Samstag, 21. Januar 2017

Irritierendes zum Ideal der Enthaltsamkeit

Wer die Bibel kennen lernen möchtend, anfinge, sie vom Anfange an zu lesen, der stieße erstaunlich schnell auf das 1.Gebot, das Gott dem Menschen gab: "Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde" (1.Mose 1,28). (Näheres dazu in meinem Buch: Der zensierte Gott)  Gott gibt seinem erwählten Volke die Verheißung, daß er aus ihm ein großes Volk machen will mit unzähligen Nachkommen. Eine von Gott gesegnete Ehe ist eine kinderreiche. Von dem Ideal der Enthaltsamkeit dagegen  finden wir im Alten Testament keine Spur und auch dem Neuen Testament ist die Enthaltsamkeit eine Marginalie. Der Apostel Paulus reflektiert darüber, ob es für den Verkündigungsdienst nicht vorteilhafter ist, ungebunden enthaltsam zu leben. 
Und wie soll das Ideal der Enthaltsamkeit mit dem ersten Gebot Gottes in Einklang zu bringen sein?Enthaltsame können sich nicht vermehren.
Ein Verdacht drängt sich da auf: Bis zur Moderne war das Leben der Menschen, von ihrer Zeit als Jäger und Sammler angefangen bestimmt durch die Erfahrung des Mangels. Es ereigneten sich immer wieder Zeiten des Zuwenigs an den Grundnahrungsmitteln, man erlitt Hungersnöte. Damit hat der Mensch gelernt, umzugehen. Nicht alles Vorhandende sofort zu verkonsumieren sondern man legte Vorräte für schechte Zeiten an, man hielt Maß, um zu sparen, damit in der Not dann das Aufgesparte noch da war. Und man lernte eben auch, mit wenig auszukommen. Die Faktizität des Mangels bestimmte so die Kultur mit ihren Lebensidealen.
Eine Familie konnte sich eben nicht unbegrenzt viele Kinder "leisten", sie mußten ja auch ernährt werden. Nur, es gab nicht zu allen Zeiten eine Armenfürsorge, die dann Kinder der Ärmsten in ihre Obhut nahm. Die Enthaltsamkeit, auch und gerade die sexuelle ist somit gesehen eine kulturelle Umgangsweise mit dem Problem des Mangels: Der Mangel verlangte Menschen, die befähigt waren, ihre elementarsten Bedürfnisse, weil zum Leben und Überleben unbedingt nötig  nach Nahrung und gelebter Sexualität streng zu reglementieren. Äße und tränke der Mensch nicht, pflanzte er sich nicht fort, stürbe er aus!  
Könnte es also sein, daß das Ideal der Enthaltsamkeit gar kein ewig gültiger Wert ist, sondern einer,der wie ale Werte seine Konjunktur hat? Das hieße, daß die Moderne mit ihrer Tendenz zur Überflußkrise diesem Ideal den Boden entzieht. Der Begriff der Überflußkrise meint, daß die Produktion der Waren und Diensleistungen die Nachfrage nach ihnen auf dem freien Markt übersteigt, daß sie so nicht mehr absetzbar sind. Dabei ist strikt der Begriff des Bedarfes von dem der Nachfrage zu distinguieren: So gibt es viel Bedarf an Nahrungsmitteln, wenn aber keine Kaufkraft diesem Bedarf zur Hilfe kommt, wird für diesen Bedarf nicht produziert. 
Pointiert ausgedrückt: Der enthatsam Konsumierende wäre der Ruin jeder modernen Wirtschaft. Die Moderne verlangt so um des Funktionierens der Wirtschaft willen den enthemmten Konsumenten. Das Ideal der Enthaltsamkeit, in vormodernen Zeiten ein Gebot der Reaktion auf den Mangel, wird in den Zeiten des Überflusses zu einer dysfunktionalen Einstellung.
Nun wurde in dieser kleinen Erwägung noch nichts ausgesagt über das Verhältnis von sexueller Enthaltsamkeit zum generellen Ideal der Enthaltsamkeit. Meine These dazu: Das Ideal der sexuellen Enthaltsamkeit ist das Grundmuster des generellen Ideals des enthaltsamen Lebens in Zeiten, die vom Mangel bestimmt sind.In der Grunddisziplin der sexuellen Enthaltsamkeit wird erlernt, auf Elementares zu verzichten, die Realisierung dieses Grundbedürfnisses auf "Morgen" zu verschieben. Der Mangel verlangte das um des Überlebens willen.
Aber wenn die Zeiten des Mangels vorbei sind? So zuwider das auch der Moraltheologie sein muß, faktisch kann heute die Sexualität gelebt werden, ohne daß Kinder dabei  entstehen. War in den Zeiten des Mangels die sexuelle Enthaltsamkeit der Weg, ungewünschten Nachwuchs zu verhindern, erfüllt jetzt die Pille und das Kondom diese Verhindeungsfunktion- Sexualität kann so unbegrenzt gelebt werden. Zwang einst die Not, der Mangel zur sexuellen Enthaltsamkeit so jetzt nur noch die Moral der Kirche, der aber keine Lebensnotwendigkeit mehr korreliert. Das macht sie kraftlos. 
Grundsätzlich muß aber konstatiert werden, daß das Ideal der Enthaltsamkeit nie ganz harmonisch sich zum 1.Gebot Gottes verhielt. Lebten alle Menschen so enthaltsam wie Jesus Christus und sein Apostel Paulus- die Menschheit würde zum Tode verurteilt sein!  

Corollarium 1
Es ist nun eine der großen Listen der Natur, den zur Fortpflanzung des Menschen unbedingt notwendigen Akt so mit einem Lustgewinn zu verbinden, daß der Mensch so um der Lust willen das unternimmt, was er als Pflicht zu tuen hat, aber die göttliche Vorsehung setzt hier weniger auf die Einsicht des Menschen in das Pflichtgemäße des Sichfortpflanzens und Soerhaltens als auf die Antriebkraft des Lustgewinnes- um des Lebens der Menschen willen! Nur der moderne Mensch überlistet nun mit den Verhütungsmitteln, auch den natürlichen die List der Natur.   

Corollarium 2
Die Vorstellung von den höheren und den niederen Bedürfnissen erachtet etwa das Lesen von Thomas Mann Romanen zu den höheren Gütern, den Geschlechtsverkehr zu den niederen. Auf das Einzelindividuum hin betrachtet, ist das wahr, für das Gattungswesen Mensch ist es aber unwahr, denn ohne den vollzogenen Geschechtsverkehr stürbe der Mensch aus, wohingegen das nicht mehr Gelesenwerden von Thomas Mann Romanen nur ein Verlust an humaner Kultur wäre.   

Corollarium 3
Man beachte das Verb: "bevölkern" im 1.Gebot Gottes. Gott will das Menschsein in der Vielfalt von Völkern, die als Völker die Welt bewohnen, und nicht einfach als atomisierte Individuen.

                      

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