Montag, 22. November 2021

Der Glaube an den letzten Feind – oder warum die Welt so im Argen liegt!

(Oder was wird aus dem Teufel, wenn er zu einem Politikum wird)


Jedes Narrativ, das eine Antwort auf die Frage geben will, warum die Welt so im Argen liegt und wie eine Erlösung möglich sein kann, bedarf des Glaubens an den letzten Feind,der die Primärursache allen Erdenelendes ist und dessen endgültige Besiegung die Erlösung der Welt erbringt. In der großen Erzählung der christlichen Religion (zu dem Begriff der großen Erzählung verweise ich auf Lyotard, Das postmoderne Wissen)spielt diese Rolle der Satan, der am Anfang Adam und Eva zum Sündigen verführte und dessen Macht auf Erden erst am Ende der Zeiten endgültig besiegt werden wird, wie es uns die Johannesoffenbarung prophezeit.

Die Aufklärung und die Französische Revolution als praktizierte Aufklärung säkularisierte dies christliche Narrativ, indem nun die Aufgabe der Welterlösung als eine politische begriffen wurde und so dies neue Narrativ auch einen neuen letzten Feind konstruieren mußte, um so eine praktisch-politische Erlösbarkeit der Welt vorstellbar zu machen. Man muß dann konzedieren, daß der Marxismus für einige Zeit das überzeugendste Narrativ als säkularisierte Erlösungserzählung erbrachte.

Seit der Französischen Revolution gibt es so auch einen emphatischen Begriff der Politik. Politik war dann nicht mehr einfach die Regierungskunst als die allen anderen übergeordnete Kunst, vielleicht vergleichbar mit der Aufgabe eines Dirigenten eines Orchesters, der alle Einzeltätigkeiten des Orchesters auf das Kunstgesamtwerk hinordnet, sondern die Welterlösung, eine Welt des ewigen Friedens und der Gerechtigkeit, eine vernünftige Weltrepublik (Kant) war das eigentliche Ziel der Politik im emphatischen Sinne. Es wäre prüfenswert ob Carl Schmitts Votum, daß die Politik die Unterscheidung von Feind und Freund sei, von daher seine Plausibilität bekam. Denn seine Zeit, der Anfang des 20. Jahrhundertes war geprägt durch den Kampf der Ideologien, die alle mehr oder weniger ausgefeilte politische Narrative waren mit einer ihnen je eigenen Feinderklärung. Mit einer Wahl eines Feindbildes, wer ist an allem schuld, erwählte man somit das Narrativ, dem man darauf anhängen wollte. Denn der letzte Feind ist nicht einfach eine Realität sondern ein Konstrukt in einer Ideologie, die diese Funktion erfüllen soll. Adolf Hitler schrieb einmal (m.W in „Mein Kampf“), daß die politische Propaganda dem Volke nur einen Feind präsentieren dürfe, weil mehrere sie von einem effektiven Kampf abhalte: Gegen wen solle man denn dann streiten?

Nach dem Endsieg der liberalen Ideologie nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus verschwand nun auch dieser emphatische Begriff der Politik.Gibt es denn nun keinen letzten Feind mehr ? Kann der Liberalismus ohne ihn auskommen?

Meine These lautet nun, daß der Vorstellung vom letzten Feind in der jetzigen Postmoderne eine andere Funktion zukommt als in der Moderne mit ihrem emphatischen Politikverständnis. Postmodern strukturierte Gesellschaften zeichnen sich durch eine Enthomo-genisierung aus, die Pluralisierung wird zu ihrem Schicksal. Weder existieren noch ethnische noch kulturelle, etwa durch eine gemeinsame Religion homogene Gesellschaften. Die Multi-ethnisierung und Multikultivierung löst alles Gemeinschaftliche auf. Wie kann dann noch ein Zusammenhalt erwirkt werden, wenn alle Gemeinsamkeiten sich auflösen? Darauf gibt nun die Vorstellung vom letzten Feind eine Antwort: Im Nein zu diesem Feind konstituiert sich eine neue Homogenität als eine der notwendigen Voraussetzungen gesellschaftlichen Lebens. Erst durch die Ausgrenzung des Feindes konstituieren sich so postmoderne Gesellschaften als lebensfähige. Der neue Feind muß so konkret sein, aber auch unbestimmt genug, um Vielfältiges unter ihm subsumieren zu können. Der neue Feind ist so der politisch Inkorrekte, der als Nazi, als Rechter, als Populist oder Traditionalist und Fundamentalist, jetzt aber auch als Impfgegner oder Coronaleugner verteufelt wird. Ein Gutmensch, ein anerkanntes Mitglied einer postmodernen Gesellschaft ist so nur der, der sich an die Kontaktverbote diesem Feinde gegenüber hält. Die so Ausgegrenzten erwirken so erst die Bindungskräfte einer sonst pluralistisch sich auflösenden Gesellschaft.

Der letzte Feind ist so nicht mehr ein konstitutives Element eines Erlösungsnarratives sondern ein konstitutives Element zur ideologischen Aufrechterhaltung postmoderner inhomogener Gesellschaften.



 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen