Dienstag, 27. Juli 2021

Zur Diskussion um den Kampf wider die „Alte Messe“



Per Brief nahm Pater Pagliarani zum Motu proprio: „Traditionis custodes“ für die Piusbruderschaft Stellung. (siehe die Internetseite der Piusbruderschaft vom 23.7.2021) Die Kernthese des Briefes lautet, daß die nachkonziliare Kirche sich so weit von dem wahren Katholischen wegentwickelt habe, daß die „Tridentinische Messe“ nicht mehr in sie hineinpasse, weil nur sie die wahrhaft katholische sei. Gegen Papst Benedikts Anliegen einer Hemeneutik der Kontnuität müße illusionslos der Bruch des 2.Vaticanums mit der katholischen Tradition in den wesentlichen Fragen des Glaubens anerkannt werden. In die so sich herausgebildet habende Nachkonzilskirche passe nur noch die „Neue Messe“, da sie so unkatholisch sei wie diese Nachkonzikskirche.

Damit bestätigt dieser Briefkommentar die linksliberale Deutung der jüngeren Kirchengeschichte, daß das 2. Vaticanum in einer Diskontinuität zum Vorherigen stünde, nur daß diese Diskontinuität linksliberal als ein Fortschritt bejubelt wird, durch den die Kirche das nicht mehr Zeitgemäße hinter sich gelassen habe, wohingegen die traditinalistische Deutung diese Diskontinuität als den Abfall vom wahrhaft Katholischen ansieht.

Es soll nun ein befremdliches Problem der lutherischen Deutung der Paulusbriefe und des Jakobusbriefes erinnert. Luthers Anliegen war es ja, die katholische Rechtfertigungslehre zu widerlegen, daß sie mit der Lehre der Bibel nicht vereinbar sei und als die Alternative eine rein biblische und schriftgemäße Rechtfertigungslehre zu entwickeln. Paulus mußte aber dann einräumen, daß der Jakobusbrief seiner an den Apostelfürsten Paulus gewonnenen Rechtfertigungslehre widerspräche, ja es kam noch schlimmer: Paulus und Jakobus widersprächen sich in der wichtigsten Frage des christlichen Glaubens, wie der Mensch vor Gott gerecht wird! Wenn Paulus recht hätte, habe Jakobus sich geirrt, und wenn Jakobus recht hätte, hätte Paulus sich geirrt. Die hl. Schrift widerstreite sich selber. Luther entschied sich nun, Paulus recht zu geben, weil Paulus seiner Lehre entsprach und den Jakobusbrief als Abfall vom wahren evangelischen Glauben zu verurteilen.

Kann es sein, daß die Bibel sich selbst in einer so gewichtigen Frage widerspricht, sodaß dann der Ausleger entscheiden muß, welcher Partei er recht gibt? Die theologische Auslegungsnorm sagt nun, daß die Bibel sich zumindest in wichtigen theologischen Aussagen nicht widersprechen kann, denn sie ist eine heilige Schrift. Deshalb gilt: Die Schriften der Bibel sind so auszulegen, daß sie sich nicht widersprechen. Diese Norm schließt nicht aus, daß ob der Polyinterpretabilität von Texten auch Schriften der Bibel so ausgelegt werden können, daß sie sich widersprechen, wie es etwa Luther praktizierte. Aber sie sagt, daß solche Auslegungen irregulär sind, weil sie die katholischen Auslegungsnorm widersprechen. So kann ja auch jeder bei Rot über die Ampel gehen, aber die Straßenverkehrsordnung erlaubt dies nicht.

Wird nun diese katholische Auslegungsnorm auf die Texte des 2.Vaticanums und der „Neuen Messe“ appliziert, ergibt das, daß weder die Texte dieses Reformkonziles noch die „Neue Messe“ so interpretiert werden, als verhielten sie sich im Widerspruch zur katholischen Tradition. Das wäre so, als behauptete wer, daß der Jakobusbrief die Theologie des Paulus widerlegte. Aber dieser Brief ist nur adäquat ausgelegt, wenn er als nicht der paulinischen Theologie widerstreitend gedeutet wird.

Die einzig reguläre Deutung des 2.Vaticanums ist also eine, die diesen Textkörper als im Einklang mit der Tradition sich befindend deutet. Diese Texte können anders gedeutet werden ob der Polyinterpretabilität jedes Textes, aber nicht jede mögliche Ausdeutung ist auch eine erlaubte. Die theologische Begründung dieser katholischen Auslegungsnorm ist der Glaube, daß Jesus Christus als der lebendige Herr seiner Kirche einen solchen Bruch mit der Tradition nicht zulassen kann, weil er selbst durch seine Kirche das Heil wirken will. Luthers antikatholisches Anliegen manifestiert sich vor allem in seiner Lehre, daß Konzilien irren können, ja, daß sogar ein Text des Neuen Testamentes gravierende theologische Irrtümer enthalten kann. Linksliberale wie auch traditionalistische Ausleger folgen hier nun Luther, indem die einen urteilen, daß eigentlich alle vorkonziliaren Konzile sich geirrt hätten, nur das 2. Vaticanum nicht und die anderen, daß nur das 2.Konzil sich geirrt hätte. Aber die katholische Auslegungsnorm besagt, daß nur wenn alle Konzilstexte als sich nicht widerstreitend gedeutet werden, sie wahrhaft katholisch ausgelegt werden.


Unbestreitbar ist nun aber, daß der heutzutage vorherrschende Linksliberalismus diese Auslegungsnorm reprobierend die Texte des 2.Vaticanums als den Bruch mit der Tradition auslegen, die „Neue Messe“ so als Nein zur „Alten Messe“, um so eine neue Kirche zu kreieren, die möglichst alles Katholische hinter sich läßt. Das ist zwar eine mögliche aber irreguläre Ausdeutung dieser Texte. Aber eine solch irreguläre Ausdeutung präsentiert nun auch dieser Brief der Piusbruderschaft.

Eine große Illusion ist es eben, daß Texte, so wie sie sind, unmittelbar gelesen und verstanden werden könnten, weil so die Deutungsleistung des Lesers vergessen wird. In der Katholischen Kirche gibt es aber nun verbindliche Auslegungsnormen, gegen die nicht nur Luther verstieß, wenn er zu seinem Ergebnis kam, daß entweder Paulus oder Jakobus recht hätten, aber nicht beide.

Eingeräumt werden muß, daß das 2.Vaticanum in glaubensschwachen Zeiten abgehalten, manches enthält, was den Katholischen Glauben verdunkelt oder wie die „Neue Messe“ verunklart, aber es kann ob der Königsherrschaft Jesu Christi keinen solchen Abfall der Kirche geben, daß ein ganzes Konzil irrte oder daß durch eine Liturgiereform die Katholische Messe wirklich abgeschafft wurde. Der Katholische Glaube kann nur in glaubensschwachen Zeiten verdunkelt, unklar werden. Man gäbe den linksliberalen modernistischen Auslegern zu Unrecht recht, urteilte man mit ihnen, daß die Nachkonzilskirche nur noch im Widerspruch zur Katholischen Tradition sich befände. Daß Papst Franziskus und das ganze Reformlager mit ihm die Katholische Kirche abschaffen und durch eine zeitgeistgemäße ersetzen möchten, widerspricht dem nun aber nicht. Das beweist nur die Polyinterpretabilität von Texten.



 

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