Montag, 27. Juli 2020

Eine vergessene Reformbewegung- eine verdrängte: ihr verhängnisvolles Ende



Die Reformbewegung der „Deutschen Christen“ ist eine, an die man sich äußerst ungern im heutigen Protestantismus erinnert, und wenn, dann nur als einer Negativfolie, um dann die Lichtgestalt der „Bekennenden Kirche“ umso mehr zum Leuchten zu bringen. Die „Bekennende Kirche“ ist so zu einem Mythos geworden als das rein Gute, das gegen das Böse kämpfte.
Wir befinden uns so in zwei Situationen, der historischen der 30er Jahre, der Zeit der größten Erfolge dieser Reformbewegung und der Gegenwart nach der totalen Niederlage des Nationalsozialismus, von wo aus das Vergangene nun gedeutet wird. Was war diese Bewegung wirklich und was war sie in den Augen von uns Heutigen, impliziert, daß das Vergangene etwas plusquamperfektisch Abgschlossenes ist, das so begriffen werden kann, daß also Vergangenes nicht durch Gegenwärtiges rückwirkend verändert werden kann. Zizek betont ja in extenso die Nichtobjektivität des Vergangenen, daß also die Zukunft das Vergangene verändern könne. Ein sehr simples Beispiel möge das veranschaulichen: Im ersten Bild sehen wir einen Knaben, der sein erstes Glas Schnaps trinkt, im zweiten, wie er betrunken unter dem Tisch liegt auf seiner Geburtstagsfeier und im letzten tot im Spital. Schauen wir vom letzten Bild her retour wird das erste Bild zu dem Lebensweg eines Alkoholikers,betrachtete man aber nur das erste Bild, sehen wir einen Knaben, mit dem sein Opa anläßlich seiner Erstkommunion einen kleinen Schnaps zu trinken gibt.


Was war die Reformbewegung im ersten Bild? Sie war eine innerprotestantische Laienbewegung mit dem Ziel eines zeit(geist)gemäßen Verständnisses des Christentumes und der Forderung einer zeitgemäßen Umgestaltung der evangelischen Kirchen. Die innerkonfessionellen Gegensätze zwischen dem lutherischen und dem reformierten Christentumsverständnis sollten als nicht mehr relvant ad acta gelegt werden, zumal diese Differenzen sowieso nur noch zum Sophistischen tendierenden Theologen verständen. Das Christentum sei aber primär Tatreligion. Jetzt kann man nur Christ sein, wenn man politisch sich engagiere und aktiv die nationalsozialistische Revolution unterstütze. Dabeisein, Mitwirken, darauf käme es jetzt an. Die Theologie solle da zurücktreten.
Da das Zeitalter der Demokratie jetzt auslaufe und der Führerstaat das Modell des 20. Jahrhundertes sei, habe der Protestantismus diesem Modell sich anzuähneln. Dem Protestantismus solle so ein Reichsbischof als Führer der Kirche voranstehen. Die Theologie sei zu modernisieren, und das heißt jetzt, daß das Christentum die natiionalsozialistische Weltanschauung in sich aufzunehmen habe.
In einem Wort: ein durch und durch liberales Anliegen. Nur ein Christentum auf der Höhe der Zeit könne die sich vom Glauben Abwendenden wieder zurückholen in die Kirche. Das mußte conservativen Widergeist erwecken. Der organisierte sich dann auch in der „Bekennenden Kirche“. Der Parole der Erneuerung und Modernisierung wurde ein conservatives Bekenntnis des christlichen Glaubens entgegengesetzt. Erst durch die Mythologisierung mutierte dann diese Bekenntisbewegung zu dem christlichen Widerstand gegen die Hitlerdiktatur. Die „Deutschen Christen“ dagegen wurden zu tumpen Nazi-Christen. Ihr konsequentes Reformprogramm wurde nicht mehr als ein zutiefst liberales angesehen mit ihrem Zentralanliegen eines zeitgemäßen Christentumsverständnisses sondern zu einer Opportunistenbewegung umgedeutet, der die Helden der Bekenntniskirche gegenüberstanden. Daß das alles ganz anders war, zeigt Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte - 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf. Aber Mythen sind in der Regel aufklärungsresistent.
Aber warum wird die Geschichte der „Deutschen Christen“ so energisch verschrieben? Darauf gibt es eine leider sehr einfache Erklärung. Der Deutsche Protestantismus ist nach 1945 der Praxis der Deutschen Christen gefolgt, daß die Theologie und die Kirche zeit(geist)gemäß zu sein hat. Sie brach nur inhaltlich mit den Traditionen, weil formal das Projekt der Einpassung in den vorherrschenden Zeitgeist fortgeführt wurde. Die „Christen für den Sozialismus“, die feministische Theologie sind dabei nur Extreme dieses Einpassungskurses des Protestantismus. Daß der Protestantismus die politische Korrektheitsideolgie nun völlig verinnerlicht hat, zeigt so aber auch rückblickend, was das Anliegen der „Deutschen Christen“ war. Im Lichte des heutigen Protestantismus wird erst das Anliegen dieser Reformbewegung klar, aber diese Klarheit muß der heutige Protestantismus verdrängen, weil nur so er jetzt dies Reformprogramm realisieren kann.














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