Sonntag, 21. Juni 2015

Der vergessene Feind

"Solche Erkenntnis wäre ja wohl Philosophie."  "[...]zu erkennen, warum die Welt, die jetzt, hier das Paradies sein könnte, morgen zur Hölle werden kann."
Theodor W. Adorno, "Wozu noch Philosophie", in: Adorno, Eingriffe, 8.Auflage 1974, S.24. Daß Unterdrückung und Unfreiheit, "das so wenig eines philosophischen Beweises bedarf, daß es das Übel sei, wie daß es existiert, möchte doch das letzte Wort nicht behalten." (S.18). Für die "Praxis" folgert dieser Philosoph dann: " Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, verharrt im Bann des Unheiles ohne eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie." (S.24). 
Große Worte eines Philosophen. Aber wie viel Theologie ist in diesen Aussagen präsent! Nicht nur die Begriffe: "Hölle" und "Paradies"- auch "Unheil", "Übel" sind Begriffe aus dem theologischen Diskurs, dem der Theodizee: warum gibt es Übel und Leid in der Welt, wenn ein allmächtiger und guter Gott die Welt regiert? In dem Begriff der "Praxis" erscheint hier nun aber ein marxistischer Begriff im Sinne von der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft mit dem Ziel einer Welt der Freiheit ohne Unterdrückung. Versuchen wir die hier vollzogene Verbindung eines verborgenen theologischen Diskurses mit dem marxistischen zu finden, was vielleicht gerade eine Besonderheit der sogenannten "Kritischen Theorie" ausmacht.
Der theologische Diskurs ist der der Erlösung, der Erzählung vom verlorenen Paradies und der Sehnsucht nach dem neuen Himmel und der neuen Erde. Das verlorene Paradies, das ist unser jetziges Leben, "das Ganze in seiner Unwahrheit", das aber zu überwinden ist. Dazu bedarf es einer Theorie des Ganzen, eines Begreifens des Ganzen, damit die Wege zur Erlösung gefunden werden können. Der Begriff der Praxis signalisiert dann die Säkularisierung dieses theologischen Diskurses: es ist nun unsere menschliche Aufgabe, das Ziel des neuen Himmels und der neuen Erde zu realisieren. Aber wo einst gerade im marxistischen Denken die Idee des Fortschrittes bestimmend war, daß es eine stetige Aufwärtsentwicklung gäbe, auch wenn  sie kurzfristig durch reaktionäre und conservative  Kräfte aufgehalten wird, steht jetzt die Aussage, daß Morgen das Paradies, aber auch die Hölle entstehen könnte. 
Beachtlich ist dabei die Normativität der philosophischen Aussagen: wie kann denn das rein philosophische Denken begründen, daß Unfreiheit und Leid nicht sein soll, daß das Ziel der Menschheit die "vernünftige und mündige Menschheit" ist? Wir sehen sofort, daß dies alles säkularisierte theologische Aussagen sind. Es ist so, als wenn wir- eingedenk Nietzsches Votum, wir haben Gott getötet, den Wertehimmel beibehalten wollten, was sein soll und was nicht sein soll, aber dabei das Zentrum, das diesen Wertehimmel aufbauende Prinzip, Gott, die Sonne abgeschafft hätten, hoffend, daß die einst um die Sonne kreisenden Planeten auf ihrer Bahn bleiben auch ohne ihr Gravitationszentrum, also daß diese Werte ihren Wert nicht verlieren ohne ihr Begründungszentrum. Aber die Loskoppelung aus ihrer theologischen Heimat eröffnet dann eine ganz andere Art des Philosophierens, eine, die nur noch das Ganze, so wie es ist, begreift! Adorno will begreifen, um das Ganze zum Guten hin zu verändern. Die von  der Philosophie her eröffnete Möglichkeit zur Praxis ist ihm nur die der Humanisierung der Welt. So sehen wir, daß die Säkularisierung der Religion gerade ihre Politisierung ist. Die von Gott erhoffte Erlösung wird zur menschlichen Aufgabe und das ist im Sinne Adornos die "Praxis" des Menschen. 
Das Ganze begreifen, warum es ist, wie es ist und das heißt gerade auch im Sinne Adornos zu fragen: warum ist die Welt so elend, wie sie ist? Sie Säkularisierung 
 reduziert die Möglichkeit zur Erlösung auf das Menschenmögliche, wie sie auch das Böse auf das Menschenmögliche reduziert! Hier denkt die Theologie anders: sie sieht in Gott den Ursprung des Guten und im Teufel den Ursprung des Bösen. Kardinal Ratzinger hat in seinem "Gespräch zur Lage des Glaubens" sehr Bedenkenswertes in dem Kapitel über "Die Letzten Dinge" gesagt, über den Fürsten dieser Welt und zur Problematik eines Abschiedes vom Teufel! Man kann es so sagen: wo der Ursprung des Bösen nicht mehr im Fürsten der Welt, dem Teufel gesehen wird, da wird es automatisch verharmlost. Jetzt wird das, was Gottes eigenste Aufgabe ist, der Kampf gegen den Leibhaftigen zur Aufgabe des Menschen, indem er die Aufgabe sich vermenschlicht, indem er meint, nur noch gegen von Menschen hervorgebrachte Übel und Leiden kämpfen zu brauchen. Papst Paul VI. sagte schon: "Die Sünde ist Gelegenheit und Wirkung des Einbrechens eines finsteren und feindlichen Agenten in uns und in unsere Welt, nämlich des Teufels. Die Wirklichkeit des Bösen ist nicht bloß ein Mangel, sondern eine wirkende Macht, ein lebendiges, geistiges Wesen, das pervertiert ist und selbst pervertiert: eine furchtbare, geheimnisvolle und beängstigende Wirklichkeit.  Wer sich weigert, diese Realität anzuerkennen, verläßt den Boden der biblischen und kirchlichen Lehre". (zitiert nach: Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, 1985, S,142)
Es ist erstaunlich, wie nahe die KritischeTheorie Adornos der Theologie steht und wie sehr sie sich doch von ihr wieder entfernt, indem sie alles vermenschlicht. Aus Gott und Teufel macht sie menschliche Möglichkeiten zum Guten wie zum Bösen, um fassungslos vor der Frage zu stehen, warum wir Menschen uns auf Erden Höllen bereiten, wenn wir uns doch ein Paradies schaffen könnten! Auch hierin schwingt noch ein unreflektierter Fortschrittsglaube mit, insofern der Fortschritt der Naturbeherrschung den Eindruck evoziert, daß die (marxistisch ausgedrückt) materielle-ökonomische Basis für eine humane Welt ohne Unterdrückung und Leid gegeben ist im entwickelten Kapitalismus, daß aber der Überbau, die gesellschaftlichen Verhältnisse dies verhindern.
Könnte hier sich prinzipiell etwas Erhellendes über das Verhältnis von der Theologie zur Philosophie erkennen lassen, daß die Philosophie der Thelogie viel näher steht, als ihr bewußt ist? 
Aber die Differenz darf nicht unterbewertet werden: daß eben der Feind einer humanen Welt nicht in erster Linie der (unaufgeklärte) Mensch ist, sondern der Feind Gottes und des Menschen! Und es ist zu fragen, ob nicht die Vorstellung, daß es die Aufgabe des Menschen wäre, den Himmel auf Erden zu schaffen, selbst eine Eingebung des Fürsten dieser Welt ist!

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