Eine kritische Anmerkung zum Kreuzweg des „Gotteslobes“
In der 2.Station des Kreuzweges: „Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern“ („Gotteslob“, 9.Auflage 1988, 775) heißt es: „Herr Jesus, du hast willig das Kreuz getragen,das die Sünde der Menschen dir auferlegt hat.“ Daß er „willig“ sein Kreuz auf sich genommen hat, gründet sich in dem Philipperhymnus, daß er „gehorsam bis zum Tode am Kreuze“ (Philipper 3,8) gewesen war- aber wem war Jesus denn nun so gehorsam? Hat die Sünde ihm das Kreuz auferlegt,sodaß er ihr gehorchend nun sein Kreuz trug? Nein, Gott, sein Vater legte ihm das Kreuz auf seine Schultern, damit er so die Sünde aller Menschen büße.
Nun heißt es aber auch in der 2.Station: „Er will den Kelch trinken,den der Vater reicht,“ Um Gottes Gerechtigkeit willen vergibt Gott nicht einfach in einer Generalamnestie allen Menschen ihre Sünden, sondern seine Gereechtigkeit fordert eine der von uns Menschen begangenen und begangen werdenden Sünde gemäße Strafe, die nun der Sohn Gottes auf sich selbst nahm, um uns von der Strafe Gottes zu befreien. Das Maß seines Kreuzesleidens ermaß sich aus dem Maß der Sünde aller Menschen, aber das Kreuz selbst legte der Vater ihm auf.
Nun steht in der 4.Station: „Jesus begegnet seiner Mutter“: „Noch immer leidet Christus in unserer Welt, in den Gliedern seines Leibes, in seinen Brüdern und Schwestern. Mit ihnen leidet Maria, seine und unsere Mutter.“ Leiden also Maria und diese Geschwister wie Jesus Christus, weil Gott es will, daß diese so für die Sünde der Menschen zu leiden haben um der Versöhnung der Gerechtigkeit Gottes willen?
Liest man den Text der 4.Station des Krezweges, suggeriert er doch eher, daß diese, weder Maria noch die Brüder und Schwestern leiden sollten, daß der Text so an seinen Leser appelliert, daß dieses Leiden nicht sein sollte. Nur, Jesu Leiden am Kreuze war ein von Gott gewolltes, das der Sohn Gottes gehorsam auf sich nahm. Soll das nun so auch für die Gläubigen gelten, daß auch sie so gehorchend ihr Kreuz zur Genugtuung der Gerechtigkeit Gottes zu tragen haben? Von dem Kreuz Christi wird nun eindeutig in der 9.Station: „Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz“ gesagt: „Doch er will das Werk vollebden,das der Vater ihm aufgetragen hat.“
Soll nun diese Aussage des Aufgetragenseins des Kreuzes für jedes Kreuz gelten, das ein Christ in der Nachfolge Christi zu tragen hat? Das Gebot der Nächstenliebe legte es doch näher, die Not leidender Christen abzuwenden zu helfen, als in ihrem Leid einen Beitrag zur Versöhnung mit Gottes Gerechtigkeit wahrzunehmen. Wenn aber in Predigten es heißt, in den leidenden Mitmenschen den leidenden Christus zu recognizieren, dann bedeutete das, nähme man das ernst, daß dies Leiden auch eines uns zum Heile wäre.
Der Apostelfürst Paulus schreibt in seinem Kolosserbrief: „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleische, was an den Leiden Christi noch fehlt,für seinen Leib, das ist die Kirche.“ (1,24). Soll das nun für jedes Leiden gelten, das einem Christen in seinem Leben widerfährt? Oder wird es nur ein solches Ergänzungsleiden, wenn es ein Christ so als ein Ergänzungsleiden annnimmt und Gott so aufopfert?
Kein Mensch will leiden und kein Mensch soll leiden, das könnte als wohl von allen Menschen anerkannte Position zum Leiden angesehen werden. Nun sagt aber die christliche Religion über das Leiden Christi etwas völlig anderes, wie es auch wder Kreuzweg des „Gotteslobes“ ausdrückt. Verwirrend wird es nun aber, wenn von dem Leiden der Christen in ihrer Kreuzesnachfolge geschrieben wird: Leiden wir Christen dann auch so, daß Gott uns diesen Kelch des Leidens uns zu trinken aufgibt, oder ist das Leiden eher ein Appell an uns, dem leidenden Mitchristen in seiner Not zu helfen?
Diese Unklarheit läßt sich aus dem Kreuzweg des Gotteslobes nicht wegexegetisieren, denn er ist selbst in der Theologie des Kreuzes grundgelegt in der Spannung von dem, der ein Mal für unsere Sünden gestorben ist und der Kreuzesnachfolge, wenn isb in jedem Leidenden Christus als der Leidende recogniziert werden soll.
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