Sonntag, 29. März 2026

Die Kirche als die Organisation der Nächstenliebe – ein Sackgassenprojekt?

 

Die Kirche als die Organisation der Nächstenliebe – ein Sackgassenprojekt?



Wenn die Kirche in Deutschland noch eine Zustimmung findet, als erhaltenswürdig beurteilt wird, dann als die Organisation der Nächstenliebe: Christentum, das sei die praktizierte Nächstenliebe. Das genuin Religiöse, wie der Gottesdienst, das Beten sei dagegen etwas Sekundäres, auch wenn dann der Glaube an einen Gott schon noch dazugehöre. Also habe die Kirche sich auf das Sozial-Caritative zu konzentrieren, um ihre Akzeptanz zu steigern, auch um so einem weiteren Kirchenmitgliederrückgang entgegen zu wirken.

Dazu sei nun eine simple Frage gestellt: Wer möchte den ein Adressat der kirchlich organisierten Nächstenliebe sein? Ein Hilfsbedürftiger, ein in Not Befindlicher möchte eigentlich keiner sein, aber für solche habe doch die Kirche in erster Linie darzusein. Das heißt, daß wohl die Mehrheit der Christen urteilt,daß da die Kirche für Notleidende dar zu sein hat, sie für die Anderen, nicht für sie dar ist. Die modernen Gesellschaften zeichnen sich durch eine hochgradige Arbeitsteilung aus, sodaß es einen eigenen großen Komplex an Dienstleistungsanbietern gibt. Jede Dienstleistung kann so jeder Bürger für sich beanspruchen, insofern er sie bezahlen kann.Der solch ein Angebot Annehmender nimmt sich nun selbst nicht als ein Hilfsbedürftiger wahr, sondern als ein Kunde, der für die angenommene Dienstleistung angemessen bezahlt.Solche Dienstleistungsanbieter schränken nun den Raum der zur praktizierenden Nächstenliebe ein. Wer seinen Friseur, seinen Klempner und den KfZ-Meister bezahlt, versteht sich selbst nicht als jemanden, dem so Nächstenliebe entgegengebracht wird sondern als ein Kunde, der von der Arbeitsteilung der modernen Gesellschaft profitiert.

Notleidend ist so gesehen nur der, der einen Dienstleistungsanbieter für sein Anliegen nicht selbst bezahlen kann. Nur dieser wird als Hilfsbedürftiger angesehen und nur für die sei eigentlich die Kirche dar.

Nun zeitigt die Kirche als die Organisation der praktizierten Nächstenliebe noch einen irritierenden Kollateralschaden: Weil diese Organisation für die Nächstenliebe zuständig ist, entlastet sie so, eingedenk der Institutionenkritik Gehlens das Individuum: „Das brauche ich nicht mehr zu tuen, dafür ist jetzt die und die Institution zuständig.“ Die faktisch praktizierte Nächstenliebe reduziert sich so auf das Spenden für sozial- caritative Zwecke, daß dann dazu befähigte Organisationen die nötige Hilfe leisten können durch die Spendengelder.

Wenn dann doch noch in der Kirche von der zu praktizierenden Nächstenliebe gepredigt wird, reduziert sich das, wenn man das Pathos der Nächstenliebe überhört auf: „Seid nett zueinander!“ Schon ein freundliches Grüßen des Nachbarn sei schon praktizierte Nächstenliebe. Für alle gewichtigen Probleme sind dann aber die entsprechenden Dienstanbietungsleister zuständig, zumal die dann auch professionell helfen können.

Wer braucht so die Kirche als Organisation der Nächstenliebe? Die Allermeisten wollen sie so nicht gebrauchen und hoffen, nie auf sie angewiesen zu sein. Selbst aber als ein Akteur der Nächstenliebe zu wirken, das überläßt in unserer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft auch der Christ gerne den professionellen Helfern.Es reiche doch, durch Spendengelder dann sozial- caritative Projekte zu finanzieren.

Der geneigte Leser kann diese Behauptung leicht überprüfen, indem er sich eine ganze Woche vor Augen hält unter der Fragestellung: „Wann habe ich in ihr etwas getan, was als praktizierte Nächstenliebe zu bewerten wäre?“ 

Corollarium

Der Nächste,das war einst der räumlich Nahe, in unserer Epoche der Medien und der Ferkommunikation der in den Medien Präsente. Aber wie soll dieser Nächste noch ein Adressat der praktizierten Nächstenliebe sein, sofern die Nächstenliebe noch etwas anderes sein soll als das Spenden für Notleidende irgendwo auf der Erde.

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