Freitag, 4. Januar 2019

"Als das Wünschen noch geholfen hat" Säkularisiertes Leben?

Wir wünschen einander "ein gutes neues Jahr", manchmal auch "Gesundheit" oder "viel Glück". Nur, was bedeutet denn dabei das Verb: "wünschen". Slavoj Zizek schreibt dazu: ">Kultur< ist der Name für all diese Dinge, die wir praktizieren, ohne tatsächlich an sie zu glauben."  Zizek, Lacan.Eine Einführung, 2006, S.45.  Ist unser Wünschen also so eine kulturelle glaubenslose Aktivität?  Wünschen meint ja, wie das Segnen, daß durch das Wünschen das Gewünschte dem Bewünschten auch geschehen wird, so wie das Verfluchen den Verfluchten auch wirklich verflucht. Ist das nun ein Glaube an die Kraft der Sprache, daß das Aussprechen von Wünschen wie das Verfluchen das bewirkt, was  gesagt wird? 
Vertraut ist uns die elterliche Mahnung, fluche nicht! Ja, in dieser Mahnung klingt die archaische Vorstellung noch mit, daß das Verfluchen wirklich etwas bewirkt, nämlich wirklich, daß das Verdluchte so verflucht wird. Darum: Fluche nicht! im Sinne von: verfluchen. Der moderne Mensch glaubt an soetwas natürlich nicht mehr, dazu ist er viel zu aufgeklärt.  
Zizek erzählt folgende Begebenheit. Es besuchte wer Herrn Bohr und als der Besucher  ein Hufeisen über dessen Tür sah, bekannte er, daß er nicht den Aberglauben teile, daß dies Hufeisen Glück brächte. Herr Bohr respondierte: "Ich glaube auch nicht daran; es hängt nur dort, weil man mir gesagt hat, es funktioniere auch, wenn man nicht daran glaubt." (S.45) Wünschen und Fluchen wir etwa auch so? Meinen wir, daß unser Wünschen helfen wird, auch wenn wir selbst nicht glauben, daß es helfen wird? 
Ist die Kultur soetwas Verwickeltes?Wenn die Kultur säkularisierter Gottesdienstkult ist, dann könnte gesagt werden, daß kultische Praktiken zu kulturellen werden, wenn sie praktiziert werden, ohne daß an sie noch geglaubt wird. Daß also das Wünschen und das Verfluchen ursprünglich kultische Handlungen waren, die wir jetzt nur noch säkularisiert vollziehen. 
Aber wie begründet sich dann die heute noch antreffbare Abneigung gegen das Verfluchen? Ist das wirklich nur eine Moralvorschrift, daß niemandem Schlechtes gewünscht werden darf, weil das unmoralisch ist? Oder ist da noch ein Restglaube lebendig, subkutan, der doch noch mit der Möglichkeit rechnet, daß eine Verfluchung etwas Negatives bewirken könnte?
Vielleicht macht das auch den besonderen Reiß des Romanes: "Hilfe aus dem Totenreich" von Mary  Cotten aus, dies Spiel mit der Möglichkeit einer Realität des Fluches:
Sam: "Damals,als Angela und Ian heirateten, verfluchte ich sie an ihrem Hochzeitstag vor gekränktem Stolz." [...]"Ich kann dich verstehen, Sam, deine Gefühle und auch deine Verzweiflung"  [... ]"Doch niemals hättest du dich dazu hinreißen lassen dürfen, die Familie..." " ...zu verfluchen, unterbrach er sie gequält. "Glaubst du nicht selbst, ich hätte mir das nicht auch schon hundertmal vorgeworfen? Doch es ist ausgesprochen, und all meine Bitten an ein gütiges Schicksal oder wen auch immer sind unerhört verhallt."
"Du glaubst also, daß der Fluch, den du ausgesprochen hast, auf deine eigene Familie zurückgefallen ist."   (S.38) 
Eigentümlich, vieles, was für die Aufklärung tumper Aberglaube ist, subkutan sind Reste davon noch in unserem Alltagsleben präsent, daß wir Glück wünschen und das Verfluchen  meiden, ja eine Scheu vor Flüchen empfinden. In der so viel geschmähten Trivialliteratur  meldet dann erstaunlicher Weise dies Verdrängte  sich wieder zurück, mit einem Vielleicht vorangesetzt, daß doch was dran sein könnte, aber so erreicht es dann den Lesenden, der in eine abergläubige Welt so entführt wird, in der er sich doch befremdlicher Weise zuhause fühlt und mit Begeisterung sich in diese Welt weiter hineinliest. Ob der Mensch wohl aufklärerisch denken , aber nicht in dem Lichte der Aufklärung leben kann oder will?

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