Sonntag, 31. Mai 2026

Eine problematische Aussage „agere sequitur esse – das Handeln folgt dem Sein“ ?

 

Eine problematische Aussage „agere sequitur esse – das Handeln folgt dem Sein“ ?


Dieser Aussage des neben dem hl. Augustin wohl bedeutendsten Kirchenlehrers Thomas von Aquin dürfte niemand ernsthaft widersprechen wollen, aber das Verstehen dieser Aussage stellt das Problem dar und wirft Fragen auf. In dem Kath-info- Artikel : „>Magnifica humanitas< und das zugrundeliegende metaphysische Problem“ heißt es: „Wie der heilige Thomas von Aquin lehrt: agere sequitur esse – das Handeln folgt dem Sein; folglich kann die moralische und soziale Ordnung nicht unabhängig von der Natur des Menschen und seinem letzten Ziel verstanden werden (Summa Theologiae, I II, q. 94, a. 2).“

Kann dieser Grundsatz,daß das Tuen dem Sein folge,begründen, wie der Mensch sein Leben zu führen habe in moralischer und sozialer Hinsicht? Diese Behauptung provoziert ja geradezu den Einwand,daß aus dem, was ist,nicht schlußgefolgert werden könne, was sein solle. David Hume kritisiert diesen Schluß als den naturalistischen Fehlschluß. Hier kann diesem Philosophen nicht widersprochen werden. Gottes Gebote offenbaren uns, wie wir zu leben haben und nicht schon das Sein, wie es ist. Nicht weil der Mensch als fortpflanzungsfähiges Wesen sich selbst wahrnimmt, soll er sich auch fortpflanzen, sondern weil es Gott den ersten zwei Menschen ausdrücklich geboten hat.Der Schöpfergott hätte dies Gebot ja sonst überflüssiger Weise gegeben, wenn Adam und Eva schon aus dem Gegebensein der Fortpflanzungsfähigkeit das Gesollte der Fortpflanzung erkennen könnten.

Der Grundsatz, daß das Agere dem Esse folge, meint etwas fundamental Ontologisches, daß von einem Subjekt, daß nicht existiert, kein Prädikat aussagbar ist. Nur wenn das Subjekt X ist,kann von ihm prädiziert werden,daß es etwas tut. Das besagt aber nicht, daß das Sein als der Voraussetzung jeder prädikativen Aussage ein bestimmtes Sein ist. Die Ontologie erfaßt ja das, was dem Sein als Sein zukommt unter der Absehung von den kontingenten Näherbestimmungen des Seins, daß es Seiendes als pflanzliches, tierisches, menschliches und engelisches Sein, aber auch als einfaches nicht lebendiges Materiesein gibt.

Wenn man nun aber trotzdem das Menschsein ontologisch versteht,ergibt sich daraus, wie er zu leben habe? Er solle eben menschlich leben. Hierbei wird der Begriff „menschlich“ moralisch verwendet, wenn ihm die Aussage, daß er somit nicht unmenschlich handeln solle, beigefügt wird. Ontologisch könnte nur ausgesagt werden, daß er nur das Tuen könne, was dem Menschen möglich sei und das schließt das Vermögen ein, menschlich oder unmenschlich zu agieren, wenn dann darunter ein moralisch qualifiziertes Agieren gemeint wird. Die Natur des Menschen befähigt ihn sowohl zur Nächstenliebe als auch zum Hassenkönnen seines Nächsten. Erst das Gebot Gottes besagt nun, was er tuen soll und was nicht.

Weiterhin ist zu fragen, wie sich denn nun das bestimmte Menschsein zu seinem Tuen sich verhält. Nehmen wir ein paar Anschauungsbeispiele aus der aktuellen Debatte:Was ist dann von dem Argument zu halten: Weil es von Natur aus homosexuelle Männer gibt, dürfen die auch ihre natürliche Homosexualität leben? Gilt das für Pädaphile ebenso oder für sadistisch Eingestellte? Der Einwand, daß seien widernatürliche Verhaltensweisen, setzt ein normatives Verständnis der Natur voraus und ist somit kein ontologisches.

Theologisch muß daran festgehalten werden, daß Gott als Schöpfer des Menschen ihn geschaffen hat und dann aber zu einem von ihm bestimmten Leben.Diese Näherbestimmung hat Gott selbst frei erwählt,er hätte den Menschen auch zu einem anderen Leben bestimmen können. (Vgl dazu Wilhelm Ockham) .Aus einer ontologischen Betrachtung des Menschen ergibt sich also seine ihm von Gott erteilte moralische Bestimmung nicht.Der Mensch kann eben aus seiner Natur heraus sündigen und verhält sich dabei menschlich im ontologischen Sinne.

Eine Metaphysik müßte so mehr umfassen als nur eine Ontologie.Sie muß nach dem ersten Grund und dem letzten Ziel alles Seienden fragen und transzendiert damit die Explikation des Seienden als Seiendem, da sie ein Sollen expliziert, das nicht aus dem Sein deduzierbar ist.





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