Ein sehr befremdlicher Gedanke zu Gott als dem absolut Guten und zum Relevanzverlust Gottes
„Immerhin, sagte Schleppfuß, werfe hier das Problem des absolut Guten und Schönen sich auf,des Guten und Schönen ohne Beziehung zum Bösen und Häßlichen,- das Problem der vergleichslosen Qualität.Wo der Vergleich entfalle,sagte er, entfalle der Maßstab,und weder von Schwerem noch Leichtem, weder von Großem noch Kleinen könne da die Rede sein. Das Gute und Schöne wäre dann entwest zu einem qualitätslosen Sein, das dem Nichtsein sehr ähnlich und diesem vielleicht nicht vorzuziehen sei.“1
So irritierend dieser Gedanke doch aus ist, so kontraintuitiv, so klar ist er, wird er aus dem Raume der Mathematik her kommend bedacht. Der dort verortete Begriff des Betrages meint, wie viele Einheiten etwas von Null entfernt ist. Der Betrag 500 besagt so 500 Einheiten von Null entfernt, aber er besagt nicht, in welcher Richtung, ob plus oder minus. Der Betrag 500 ist der gleiche, ob es nun 500 Euro Guthaben oder 500 Euro Schulden auf meinem Geldkonto sind. Im Raume der Beträge existieren nur quantitative Differenzen, erst durch die Vorzeichen existieren qualitative, ob ich 500 Euro besitze oder ob ich sie schulde.
Das Gute wäre nicht, wenn es nicht die Negation des Bösen und das Böse wäre nicht, wenn es nicht die Negation des Guten wäre. Das hat aber zur logischen Konsequenz, daß das Gute und das Schöne nicht absolutistisch begriffen werden können. Gott erschuf zuerst einen Menschen, aber erst indem er ihm eine Frau zur Seite stellte, wurde der Mensch zum Manne und die Frau in ihrer Differenz zum Manne zur Frau.So kann auch der Mann und auch die Frau nur ein Mann und eine Frau sein ob ihres untereinander Differentseins. Das bedeutet aber auch, daß eine E-mann-zipation der Frau die Entmännlichung des Mannes erwirkt.
Aber Gott müsse doch als das Absolute gedacht werden und da er als eins mit dem Guten zu denken ist,müsse auch das Gute absolut sein. Aber dabei wird Gott als der Hervorbringer der Idee des Guten mit der von ihm hervorgebrachten Idee des Guten verwechselt. Gott erschuf die Idee des Guten wie alles Seiende als eine creatio ex nihilo. Gott liegt also nicht eine metaphysische Ordnung des Wahren, Guten und Schönen vor, der er selbst subordiniert wäre noch ist sie ihm in seine göttliche Natur so eingeschrieben, daß er von Natur aus gut und schön wäre. Würde Gott nämlich durch seine eigene Natur bestimmt gedacht, würde er wie ein kreatürliches Seiendes gedacht, eher verdacht.
Erst indem Gott frei die drei Ordnungen des Wahren in dem Spannungsfeld von dem Wahren und Unwahrem, des Guten in dem Spannungsfeld von dem Guten und dem Bösen und die des Schönen in dem Spannungsfeld von dem Schönen und dem Häßlichen,setzte, existierte das Wahre,Gute und Schöne.
Aus diesem Spannungsfeld herausabstrahiert, verlören sie ihr Wesen,verwesten sozusagen. Die Schachfigur der Königin würde, aus dem Schachregelsystem mit seinen Bedeutungszuweisungen für die Schachfiguren herausabstrahiert, ja auch aufhören, diese Figur zu sein.
Trotzdem bereitet dieser Gedankengang ein Unbehagen, soll doch das Wahre, Gute und Schöne nichts mit deren Negationen zu tuen haben, sollte doch zwischen dem Guten und dem Bösen eine unendlich große Entfernung liegen und keine so intime Nähe. Erinnern wir uns an die zwei großen Weltverbesserer, Stalin und Mao: Um einen Himmel auf Erden zu verwirklichen, nahmen sie den Tod vieler Menschen hin, aber nicht aus einer Menschenverachtung heraus, sondern um des guten Endzieles willen. Vielleicht erklärt sich ja aus dieser intimen Beziehung, daß der Wille zum Guten in den schrecklichsten Terror umschlagen kann, man denke an den Revolutionsführer Robespierre! Das gilt so auch die Revolutionsführer des Irans: Nicht Menschenverachtung sondern der Wille, daß nun die Bürger des Irans ganz nach Gottes Willen leben sollen,macht deren diktatorisches Regieren ja aus!
Aber Gott müsse doch als das Absolute gedacht werden. Das ist das Zentralanliegen des deutschen Idealismus, Fichte, Schelling und Hegel leisteten hier Großes.Nur, wenn Gott als Gott gedacht werden soll,muß er als etwas Bestimmtes gedacht werden und das heißt ob der Erkenntnis: „Omnes determinatio est negatio“ auch als etwas durch das so Negiertes Begrenztes: Gott ist Gott, indem er Nichtgott nicht ist.Indem Gott für anderes als sich selbst Gott sein will, ist er sich durch das Andere als selbstbegrenzend zu denken, soll nicht ein Pantheismus gelehrt werden.Dann ist er aber nicht mehr absolut sondern Gott in seiner und ob seiner Relation zu allem anderem.
Gott habe keine Relevanz mehr für den (post)modernen Menschen, diese Klage wird nun allenthalben angestimmt.Wie wäre es, wenn der Gedanke zugelassen werden würde, ob dieser Relevanzverlust nicht eine logische Konsequenz der Lehre von der Absolutheit Gottes sei, daß wir Menschen für ihn keine Relevanz hätten ob seiner vollkommenen Selbstgenügsamkeit?
1Thomas Mann, Doktor Faustus, 13.Kapitel. Man beachte den Namen: Schleppfuß! Könnte das einen daimonischen Verführer meinen?
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