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Diese
Fragegestellung, den Niedergang des Christentumes in Europa vor
Augen, impliziert, daß es für die christliche Religion und den
christlichen Glauben eine Basis gibt, die noch nicht selbst die
christliche Religion ist, auf die sie sich aber auferbaut, so wie das
Fundament eines Hauses noch nicht selbst das Haus ist, ohne das aber
kein Haus erbaubar ist. Ist das Fundament aber instabil,wird das Haus
gar auf Treibsand errichtet, droht der Zusammenbruch spätestens bei
einem Starkregen.
Daß
zumindest in Westeuropa aber wohl auch in den USA die christliche
Religion am verlöschen ist, die Katholische Kirche zumindest in
Westeuropa einem Patienten auf der Palliativstation gleicht, ist
nicht mehr übersehbar. (Wer es anders sieht, möge einmal sich
Predigten von Pater Karl Wallner anhören, -Missio Österreich- oder
sich das Schlafleben des Deutschen Katholizismus vor Augen halten.)
Nur was
ist denn das Fundament der christlichen Religion? Darauf kann eine
eindeutige Antwort gegeben werden: Es ist die Aussage, daß Gott ist
bzw existiert. Wird diese Aussage bestritten oder als nicht gewiß
beurteilt, sondern: Eventuell könnte es Gott geben, vielleicht aber
auch nicht, dann fällt die christliche Religion wie ein Kartenhaus
in sich zusammen. Es gab Versuche, das Christentum ohne dieses
Fundament neu zu fundieren in sogenannten materialistischen Ansätzen.
Es sei an Ernst Blochs materialistische Bibellektüre erinnert auf
der Suche nach Befreiungs-impulsen in ihr, auf Versuche einer
materialistischen Exegese im Umfeld der marxistisch fundierten
Befreiungstheologie. Versimplifiziert formuliert: Die religiöse
Vorstellungswelt der Bibel verhülle nur den wahren Kern von
Hoffnungsgeschichten der Befreiung des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit und Selbstentfremdung von sich
selbst. Jesus von Nazareth war dann eben ein subversiver
Revolutionär, der erst nach dem Scheitern seiner subversiven Praxis
vergöttlicht wurde, sodaß es nun gälte, ihn zu rehumanisieren zum
Appell zur Humanisierung der Welt.
Daß
Gott sich in Jesus offenbart habe, setzt eben notwendig ein Vorwissen
und Vorverständnis von Gott voraus, damit die göttliche
Selbstoffenbarung überhaupt beim Menschen als etwas Verstehbares
ankommen kann. (Es ist ein großes Verdienst des evangelischen
Theologen Paul Althaus, dies mit seinem Konzept der göttlichen
Uroffenbarung (siehe seine Dogmatik) überzeugend expliziert zu
haben.)
In der
Katholischen Theologie übernimmt die philosophische Gotteserkenntnis
und Gotteslehre diese Aufgabe der Fundierung der christlichen
Religion. Daß und wie Gott vom vernünftigen Denken erfaßt werden
kann, bildet so das Fundament der christlichen Religion.Nur steht die
katholische Theologie in der Moderne vor der sie bedrängenden und
wohl auch konfundierenden Anfrage: Kann das das philosophische Denken
noch leisten?
Finden
sich nun in N. Fischers: „Die philosophische Frage nach Gott“
(1995) Antworten auf diese die katholische Frage so bedrängende
Fragestellung. Vorab, dies Buch will selbst keine philosophische
Gotteslehre explizieren sondern limitiuert sich auf den Nachweis der
Nichthintergehbarkeit der Frage nach Gott mit der klugen These, daß
jede Antwort auf die Frage nach Gott, daß es ist oder nicht ist, ob
er gewiß oder nur ungewiß ist oder nicht ist, eine metaphysische
Antwort ist, daß selbst die Verneinung des Sinnes dieser Frage nach
Gott eine metaphysische ist. Also ist notwendig jedes ernsthafte
Denken letztendlich metaphysisch, aber dies Denken determiniert nicht
eine positive Antwort auf die Frage: Gibt es Gott?
Aber was
weiß den dieses offene philosophische Fragen nach Gott schon immer
von Gott, damit es überhaupt ein sinnvolles Fragen sein kann, daß
etwa die Antwort: „Die vor mir stehende Teetasse ist Gott“ auf
jeden Fall als unsinnige Antwort auf die Gottesfrage zu beurteilen
ist. Gäbe es gar kein Wissen von Gott, könnte ja selbst diese
Antwort nicht mit Bestimmtheit verneint werden!
Gott sei
unendlich und so dem endlichen Denken des Menschen entzogen, ist die
Grundthese dieses Buches von Professor Fischer. Der Mensch frage so
nach etwas, „das ihn und seine Auffassungsgabe unendlich
übersteigt.“ (S.20) Das klingt ad hoc plausibel und auch
christlich fromm, weil hier der Denkende demütig seine Grenzen
erkennt und anerkennt. Aber ist diese Aussage auch wahr? Wenn Gott
als unendlich gedacht
wird, ist dann das menschliche Denken als in oder außerhalb der
Unendlichkeit Gottes zu denken? Würde es als außerhalb der
Unendlichkeit Gottes gedacht, dann wäre Gottes Unendlichkeit durch
dies menschliche Denken limitiert: Wo der Mensch denkt, denkt Gott
nicht und wo Gott denkt, denkt der Mensch nicht. Die Unendlichkeit
zerfiele uns dann in die Einheit, in der sowohl das göttliche wie
auch das menschliche Denken verortet wären als zwei sich
wechselseitige begrenzende Denkakte. Fällt aber das menschliche
Denken in die göttliche Unendlichkeit, dann wird man denknotwendig
in einer irgendwie gearteten Hegelei enden, daß das menschliche
Denken von Gott das Denken Gottes von sich selbst ist. Das Denken
wird so pan- oder panentheistisch. Dann fällt aber die These, daß
das menschliche Denken Gott begreifen kann, in sich selbst zusammen,
denn in der vollkommenden Philosophie erkennte Gott sich selbst, wäre
die Geschichte des philosoohischen Denkens geradezu der Prozeß der
Selbsthervorbringung des sich selbst erkennenden Gottes. (Vgl dazu
Hegels Phänomenologie des Geistes als nicht überbietbare Konzeption
dieses Gedankens.)
