Der Mythos vom Klassenkampf und was davon an Realem übrigbleibt-eine Genalogie
Ein kleines Ereignis möge die Leserschaft auf die Entdeckungsreise eines Versuches einer Entmythologisierung dieses Vorstellungskomplexes hinführen. Die Ehefrau des erfolgreichen Arztes XY betritt den Tennisplatz, inspiziert ihn für das vorgesehene Spiel, um mit Entsetzen die Putzfrau der Arztpraxis ihres Mannes gerade zum Matchgewinn aufschlagen zu sehen. Empört wirft sie ihren Tennisschläger von sich und erklärt ihren sofortigen Austritt aus ihrem Tennisverein, inclusive dem ihres Ehemannes.
Warum? Wie könnte sie noch den Tennissport genießen, wenn die „Putze“ ihres Mannes auch wie sie Tennis spielt.Genießen konnte sie diesen Sport doch nur, solange er ein Privileg von Gutverdienern war im Bewußtsein, daß diesen Sport sich nicht jedermann leisten könne. Was nicht für jedermann ist, das erscheint als erstrebenswert. Der Wille zum Privileg ist so die eine Seite des Klassenkampfmythos. Der egalitaristische Wille, was die da „Oben“ sich leisten können,das wollen wir alle auch, bildet den Contrapunkt innerhalb dieses Mythos: Daß es Privilegierte gibt, das widerspricht der Gleichheit der Würde aller Menschen.
Der Widerstreit zwischen dem Willen zum Privileg und dem egalitaristischen Willen bildet so die reale Substanz der Klassenkampfideologie.
In einer Massenkonsumgesellschaft hat das zur Folge, daß das gestern noch nur für wenige Konsumierbare übermorgen ein Konsumobjekt aller wird, und daß es so nicht mehr genießbar ist.
Meine Eltern konnten mir noch erzählen, daß es das Gerücht gegeben habe, daß es in ihrem Dorfe Privilegierte gäbe, die sich jeden Mittag ein Fleischgericht leisten könnten, jedermann höchstens am Sonntag. Dann kam die „Massentierhaltung“, das Fleisch verbilligte sich so sehr, daß selbs Sozialhilfeempfänger ihr tägliches Fleisch auf dem Mittagstisch sahen. Wer konnte da noch sein Fleisch genießen? In Extrabioläden wurde nun zu horrenden Preisen Vegetarisches angeboten: Man konnte nun auf die primitiven Fleischverzehrer herabblicken und aß nur noch Biovegetarisches, bis daß dann die Supermärkte Vegetarisches preisgünstig anboten. Einst konnten nur wenige konsumieren, die meisten kauften nur das Lebens-notwendige, aber als dann die Epoche der Massenproduktion kam, die Massen konsumierten, da erhob sich die Kritik des Massenkonsumes, des Massentourismus und der Massenkultur. Der Moloch der Masse zerstört so jede Genußkultur, denn nur das wenigen Vorbehaltende kann genossen werden.
Nun wenden wir uns einem aktuellen Beispiel dieses realen Klassenkampfes zu: „Theologe: Billigfleisch gehört nicht auf den Grill.Zu Pfingsten wird perfektes Grillwetter erwartet. Zu diesem Anlass ruft der Theologe Rainer Hagencord zum Verzicht auf Billigfleisch auf. Industrielle Tierhaltung sei "eines der größten Verbrechen der Menschheit".
Solange es keine industrielle Tierhaltung“ gab, war das Fleisch ein Privileg der Gutverdiener und konnte so genossen werden. Die Industriealisierung der Landwirtschaft ermöglichte ja auch erst die Beseitigung des Hungers in Europa und die industrielle Tierhaltung den Fleischkonsum auch für das „gemeine Volk“! Aber damit soll nun Schluß sein: Nur wer sich teures Fleisch leisten kann, soll zu einem Fleischgenuß berechtigt sein. Eine solcher Egalitarismus, daß selbst das einstige Privileg, Fleisch genießen zu können, abgeschafft worden ist, ist doch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit,zu der es nun mal gehört, daß wenige sich ihrer Privilegien gegenüber den Massenmenschen rühmen können.
Die 2-Klassenmedizin macht inzwischen eine gute medizinische Versorgung zu einem Privileg, da kann doch auch das gute Essen wieder reprivilegalisiert werden. Schon jetzt müssen sich ja circa 1,6 Millionen mit den „Tafelessen“ begnügen, mit abgelaufenem Essen.
Der Klassenkampf ist eine große mythologische Erzählung, deren reale Substanz der Widerstreit zwischen dem Willen zum Privileg und dem egalitaristischen Willen ist. „Genießen kann ich nur, wenn das,was ich genieße,den Vielen nicht zugänglich ist!“ Das evoziert den Willen: „Das wollen wir alle genießen!“
Zudem:Kann wirklich die heutige Tierhaltung als ein Menschheitsverbrechen gleichgesetzt werden mit den Millionen in den Weltkriegen Getöteten, den Opfern der Atombombe in Japan und den Millionen im Mutterleibe getöteten Kinder!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen