Mittwoch, 16. Dezember 2015

Das Gute tuen, und wenn die Welt dran zu Grunde geht. Zum moralischen Rigorismus

Gesetzt den Fall, ein Mann kommt in meine Wohnung, sagt mir, er wolle meine Frau erschießen, und er frägt mich: "Ist ihre Frau in der Küche?", so stellt die Moralphilosophie die Frage: Ist es in diesem Falle erlaubt, zu lügen und zu sagen, daß sie nicht da ist. Ein moralischer Rigorist (so auch Kant) urteilt: Auch dann darf ich nicht lügen. Das ist das Problem des moralischen Rigorismus: Er verlangt, das Gute zu tuen (in diesem Falle, die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen) auch wenn die Folgen der Wahrheitsliebe katastrophal sind. Die Moral verliert dabei den Kontakt zum Leben und wird lebensfeindlich. 
Wer in einem Rettungsboot sitzt, während das Passagierschiff untergeht, kann nicht unbegrenzt viele im Meer Schwimmende ins Boot aufnehmen, denn überfüllt wird das Rettungsboot sinken und so alle dem Ertrinkungstod aussetzen. Aber, so lautet dann der moralische Einwand: Es ist unmoralisch, Ertrinkende nicht in das Rettungsboot aufzunehmen. Man muß sie aufnehmen. Irgendwie wird es schon gehen. Als zynisch wird dann der Leiter des Bootes empfunden, der aussagt: "Es kann keiner mehr aufgenommen werden, unsere Aufnahmekapazität ist fast schon überschritten." Ja, die Feststellung, das Boot ist voll, gilt Moralisten geradezu als die unmenschliche Parole schlechthin. Die Frage, ob denn das Boot über eine unbegrenzte Aufnahmefähigkeit verfüge, wird schon als unmoralisch gestimmt, reprobiert. So dürfe nicht gefragt werden. Weil man verpflichtet sei, jeden Ertrinkenden zu retten, müsse eben die Aufnahmekapazität des Rettungbootes unbegrenzt sein, urteilt der Moralist. Nur, was, wenn die Welt diesen moralischen Ansprüchen nicht genügt, daß in ihr es mehr zu ertrinken Drohende gibt als Plätze in den Rettungsbooten. Nun mag man die Weigerung der Insassen eines Rettungsbootes als egoistisch verdammen, wenn sie angesichts des schon übervollen Bootes keine weiteren mehr aufnehmen wollen- aber die Alternative lautet: Wir nehmen alle auf und dann gehen wir alle im Rettungsboot gemeinsam unter. 
Wer angesichts der Asylantenflut von begrenzten Aufnahmekapazitäten auch Deutschlands spricht, hat überall eine schlechte Presse, bei der Kirche wie in den Massenmedien, denn er gilt da als unmoralisch urteilend. Aber was ist von einer Moral zu halten, die zum Untergang aller führt? 
Und was ist von Moralisten zu halten, die nichts dagegen einzuwenden haben, wenn infolge eines strikten Verbotes vom Lügen im obigen Falle die Ehefrau ermordet wird, weil der Mann verpflichtet war, dem Mörder die Wahrheit zu sagen und daß dann das Boot mit allen Insassen untergeht infolge der Überfüllung? Ist es nicht etwas sehr Fragwürdiges, wenn um der Moral willen das Leben zerstört werden soll? Man möge sich versuchen, vorzustellen, daß die Kinder Evas und Adams sich strikt an die moralische Verwerfung der Inzestehe gehalten hätten. Da alle lebenden Menschen auf der Erde leibliche Kinder des ersten Elternpaares waren, konnten sie sich nur fortpflanzen, wenn sie intim geworden sind mit ihren leiblichen Geschwistern. Wären die Kinder Adams und Evas moralische Rigoristen gewesen, die Menschheit wäre mit dem Absterben der ersten Kinder schon ausgestorben.
Welch ein fataler Triumph der Moral über das Leben!                         

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