Also
es bleibt, um die Differenz von Gott und dem menschlichen Denken von
Gott denken zu können nur der Ausweg, Gott selbst als durch die
Setzung des menschlichen Denkens sich selbst limitieren habend zu
denken. Aber hier ist zu schnell gedacht worden. Es gibt eine
Alternative, die mustergültig vom atheistischen Denker Lenin
expliziert wurde. (Lenin,
Materialismus und Empiriokritizismus)Der
Kerngedanke: Das, was unabhängig objektiv existiert ist ein
unendliches Etwas, aus dem heraus sich alles Seiende entwickelt hat
bis zu der Entwickelung der Subjektivität, daß das unendliche Etwas
das Vermögen zur Erkenntnis seiner selbst hervorgebracht hat.Alles
ist eins, aus dem alles Einzelne als vergängliche
Organisationsstruktur des Einen heraus sich entwickelt und wohl auch
in dies Eine dann zurückfällt. Alle Näherbestimmungen diese Etwas
sind dann die Aufgabe der Naturwissenschaft, der philosophische
Diskurs entfaltet nur die Erkenntnis des Einen als das Eine, aus dem
heraus sich alles nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten, denen des
dialektischen
Materialismus entwickelt.
So kann die Frage nach dem Unendlichen philosophisch respondiert
werden, ohne daß das Unendliche mit Gott identifiziert werden muß.
Ist so das menschliche Denken ein Moment der Unendlichkeit, kann es
so auch das Unendliche als das rein Objektive begreifen. Das ist der
erkenntnistheoretische Optimismus der Philosophie des dialektischen
Materialismus. (Eine
katechismusartige Zusammenfassung präsentiert die bekannte Schrift
Joseph Stalins: Über
dialektischen und historischen Materialismus, eine
fundierte Kritik : I. Fetscher in seiner kommentierten Ausgabe dieser
Stalinschrift.)
Wie
ändert sich nun die Lage des endlichen Denkens über Gott, wenn Gott
als sich selbst denkend und erkennend gedacht wird, also nicht als
unendliches Etwas? Fischer urteilt vorschnell, daß alles
wissenschaftliche und somit auch philosophische Denken Gott dann
verobjektiviere und so Gott notwendig verfehlen müsse. Da aber jedes
menschliche Sichverhalten zu etwas dies etwas verobjektiviert, müßte
dann konsekutiert werden, daß das menschliche Denken alles, was es
meint zu erkennen, notwendig verkennt, weil alles ihm durch das
Denken zum Objekt wird. Durch jedes mögliche Prädikat wird jedem
Subjekt alles, worauf es sich prädikativ bezieht, zum Objekt. Selbst
die Aussage: „Ich liebe dich!“ macht den so Geliebten zum Objekt
der Liebe.
Wenn nun
aber Gott nicht wie bei Lenin als das unendliche Etwas (die
Materie)gedacht und somit Gott als Urgrund von allem
vermaterialisiert wird, sondern als sich selbst Erkennender, dann und
nur dann wird das Unendliche als Gott gedacht. Dann verobjektiviert
Gott sich selbst im Sichselbstdenken und Selbsterkennen. Daraus
ergibt sich die Konsequenz, daß das menschliche Denken Gott erkennen
kann, wenn Gott als der sich selbst Erkennender und sich darin
Verobjektivierender dem menschlichen Denken Anteil gibt an seiner
eigenen objektiven Erkenntnis seiner selbst.
In einem
Kriminalfilm, denken wir etwa an die gediegene Unterhaltungsserie:
„Inspektor Barnaby“, sucht und findet der Inspektor Indizien, bis
er gut begründet urteilen kann: „Sie halte ich für den Mörder!“,
aber daß er es dann auch wirklich ist, diese Erkenntnis ereignet
sich erst durch das Geständnis, die Selbstoffenbarung des Täters.
Darum endet jede Folge nicht etwa mit der Darlegung der Gründe,
warum dieser als der Mörder anzusehen ist, sondern mit der
beichtartigen Selbstoffenbarung des Täters: „Ja, ich bin der
Täter!“
Könnte
so das philosophische Denken nicht bis zu der Erkenntnis
fortschreiten, daß die Frage, ob das Unendliche Gott oder eine
unendliche Materie ist (wobei der Begriff der Materie dann von allen
substantuiellen Vorstellungen frei zu halten wäre,denn es meint nur
das, was als objektiver Grund von allem ist), nur durch eine
Selbstoffenbarung dieses Unendlichen beantwortet werden kann?
Eines
muß aber klar sein: Verschwindet das philosophische Fundament der
christlichen Religion, mutiert der Glaube zu dem Ergebnis einer rein
dezisionistischen Entscheidung, einer somit irrationalen Wahl. Kann
das aber ein Fundament für einen lebensstarken Glauben werden oder
nur für einen angekränkelten, denn schlußendlich glaubt dieser
Glaube nur an sich selbst, daß man sich halt richtig entschieden
habe im Wissen um die Unbegründetheit dieser Entscheidung zum
Glauben?