Samstag, 14. März 2026

Über den Zusammenhang zwischen dem Ideal der religiösen Toleranz und der Vergleichgültigung alles Religiösem

 

Über den Zusammenhang zwischen dem Ideal der religiösen Toleranz und der Vergleichgültigung alles Religiösem





John Stuart Mill meinte, dass eine liberale Toleranz – sagen wir ruhig: eine Laissez-faire-Haltung – nur durch die Ausklammerung, ja, die bewusste Suspension von Glaubensartikeln möglich sei: Er schrieb: >Intoleranz ist den Menschen hinsichtlich dessen, woran sie zutiefst glauben, so natürlich angeboren, dass religiöse Freiheit nirgends wirklich praktiziert wird, außer wo es ein religiöser Indifferentismus ist, der sich vom Streit der Theologen nicht stören lassen will.<"1

Wie konnte dann aber die Toleranz im Gebiet des Religiösen zu einer Tugend erklärt werden, eine Haltung werden, der heutigen Tages sicher selbst die allermeisten Christen zustimmen und sie auch praktizieren, wenn diese doch dem natürlichem Verhalten jedes Gläubigen so sehr widerspricht? Wenn die religiöse Intoleranz von diesem Philosophen als „natürlich angeboren“ beurteilt wird, dann müßte vorausgesetzt werden, daß der Mensch von seiner Natur her religiös sei und daß zu seiner natürlichen Religiösität die Intoleranz gehörte.Faktisch ist aber jede Religiösität etwas kulturell Vermitteltes, auch wenn der Ursprung einer Religion in Gott selbst gesehen wird.Die Kirche vermittelt dann die Religion, eingedenk der Einsicht des hl Cyprians, niemand könne Gott zu seinem Vater haben, der die Kirche nicht zu seiner Mutter habe. Wenn man aber das Natürlich- Angeborensein als: „Es sei doch selbstverständlich, daß einem Gläubigen religiöse Fragen nicht gleichgültig sein können“, liest, ist diese Aussage nicht bestreitbar.

Es ist also, wie auch immer,gelungen,daß das, was für den religiösen Menschen eine Selbstverständlichkeit ist,ihm etwas Inakzeptables geworden ist. Man könnte hier von einer gelungenen Umerziehung sprechen. Ihre Anfänge sind in dem Anliegen der Aufklärung als dem Willen zur Domestikation der christlichen Religion zu finden, daß innerchristliche Kontroversen zu gleichgültigen Streitfragen entradicalisiert werden sollten. Eine „natürliche Religion“ wurde dazu konstruiert, die die Summe aller Vernunftwahrheiten der Religion zusammenfaßt und alle anderen Aussagen der christlichen Religion und auch aller anderen Religionen als überflüssige entwertet: Gott, die Seele und die Bestimmung zur Sittlichkeit,bildeten dabei die Kernelemente dieses Konstruktes der natürlichen Religion.

Damit war ein großer Schritt hin zum religiösen Indifferentismus getätigt. Die Ökumene und der interreligiöse Dialog prolongieren dann diese Vergleichgültigungstendenz innerhalb der Religionen, denen dann nur die Integrationsunwilligen gegenüberstehen, die Wahrheitsfundamentalisten.

Von fundamentaler Bedeutung für die Genealogie des Indifferentismus ist nun die Kritik des Erkenntnisvermögens, daß sich alle religiösen Aussagen weder verifizieren noch falsifizieren lassen, daß so der Glaube nur etwas subjektiv willkürlich als für wahr Gehaltenes sei.Hierbei muß bedacht werden, daß der Wille, daß es im Bereich des Religiösen keine Wahrheitserkenntnis geben solle, die anspornende Kraft war und ist, alle religiösen Aussagen als nicht als beweisbar und als unwissenschaftlich zu diskreditieren2. Denn könnten im Bereich der Religion wahre Aussagen generiert werden,würden die ob ihres Wahrheitsanspruches konfliktträchtig sein, da einige sie bejahen würden und andere nicht. Um des lieben Friedens willen sollen deshalb Glaubensbekenntnisse nur als rein subjektivistische geäußert werden: „Das glaube Ich so, aber jeder kann das auch nicht so glauben wollen.“

Die Erziehung zum religiösen Indifferentismus führt dazu, daß bis jetzt noch in „Gute Benimmratschlägen“ regelmäßig zu lesen ist:“Rede nicht über Deinen Glauben oder die Religion, das könnte zu Konflikten führen!“ Ein solches Reden sei sowieso zwecklos, da man über religiöse Fragen so wenig streiten könne wie über den Geschmack: „Jedem gefalle eben etwas anderes und so könne es auch jeder mit allem Religiösen halten- hier sei alles gleichgültig. Deshalb müsse aber jeder Wahrheitsfundamentalismus aus jedem Gespräch und dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden.

Das hier Aufgeführte ist nun keine vollständige Analyse der Genealogie des Indifferentismus im Raume der Religion, sondern soll nur anzeigen, daß diese Haltung eine künstliche erzeugte ist angefangen mit der Auflärung, die allein dem Zwecke der Devitalisierung der Religion, der Religionen dienen soll,also um das in jeder Religion innewohnende Konfliktpotential zu entschärfen. Der eigene Glaube soll selbst dem Gläubigen so unwichtig werden, daß er deswegen kein Streitgespräch führen werde. Deswegen muß jeder Glaube,jede Religiösität auf etwas pur Subjektives reduziert werden.





1  „Communio“ 12.3.2026: „49 Stressball: Über den Zorn der Theologen“.


2Anregend könnte ein Blick in das Georg Lukacs Werk: „Zerstörung der Vernunft“sein,in dem dieser Philosoph nachzuweisen versucht, daß das Zentralanliegen der nachheglischen und nachmarxschen Zeit das Beweisen der Nichterkennbarkeit der Wahrheit gewesen sein soll.

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