Montag, 23. März 2026

Vergessene Wahrheiten oder der Relevanzverlust Gottes

 

Vergessene Wahrheiten oder der Relevanzverlust Gottes


Man hat in unseren religiös-neu-analphabetischen Jahrzehnten so gut wie ganz vergessen, daß die Rede von Gott im Monotheismus immer auch einen zornigen Gott einschloß.“ So urteilt Peter Sloderdijk in seinem mehr als lesenswerten Buch: „Zorn und Zeit“.1

Man könnte urteilen, daß nun die Religionskritik Feuerbachs, Marx und Nietzsches: „Gott ist tot!“ ihre Früchte trügen und es so nicht verwunderlich sei, daß auch in Deutschland, sind doch diese drei auch deutsche Philosophen, die Anzahl der Gottgläubigen immer geringer und so die Kirchen immer leerer würden. Die von der Katholischen Kirche und der EKD vorgelegten Zahlen bestätigen nun ja Jahr für Jahr diesen Niedergang.

Unwahr ist das sicher nicht, aber so gerät der Eigenanteil des Verschuldens dieses Niederganges ganz aus den Augen.Es könnte doch gemutmaßt werden, daß ein Element, daß den Relevanzverlust Gottes und damit der Religion genau in dem hier von Sloterdijk Bezeichnetem liegen könnte.

Ab ovo: Wenn Gott unser Verhalten ihm gegenüber nicht gleichgültig ist, dann haben wir, um es mal ganz simpel auszuformulieren, damit zu rechnen, daß unser Gott gefälliges Verhalten ihm gegenüber für uns positive, daß unser Gott mißfallendes Verhalten ihm gegenüber für uns negative Folgen habe. So müßten wir also der Frage, wie würde Gott unser Verhalten wohl beurteilen, eine Relevanz zusprechen. Es kann jetzt hier jede Näherbestimmung des Was Gott mißfallen oder gefallen könnte, wie gewiß wir das erkennen können und wie genau Gott positiv oder negativ reagieren könnte, außer Acht lassen, da so die Gefahr besteht, daß dies Elementare uns aus unser Sicht gerät.

Wenn wir Gott nämlich glaubten als einen Gott, der immer nur sein „Ja“ zu uns sagt und nie ein „Nein“, das „Nein“ soll hier als Zorn Gottes verstanden werden, dann kann dieser Gott für unser Leben keine Relevanz mehr haben. Eine Relevanz hätte er doch nur für uns, wenn er auf unser Verhalten ihm gegenüber reagieren würde und wir zu bedenken hätten: „Wie würde Gott wohl reagieren, wenn ich dies oder jenes täte.“ Wenn Gott aber geglaubt wird als ein immer nur zu uns Menschen Jasagender, dann hat dieser Gott keine Relevanz für mich bei der Frage: „Wie soll ich leben?“

Die Idee des Zornes Gottes zeigt an, daß Gott uns so wenig gleichgültig ist, wie einem Liebenden es nicht gleichgültig sein kann, ob der Geliebte ihm treu ist oder ihn betrügt.Eine Liebe ohne die Möglichkeit des Zornes ist von einer Gleichgültigkeit faktisch nicht distinguierbar: „Mir ist es gleich,ob Du mir treu bist oder nicht, denn nie werde ich aufhören, Dich zu lieben.“ Das ist kein ernst zu nehmendes Liebesbekenntnis.

Philosophisch erfaßt meint das, eingedenk der Tatsache: „Omnes determinatio est negatio“, daß eine Liebe, die die Möglichkeit der Negation der Liebe ausschließt als „Zorn“ oder „Haß“ keine Liebe ist. „Wer nicht schweigen kann, der kann auch nicht reden“, denn das Redenkönnen ist die Negation des Schweigenkönnens.





1Slotedijk, Peter., Zorn und Zeit, 2008, S.73.

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