Freitag, 14. Dezember 2018

Lesefüchte: Ein Lichtblick auf den Menschen

">Homo homini lupus< [der Mensch ist des Menschen Wolf] ist ein trauriger,aber ewig gültiger Wahrspruch." C.G.Jung, Psychologie und Religion, 2.Auflage, 1972, S.21. So deutet nun dieser Psychologe dies berühmte Votum Thomas Hobbes: "Der Mensch hat tatsächlich Grund genug, jene nichtpesönlichen Kräfte zu fürchten, die im Unbewußten wohnen. Wir befinden uns in seliger Unbewußtheit über jene Kräfte, weil sie niemals oder wenigstens fast niemals in unserm persönlichen Handeln und unter gewöhnlichen Umständen in Erscheinung treten. Wenn aber andererseits Menschen sich anhäufen und einen Mob bilden, dann werden Dynamismen des Kollektivmenschen entfesselt-Bestien oder Dämonen, welche in jedem Einzelnen schlafend liegen, bis er zum Partikel einer Masse wird. Der Mensch in der Masse sinkt unbewußt  auf ein niedrigeres moralisches und intellektuelles Niveau; auf das Niveau, das immer da ist unter der Schwelle des Bewußtseins. Hier ist das Unterbewußte immer bereit, loszubrechen, sobald es durch die Bildung einer Masse unterstützt und hervorgockt wird." (S.21f)
Der Diskurs über den Menschen, was ist er wie?, leidet oft an einer Vermischung indikatvischer Aussagen, wie ist er? mit imperativischen, wie soll er sein? und optatvischer: o, möge er doch so sein! Dazu gesellt sich dann noch das Problem der Zeit: Ist der Mensch ein  sich immer Gleichbleibendes, ist er heute so, wie er immer war und wird er immer so bleiben? und der konjunktivischen Frage:Könnte er anders sein, als er ist? 
C.G.Jung wagt hier eine provokative Aussage über den Menschen, so wie er immer war und sein wird: "ein ewig gültiger Wahrspruch". Das heißt, daß es konstitutiv für das Menschsein ist, daß in ihm ein nichtindividueles Unterbewußtsein existiert, das ihm im Regelfall nicht bewußt ist, das aber das Individuum bestimmt, wenn es als Teil einer Masse agiert.Dies  Kolleltivunterbewußtsein distinguiert sich nun deutlich von dem Über-Ich, das im Regelfall unser Agieren in der Welt normiert.
Woher kommt nun aber diese Negativtendenz dieses Unterbewußten, sein Bestien- und Dämonenhaftes? Meint das einfach, daß es als Unterbewußtes und nicht vom Einzelich Beherrschtes daimonisch ist?  Äußerer Anlaß dieser Beurteilung dieses Unterbewußten scheinen für Jung der 1.Weltkrieg und die russische Oktoberrevolution gewesen zu sein. (S.19), aber ob diese politischen Ereignisse wirklich aus einem kollektiven Unterbewußtsein heraus erklärbar sind, ist doch fraglich. 
Aus theologischer, nicht psychologischer Perspektive liegt es nahe, diese Wahrnehmung des Menschen als eine psychologische Darstellung dessen zu lesen, was die Theologie als die Erbsünde expliziert. Der nichtindividuelle Charakter meint dann die menschliche Natur, so wie sie uns nach dem Sündenfall Adams zukommt. Jede individuelle Existenz setzt ja die Essenz des Menschseins voraus, aus der sich dann das Indiviuum individuiert. Dies Menschsein ist nun das, wozu sich Adam bestimmt hat als er als das Urbild des Menschseins sich zum Sünder bestimmte durch seine Sünde. Er wählte damit das Menschsein.
Grimms Märchen: "Die Lebenszeit" bringt das aufs feinsinnigste zum Ausdruck, wie die Wahl eines Urmenschen das Schicksal aller Menschen ist. Gott frägt Tiere, wie alt sie werden möchte. Das jeweils gefragte Tier bestimmt so die Lebenszeit seiner Art. Zuerst frägt Gott des Esel, ob er 30 Jahre auf Erden leben möchte. Das war ihm angesichts der Mühsal zu viel. 18 Jahre hat er so zu leben, der Hund handelte Gott auf 12 Jahre Erdenzeit runter, der Affe auf 10 Jahre. Nur dem Menschen waren die 30 Jahre von Gott ihm angebotene Lebenszeit zu wenig: Er wollte länger leben. Er bekam dann 70 Jahre, so viel wie der Esel, der Hund und der Affe zusammen zusätzlich zu den 30 Lebensjahren.
Das Ereignis seiner Lebenszeitwahl: (es ist so schön formuliert, daß ich hier ausführlich zitiere: (Grimms Märchen, Otus Verlag 2014, S.280, wunderschön illustriert):
"Also lebt der Mensch siebzig Jahr. Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre; die gehen schnell dahin; er ist gesund,heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der anderen aufgelegt: Er muss das Korn tragen, das Andere nährt, und Schläge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen.Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluss. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird zum Spott der Kinder."  
Dies Schicksal hat der Mensch sich selbst erwählt, indem ihm das von Gott Gewährte nicht reichte und er noch die Lebenszeit des Esels, des Hundes und des Affen dazuhaben wollte. Wie hier durch die Wahl des einen Urmenschen das Leben aller Menschen bestimmt wurde, so bestimmte Adam durch seine Wahl das Menschsein als dem, was dann individuiert den Einzelmenschen ergibt. 
So könnte dies von Jung beschriebene Kollekivunterbewußtsein den alten Adam in uns meinen, der gerade dann zu triumphieren weiß, wenn die Kontrollstärke des Über-Iches durch das Sein in der Masse geschwächt wird, denn jetzt ersetzt das Massenverhalten das das  Verhalten sonst normierende Über-Ich. Dann gilt diese Aussage Jungs über den Menschen auch nur dem postlapsarischen Menschen, nicht ihm vor dem Sündenfall und auch nicht ihm im ewigen Leben. Aber als Beschreibung des erbsündlichen Menschen ist diese Darstellung bedenkenswert. 

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