Mittwoch, 29. Juni 2022

359 338 Kirchenaustritte in einem Jahr und welche Konsequenzen hat das?

359 338 Kirchenaustritte in einem Jahr und welche Konsequenzen hat das?


Den Bischöfen Deutschlands wird diese Austrittszahl keine schlaflosen Nächte bereiten, solange noch genug Geld in der Gestalt der Kirchensteuer in die Kirchenkassen fließt, aber welche Bedeutung hat den der Austritt für die Ausgetretenen?

Solange noch der theologische Grundsatz galt: „außerhalb der Kirche kein Heil“, als die Kirche noch als die 2.Arche begriffen wurde, in der die Darinbefindlichen aus der Sintflut, dem Zornesgericht Gottes über die Sünder gerettet wurden, war ein Kirchenaustritt für den Ausgetretenden ein Fiasko: Er glich einem, der aus der ihn rettenden Arche sprang, um in den Meeresfluten zu ertrinken. Aber dieser Grundsatz gilt in der heutigen Kirche ja nur noch als eine Wahnvorstellung obskurantistischer Mittelaltertheologen, die so die klerikale Herrschaftsmacht über das Kirchenvolk zementieren wollten. Prinzipieller gedacht:

Der Grundsatz: „Extra ecclesiam non salus“ steht in einer Spannung zu dem universalistischen Heilswillen Gottes, daß er das Heil jedes Menschen will. Die Partikularität der Kirche, wenn es das Heil nur durch sie vermittelt geben kann, widerstreitet dem universalistischen Heilswillen Gottes. Verschiedene Löungskonzepte gibt es dafür: Das bekannteste ist das pelagianistische: Jeder Mensch kann das Heil erlangen, wenn er nur das an Gutem in seinem Leben realisiert, daß er ohne eine Gnadengabe Gottes realisieren kann. Die Kirche erleichtere dann nur den Weg zum Heil durch die in ihr präsenten Glaubenswahrheiten und Sakramente. Als semipelalaginistisch könnte dann verstanden werden, daß Gott jedem Menschen insoweit mit seiner Gnade ausstatte, daß jeder kraft ihr dann das Heil erlangen könne. Diese Gnadenvermittelung ereigne sich dann einerseits vermittels der Kirche oder andererseits unvermittelt durch Gott selbst.

Beide Konzepte führen dazu, daß davon ausgegangen werden kann, daß Menschen auch ohne die Kirche das Heil erlangen können. Aber wie verhält es sich nun mit denen, die Glieder der Kirche waren, eingegliedert durch die empfangene Taufe und die dann doch austreten? Für diese müßte, auch wenn so das: „Außerhalb der Kirche kein Heil“ relativiert wird, dieser Grundsatz gelten: Wer aus der Arche herausspringt, ertrinkt in der Sintflut. Nur das wird man heutzutage nie mehr in und von der Kirche hören. Milly Willowitsch, der bedeutsamste und meist rezipierte Kirchenvater des 20.Jahrhundertes hat es auf den Punkt gebracht: Wir mögen zwar alle kleine Sünderlein sein, kommen aber doch alle in den Himmel hinein. Man könnte es auch weniger dogmatisch so formulieren: Ob es einen Gott und ein Leben nach dem Tode gibt, gewiß kann man das nicht wissen, aber wenn es einen Gott gibt, dann kommen wir schon alle in den Himmel, und wenn es keinen gibt, na ja dann schlafen wir eben halt ewig in unserem Erdengrab. Also ist die Frage nach Gott und dem Seelenheil irrelevant geworden, es kommt eben so oder so, ganz gleichgültig ob und was wir glauben.

