Samstag, 18. Januar 2020

Irritierendes: Der neue Mensch als (vergessene?)Aufgabe

Aufgabe des Menschen, das ist eine vieldeutige Aussage. Meint es, eine, oder die Aufgabe für den Menschen, die er sich stellt bzw. die er gestellt bekommt oder soll der Mensch sich aufgeben, soll er aufgegeben werden? Ist der neue Mensch in diesem doppelten Sinne das Ziel der Aufgabe des Menschen? Der neue Mensch ist erstmal ein christlicher Begriff, wenn darunter verstanden wird, daß der Christ sein altes Gewand des Adams ablegen und sein neues in Christo anziehen soll.Eschatologisch wird sein alter zur Sterblichkeit bestimmter Leib verklärt werden zu einem nicht mehr der Sterblichkeit unterworfenen Leib. 
In Korinth wurde Paulus ja angefragt, wie denn ein ewiges Leben für uns Menschen möglich sein soll, wenn wir nicht nur als Seele sondern auch leiblich ewig leben werden, wo doch zu jeder Leiblichkeit konstitutiv die  Vergänglichkeit gehört. Paulus erwiderte, daß es auch eine nicht vergängliche Leiblichkeit gibt und in eine solche würde unser Körper nach der Auferstehung der Toten verwandelt werden. Vgl: 1.Kor. 15. Also kennt Paulus zwei Vorstellung der Überwindung des Alten Menschen, des adamitischen Menschen, die seiner Neuwerdung durch den Glauben und die der Wandlung seines Körpes zur Unsterblichkeit. 
Eine Vorausetzung ist für diesen ganzen Vorstellungskomplex wesentlich, daß der Mensch, so wie er ist, nicht in Ordnung ist. Der Mythos vom Sündenfall Adams und Evas ist dafür die gewichtigste Erklärung, daß der Mensch auf Erden sich immer schon als irgendwie verfehlt und von sich entfremdet vorkommt, daß er, geboren sich schon zum Sterbenmüssen verurteilt weiß, daß ihm dieses Schicksal als etwas Widernatürliches erscheint. Gerade die populäre Vorstellung vom Sensemann als dem Bringer des Todes zeigt das ja an, daß der Tod so als etwas extern Gewirktes erscheint, daß er nicht aus dem Leben kommt als irgendein Keim des Todes im Leben angelegt, sondern der Tod nimmt dem Menschen sein Leben in der Gestalt des Sensemannes.  
Ist nun aber die Aussage, daß der Mensch, so wie er sich selbst vorfindet, nicht in Ordnung, entfremdet von sich selbst lebend,selbst schon eine religiöse Aussage, oder ist die Religion eine Antwort auf eine solche vorreligiöse Selbstwahrnehmung? Es könnte gesagt werden, daß das Gesetz Gottes im Gewissen des Menschen präsent, die Erfahrung hervorbringt, daß der Mensch dem Gesetz Gottes, das er bejaht, nicht Genüge tuen kann und so sich als Erlösungsbedürftiger erfährt. So die Konzeption Paulus im Römerbrief. Der neue Mensch ist dann der aus dem Hl.Geist Lebender, der so den Alten Adam hinter sich läßt. 
Der neue Mensch im Glauben ist so die Aufgabe der christlichen Existenz, die ihren Anfang in der Taufe hat. Nur kann es schwerlich bestritten werden, daß jetzt, 2020 Jahre nach der Geburt des Erlösers von diesem "neuen Menschen" im Glauben wenig zu bemerken ist, abgesehen von den wenigen Heiligen. Oberflächlich betrachtet ist auch der Mensch der christlichen Religion eher dem Alten Adam treu geblieben. Das war sicher einer der Gründe, daß nun das Projekt des neuen Menschen die Aufklärung zu ihrer Aufgabe erklärte. Was die christliche Religion und die Kirche nicht schaffte, das soll nun die aufklärerische Bildung hervorbringen, den vernünftig sein Leben gestaltener Mensch. Das Pathos der aufklärerischen Philosophie wird so verkannt, sieht man in ihr primär nur die religionskritische Seite und nicht, daß sie die Religion (hegelisch) gesprochen aufheben wollte, indem sie die Erlösungshoffnung, den verheißenden neuen Menschen nun als menschliche Aufgabe ansah. Das implizierte aber auch, daß der jetzige Mensch sich aufgeben sollte, um zum Vernunftmenschen sich zu bilden. Als dann dies aufklärerische Bildungskonzept politisch wurde, da erwuchs daraus die politische Revolution  der Vernunft, die Französische und später die Russische. Der Glaube an die Möglichkeit des neuen Menschen beflügelte so die französischen wie die russischen Revolutionäre. In der Postmoderné ist dieser Revolutionstraum desillusioniert ad acta gelegt, aber auch die christliche Verheißung des neuen Menschen. 
Der christliche Gott in der Postmoderne reduziert sich auf das Jasagen zum Menschen, so wie er ist. Er ist die bedingungslose Liebe, die den Alten Adam Alter Adam sein läßt, weil Gott ihn ja so, wie er ist, bejaht. Die Aufgabe des neuen Menschen drängt so das organisierte Christentum an die Ränder seiner Institutionen, etwa an charismatisch orientierte Christenvereinigungen, wie sie jetzt besonders in dem Augsburger Gebetshaus sich organisiert. Es sei an die Mehr-Konferenzen erinnert.
Was bleibt so von der Aufgabe des Menschen, ein neuer Mensch zu werden? Die transhumanistische Bewegung nimmt nun diese Aufgabe in sehr eigentümlicher Weise wahr, indem sie das Konzept der Cyborgisierung  des Menschen vertritt. Das paßt in unser materialistisch denkendes Zeitalter, daß der Mensch sich durch Technik perfektioniert, nein überwindet. Aber noch so gewagte Mensch-Technik-Synthesen erschaffen dem Menschen keine neue Seele oder ein neues Herz, sodaß er doch auch als Cyborg der Alte Adam bleiben wird. 
Sollte so die Hoffnung auf den neuen Menschen aufgegeben werden, oder die Erfüllung dieser Verheißung auf das Jenseits verschoben werden, da auch wir Christen auf Erden Alte Adämer bleiben trotz des christlichen Glaubens? Oder sollten wir einfach nur einräumen, daß es nur wenigen Christen gelang und gelingen wird, den Alten Adam in sich zu überwinden, wie es schon Dostojeweskijs Großinquisitor sah? Schwer respondierbare Fragen!
Selbst Nietzsches Hoffnung auf den Übermenschen als dem Überwinder des Menschen lebt noch von der christlichen Verheißung des neuen Ménschen. Was wird aber aus uns Menschen, wenn wir diese Aufgabe, uns zu überwinden, gar nicht mehr als Aufgabe annehmen wollen, weil wir noch so bleiben wollen, wie wir als Kinder Evas sind?
Wenn nun die Frage nach einem Spezificum des Abendlandes, der europäischen Kultur aufgeworfen wird, dann könnte respondiert werden, daß es das Projekt, die Aufgabe des neuen Menschen ist. Die Entwicklungsdynamik des Abendlandes generiert sich aus dem Hoffen auf den neuen Menschen. Selbst da noch, wo die christliche Religion aufgegeben wurde, bei Feuerbach und Marx, aber auch bei Nietzsche wurde an dem Projekt des neuen Menschen nicht nur festgehalten, vielmehr sollte die christlich religiöse Gestalt aufgelöst werden, um diese Aufgabe zu realisieren als humanistisches oder revolutionär politisches Programm oder als ein Züchtungsprogramm. (Vgl dazu: Slotderijk; Regeln für den Menschenpark)  "Der Untergang des Abendlandes" wäre dann die Aufgabe dieser Aufgabe.  

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