hierbei bleiben ihm die Lehrmeinung der Prüfer rein äußerlich; er darf nur die Professoren nicht verwechseln und dem Professor A sagen, was Professor B hätte hören wollen als richtige Antwort.
Hier ist der Opportunismus leicht zu leben, weil er gar keiner ist: Ich antworte immer nur so, wie es jeweils der Prüfer hören möchte und kann das auch, weil ich weder eine eigene Meinung zu dem Prüfungsstoff habe noch daß ich wüßte, was denn die wahre Lehre der Kirche dazu ist. Ja, die wahre Lehre kommt hört der Theologiestudent nie, weil er stattdessen nur noch Privatlehren der Professoren doziert bekommt.  Das so aber Angelernte kann dann auch jederzeit reproduziert  werden, wenn es darauf ankommt, in der Öffentlichkeit gut anzukommen. Hierbei übernimmt dann die Öffentlichkeit die Rolle des Prüfers: Was habe ich zu sagen, wenn ich hier gut ankommen will?
Aber ist der herrschende Zeitgeist wirklich so etwas den Einzelnen äußerlich Bleibendes? Ist es nicht vielmehr so, daß, um es in psychologischer Begrifflichkeit zu formulieren, die Gehalte des Zeitgeistes unser Überich, unser Gewissen erfüllen und daß nur so ein Zeitgeist zu dem herrschenden Zeitgeist wird? Der Zeitgeist in uns bestimmt dann, wie wir das, was wir als Realität bezeichnen, sehen. Das Wahrnehmen der Realität ist nicht ein objektives Wahrnehmen, wie die Realität ist, sondern ein Produkt unser interpretierenden Wahrnehmung. Unsere Realität ist immer ein vom Subjekt ausgelegte Realität.
Das heißt für die wahre Lehre der Kirche, daß sie von den Heutigen im Geiste des herrschenden Zeitgeistes rezipiert wird, daß  sie nur so noch wahrgenommen wird. Beliebte Phrasen erleichtern das: Das kann man heute so nicht mehr sagen! Das muß heute anders, in einer zeit(geist)gemäßen Sprache neu formuliert werden! Die Tradition ist auch nur in ihrer damaligen Zeitgeistsprache formuliert worden- jetzt muß das neu übersetzt werden....beliebig erweiterbar.
Daraus entsteht dann der Dogmatismus der vom herrschenden Zeitgeist Erfüllten, denn für sie kann nur daß Realität sein, was diesem Geiste entspricht. Nicht wird so eine erkannte und bejahte Wahrheit opportunistisch nicht ausgesprochen, sondern der herrschende Zeitgeist spricht ganz authentisch aus diesen Akteuren. Sie sind reine Medien des herrschenden Zeitgeistes.
Diese Akteure bilden nun geradezu die Antipole zum Klerikalismus, weil für sie die Gleichförmigkeit mit der Welt mit ihrem Meinen das Wichtigstes ist. Hier triumphiert der jedem Menschen eigene Herdentrieb, der Wille in und mit der Herde zu sein, weil das der beste Schutz füt das eigene Überleben ist. Die Steppenwolfexistenz (vgl dazu Hermann Hesse, Der Steppenwolf) ist dagegen die immer gefährdete Existenz, das Dissidentendasein des Intellektuellen, der selbstständig denkend sich vom Man-Gerede, so denkt man darüber Entfremdete. Diese Fremdenfeindlichkeit ist so für den Hordentriebmenschen das selbstverständliche Reagieren auf Andersdenkende- aber nicht aus einem Opportunismus heraus, sondern weil dieser Mensch eben immer nur so denkt, wie man denkt.Die Untertänigkeit dem herrschenden Zeitgeist gegenüber ist so verinnerlicht, daß der moderne "Untertan" (Heinrich Mann), nur jeden Opportunismus verachtet, den Splitter im Augen anderer sehend, den  Balken im eigenen Auge aber nicht wahrnehmend!
Die Existenz dissidentischer Steppenwölfe ist das Erstaunliche, nicht das Denken der Herdentriebexistenz.  

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