Für das Seelenheil hat also die Kirchenzugehörigkeit keine Bedeutung- für was dann? Bin ich aus der Kirche ausgetreten, kann ich, wenn ich wollte, am Kirchenleben weiter partizipieren, denn welcher Pfarrer würde mir wohl die Kommunion verweigern, wenn er überhaupt wüßte, daß ich ausgetreten bin. Nur kirchlich heiraten und beerdigtwerden ginge nicht mehr. Ansonst änderte sich nichts für einen Ausgetretenen. Nehmen wir nun mal den Fall eines ausgetretenen jungen Mannes an, der sich in ein Madel verliebt und sie dann auch ehelichen will, daß die dann aber auf eine kirchliche Eheschließung insistierte. Leicht kann er wieder in die Kirche eintreten, seiner Braut zu liebe.

Und selbst aus der Kirche Ausgetrende können und lassen manchmal gar ihre Kinder taufen,denn irgendwie könnte es ja doch ihnen nützen. Slavoj Zizek erzählt dazu gern diese Begegenheit: Ein Mann hängt ein Hufeisen an seine Haustüre, angefragt, ob er denn an Hufeisen glaube, sagt er: Nein – aber er habe gehört: Ein so aufgehängtes Hufeisen hülfe, auch wenn man nicht dran glaube! Zizek hegt den Verdacht, daß es sich in etwa so auch mit dem christlichen Glauben in der Postmoderne verhielte.

So befremdlich es klingt: Eigentlich hat der Kirchenaustritt keine ernsten Konsequenzen außer der, daß man nicht mehr kirchlich beerdigt werden kann. Wollte man dagegen doch noch kirchlich heiraten, könnte man ja leicht wieder eintreten.

So gesehen hat sich eine Kirchenmitgliedschaft für ein Kirchenmitglied selbst fast überflüssig gemacht. Daß Gott das Heil aller wolle und auch alle zum Heile verhelfen werde, macht so diese Arche Noah überflüssig. Sie gleicht nur noch einem Ausflugsboot in einem See, in dem das Wasser so niedrig ist, daß keiner in ihm ertrinken kann. So ist es fast gleichgültig, ob wer im Boote sitzt oder durch das niedrige Wasser des Seees spazieren geht.

Wen brauchen dann noch 359 338 Kirchenaustritte beunruhigen? Niemanden, es sei denn, es flößen weniger Kirchensteuern sodaß die Kirche weniger Geld ausgeben könnte.


Nun könnte erwidert werden: Es käme doch auf die Moral an, auf die kirchlich gelehrte, daß eben die Kirchenglieder nach ihr ihr Leben führten. Ein Austritt bedeute dann eine Absage an die kirchliche Moral und ein gar moralloses Leben. Daß Christsein heißt, möglichst anständig( = moralisch) zu leben, das unterschrieben sicher fast alle Christen, aber die allerwenigsten meinen heutzutage noch, daß sie deshalb gemäß der Morallehre der Kirche ihr Leben zu führen hätten. Seit der Aufklärung hat sich das, was man unter einem morslisch anständigen Leben versteht, weitestgehend emanzipiert von der Morallehre der Kirche. Das anonyme: Man: das tut man nicht!, hat die Morallehre der Kirche weitestgehend ersetzt. Nebenbei: Lacans Theorie von dem „großen Anderen“ spiegelt diese Ersetzung der Kirche durch das Man wieder wieder. (Vgl dazu:Zizek, Lacan.Eine Einführung) Nein, die Ausgetretenden werden im Regelfall genauso moralisch/unmoralisch weiterleben wie vor ihrem Kirchaustritt.


Nur ein dogmatisches Problem bleibt: Ein Getaufter, der aus der Kirche ausgetreten ist, bleibt ob seines Getauftseins ein Glied der Katholischen Kirche, nur eines, daß nicht mehr Glied dieser Kirche sein will. Das vergegenwärtigt uns eine tiefe Wahrheit des Begriffes des Volkes: So wie ein als Deutscher Geborener immer im ethnischen Sinne ein Glied seines Volkes bleibt, auch wenn er eine andere Staatsangehörigkeit annimmt, so bleibt ein in das Volk der Katholischen Kirche Hineingetaufter immer doch ein Glied dieser Kirche. Dem Volke wohnt so auch etwas Schicksalhaftes inne, eine Schicksalsgemeinschaft zu sein, der man sich nicht gänzlich entziehen kann.



 

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