Donnerstag, 12. März 2026

„Moral statt Gnade:Warum die Kirche das Wesentliche aus den Augen verloren hat“

 

Moral statt Gnade:Warum die Kirche das Wesentliche aus den Augen verloren hat“



So lautet der Titel eines mehr als lesenswertens Artikels der Internetseite: „Communio“ am 9.März 2026. Die Kirche verfehle ihren „übernatürlichen Auftrag“, wie es die CDU-Politikerin Frau Klöckner auf den Punkt brachte. Im Text heißt es dann: „Die übernatürlichen Heilswirklichkeiten geraten aus dem Blick.Gegenwärtig konzentriert sich die Kirche vielfach auf moralische und politische Themen: soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Verantwortung, Haltung und Engagement. Im Vordergrund stehen natürliche Tugenden wie Solidarität und Mitmenschlichkeit – wichtige Dimensionen des Zusammenlebens, die jedoch auch ohne Glauben einsichtig und praktizierbar sind. Ein Mensch kann moralisch gut handeln, ohne auf das übernatürliche Ziel der Gottesgemeinschaft ausgerichtet zu sein.“Die Gnade wird so faktisch zu etwas Überflüssigem, da der Adressat solchens Appelierens das von ihm Gesollte allein aus seinem natürlichen Vermögen zu können vermag. „Die Gnade erscheint nicht mehr als Erfüllung des menschlichen Verlangens nach dem Guten, sondern wird im Extremfall überflüssig. Der Mensch errichtet seine eigene Heilsordnung, die zumeist im Immanenten verbleibt.“

Damit wird in diesem Artikel das Anliegen einer politischen Theologie erfaßt, daß es nur im Medium der Politik erstrebenswerte Ziele gäbe, die von jedem Bürger guten Willens auch als erstrebenswert anzuerkennen sind. Es sind dabei aber eher sozialethische Tugenden als moralische Gebote, die den Kern einer politischen Theologie ausmachen. Wer ein gutes Ohr hat, wird dabei eine grün- rote Einfärbung dieser politischen Theologie nicht überhören können. Die „Kirchentage“ der Katholischen wie der EKD gleichen ja auch „Grün- Roten“ Jubelparteitagen, sodaß es auch verständlich ist, weswegen eine CDU- Politikerin diese politische Ausrichtung kritiseriert und eine unpolitische sich wünscht, wenn die Kirchen schon nicht auf der richtige Parteilinie zu bringen sind.

Das Reich der Moral wird dabei als das der endlich- politischen Zwecksetzungen verstanden, dem der Bereich der Gnade als die Ermöglichung eines Strebens nach übernatürlichen Zielen als überflüssig in das Abseits gestellt werden. Arnold Gehlen stellte dazu schon in seinem Werk: „Moral und Hypermoral“ fest, daß die eigentlichen Begriffe der Theologie in der Kirche kaum noch anzutreffen sind: „Unsterblichkeit, Prädestination, Gnade, Erlösung und Sünde“,1daß stattdessen „die Theologie zu einer simplen Ethik in erhabener Verkleidung wird.“2

Theologisch gründet sich diese Verquerung in der Bestimmung des natürlichen Vermögens des Menschen zum Guten als eine ihm eigene Möglichkeit, die durch seine Neigung zum Sündigen nicht beeinträchtigt sei, und somit keiner göttlichen Gnade bedürfe und in dem Insistieren darauf, daß getreu der Parole Nietzsches,daß der Mensch seiner Erde treu sein solle, der Mensch alle jenseitigen Ziele als irrelevante ad acta zu habe solle. Die christliche Religion solle auf keinen Fall mehr in den Verruf einer Jenseitsvertröstung geraten. Deswegen wird entweder die Hoffnung auf ein ewiges postmortales Leben gar nicht mehr erwähnt oder als ein Ziel angegeben, um das sich der Mensch gar nicht zu bemühen habe, da ihm dies gratis von Gott geschenkt werden würde, sofern er dieses Ziel überhaupt erreichen möchte.

Wenn es aber nur noch weltimmanente Ziele gibt, für die ein Engagement sich lohnt, dann kann dazu eine Morallehre, deren Frage lautet: „Wie habe ich zu leben, um das ewige Leben zu erlangen?“ nichts beitragen. Deswegen müssen alle Gehalte der kirchlichen Morallehre so umgeformt werden,daß sie Antworten geben, auf Fragen, für die sie gar nicht gegeben worden sind. So wird dann aus der Gerichtspredigt Jesu: „Wer wird in das ewige Leben eingehen?“ Mt 25,31- 46 ein sozial- caritatives Humanisierungsprogramm, an dem sich jeder Bürger guten Willens beteiligen könne.

Aber seit dem Ende des Real existierenden Sozialismus und der Propagierung der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie als alternativlose Ordnungen, hat sich das von der Kirche verkündigte sozial- caritative Projekt als das Surrogat für die eigentliche Evangeliumsverkündigung selbst verändert: Es ist nun die pure Affirmation dieser bestehenden Ordnung verbunden mit dem Auftrag, im Rahmen dieser Ordnung die allgemeine Humanisierung weiterzuentwickeln, aber zuförderst jede Kritik an ihr zu verwerfen. Der Kampf gegen Rechts wird so geführt als ein apologetischer, daß wir nun im Prinzip schon in der besten möglichen Welt leben, nur daß leider die Ordnung der Kirche da noch hinterherhinke und so einer Vermodernisierung bedürfe.



1Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, 9.Religion und Ethik, neuer Stil, S.133, Ausgabe 1981.

2A,a,O. S. 131.

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