Freitag, 23. August 2019

Irritierendes: Was tun für Tote?

Der Apostelfürst Paulus schreibt im 1.Korintherbrief (15,29): Was werden sonst die thun, welche sich für die Todten taufen lassen, wenn die Todten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen sie sich für dieselben taufen? Vulgata, Die Heilige Schrift, Augustin Arndt SJ, 1903. Diese Formulierung: für die Toten sich taufen lassen, wäre wohl den Adressaten des Briefes klar gewesen, uns sei es aber ein Rätsel, kommentiert dann diese Vulgataausgabe in der dazugehörigen Fußnote. Dann weiß sie aber doch noch Klärendes dazu zu sagen: "Will man die allereigenste Bedeutung derselben festhalten, so waren also in der apostolischen Zeit Männer, welche sich für Verwandte und Freunde,die ohne die Taufe empfangen zu haben, gestorben waren, taufen ließen, um jene der Früchte der Taufe theilhaftig und der glorreichen Auferstehung fähig zu machen."
Der Apostel Paulus soll das zwar als "irrthümliche Meinung" abgelehnt haben, aber sich dieses Irrtumes angepaßt haben, um die Korinther auf den inneren Widerspruch zwischen ihrer Theologie und dieser Praxis hinzuweisen: Sie glauben nicht an die Auferstehung der Toten und ließen sich doch zugunsten von Toten taufen, was aber nur einen Sinn ergibt, wenn an eine Auferstehung der Toten geglaubt würde. 
Aber woher weiß dieser Kommentar, daß Paulus diese Taufpraxis als "irrthümliche Meinung" beurteilt? In dem ganzen 1. und auch dem 2.Korintherbrief liest Paulus, um es mal salopp zu formulieren, den Korinthern die Leviten, was alles da bei ihnen  nicht in Ordnung sei und dann soll er bei der Lehre und Praxis der Taufe eine so grobe Fehlpraxis nicht kritisiert haben?  Das ist mit dem Gesamtgestus dieses Briefes nicht vereinbar. Zudem gibt es in den Briefen des Apostels keinen Hinweis darauf, daß er diese Taufpraxis abgelehnt hätte. Auch kann nicht geurteilt werden, daß die von ihm explizierte Tauflehre dieser Totentaufpraxis widersprechen würde. 
Frägt man nun, woher der Kommentar weiß, daß es Männer und nicht auch Frauen gewesen sind, die sich so taufen ließen oder warum die Männer sich nur für Freunde oder Verwandte so taufen ließen, und nicht auch für andere, muß konzediert werden, daß dies nur Vermutungen sind. Sicher ist aber, daß die so Begünstigten ungetauft Gestorbene waren, daß sie so entweder ungetauft gestorbene Christen waren oder Nichtchristen. Für die Möglichkeit, daß es Nichtchristen gewesen sein könnten, spricht, daß im Rahmen der Germanenmission kolportiet wird, daß Germanen sich nicht taufen lassen wollten, weil sie dann getrennt von ihren Vorfahren, ohne sie in den Himmel kämen: Nicht ohne meinen Vater und meine Mutter in den christlichen Himmel! Dann würde diese Taufpraxis es ermöglichen, auch für die heidnischen Vorfahren, die schon verstorben waren, Gutes zu tuen für ihr Seelenheil.
Aber was glaubten dann die Korinther, wenn sie nicht an die Auferstehung der Toten glaubten und doch sich für Verstorbene taufen ließen? Dafür gibt es eine einfache Antwort: Die Korinther glaubten, daß eine Auferstehung der Toten etwas Absurdes wäre, denn stünden die Toten körperlich auf, müßten sie ob ihrer Körperlichkeit auch wieder sterben.Nur als Seele könnten sie unsterblich leben. Dabei glaubten sie wohl nicht an eine natürliche Unsterblichkeit der Seele, sondern daß sie getauft werden müsse, um in das ewige Leben eingehen zu können. (R.Bultmann bezeichnet dies als ein gnostisches Verständnis, m:E. zu recht.)Also besteht kein Widerspruch zwischen diesem Verständnis des ewigen Lebens und dieser Taufpraxis.  
Schon die frommen Makkkabäer standen vor einer ähnlichen Frage: Was können wir zum Heile von Verstorbenen tuen. (2.Makkabäer 12,32-45) Dieser Text ist sicher einer der Gründe, warum Luther die Makkabäerbücher aus seinem neuen Kanon entfernte. Was war geschehen? In einer Schlacht waren jüdische Krieger gefallen, die alle einen Talisman sich umgelegt hatten, hoffend, daß dieser sie vor dem Tode bewahre. Gott erzürnte das und ließ alle Talismanträger sterben.  Die frommen Makkabäer dachten nun an die Auferstehung von den Toten. Davon waren die so gesündigt Habenden ob ihrer Sünde ausgeschlossen. Da ließen sie von den Jerusalemer Priestern ein Entsühnungsopfer darbringen, damit so diese Sünder doch noch zum ewigen Leben auferstehen können. (vgl dazu ausführlich: Uwe C. Lay, Der zensierte Gott)
Also können Lebende für das Heil schon Verstorbener etwas Gutes tuen, nämlich zu ihren Heile ein Sühnopfer darbringen und das gar für Menschen, die so schwer gesündigt haben wie diese Makkabäer. Wenn das Meßopfer so zugunsten Verstorbener appliziert werden kann, was spricht dagegen, daß auch die Taufe zugunsten von Verstorbenen appliziert werden kann? Wollte wer nun behaupten, nur Lebende könnten die Taufe zu ihrem Nutzen empfangen, dann müßte gefragt werden, warum dann schon Verstorbenen das für sie dargebrachte Meßopfer nutzen kann. Luther lehnt das ja ab, aber auch nur die Reformatoren und heutigen Protestanten! Zudem muß berücksichtigt werden, daß weder das Alte Testament noch das neue die Ganztodtheorie kennt-immer glaubte man an ein Weiterexistieren nach dem Tode, etwa in der Hades oder in der Sheul. Die Toten sind also nicht im neuzeitlichen Sinne tot, wie es Epikur schon meinte. Die Toten können also etwas für sie Dargebrachtes auch selbst noch annehmen.
Den Hintergund des Neins zur Taufe zugunsten von Verstorbenen wie des Neins der Applizierung des Meßopfers zugunsten von Verstorbenen bildet eine Individualisierung des Menschen: Jeder kann und muß für sich allein sein Heil wirken. Das zeitigt die Folge, daß die Kirche für das Heil unwichtig wird, weil es nun allein auf die persönliche Beziehung des Einzelnen zu Gott ankommt und nur darauf!

Zusatz:
Bedenkenswert ist die Frage, ob eine Taufe zugunsten im Mutterleibe gtöteter Kinder so möglich wäre. 
   


             

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