Sonntag, 31. Mai 2026

Opfer und Gebet - keine magische Praxis!

Opfer und Gebet - keine magische Praxis!  (ein Auszug aus meinem Buch:"Der zensierte Gott")


Nun könnte sich bei uns ein gefährliches Mißverständnis einschleichen: Wenn wir nur in rechter Weise opfern und beten, dann wird Gott uns erhören. Er wird dann umkehren und uns seine Gnade erweisen. Es gibt eine feste göttliche Ordnung: opfern und beten wir so, wie es der göttlichen Ordnung entspricht, dann wird uns Gott auch ganz gewiß erhören. Gott habe sich selbst seiner Ordnung untergeordnet, indem er uns zusagt: Immer, wenn ihr recht opfert und betet, dann werde ich euch erhören.


Vielleicht ist auch deshalb uns die Geschichte von König David und Batseba aufgeschrieben worden, damit wir lernen, das Beten von einer magischen Praxis zu unterscheiden. Ein magisches Opfer- und Gebetsverständnis wäre es nämlich, wenn wir meinten, daß wir Gott beherrschen könnten: Beten und opfern wir nur richtig, dann muß Gott tun, um was wir ihn bitten!


Der Ausgangspunkt ist der Augenblick des Sichverliebens. König David, auf dem Balkon stehend, sieht Batseba beim Baden. Sie war so schön anzusehen, daß er sich in sie verliebte. Der König zog Erkundigungen über diese Frau ein. Sie ist verheiratet mit dem Hetiter Urija. König David lud sie zu sich ein, sie schliefen miteinander, und Batseba wurde schwanger. Das sagte sie dem König. Ein Seitensprung mit Folgen. König David faßt nun einen einfachen Plan. Er läßt den Ehemann, der als Krieger dem König diente, aus einer Schlacht zu sich kommen, um sich die militärische Lage von ihm darlegen zu lassen. Der König hoffte nun, der Krieger würde, heimgekehrt, zu seiner Frau gehen, sodaß man ihm das uneheliche Kind als seines unterschieben könne. Aber demonstrativ ging der betrogene Ehemann nicht zu seiner Frau. Nun mußte es offenbar werden, daß das Kind nicht von ihm ist! Der Ehemann muß von dem Fehltritt seiner Frau gehört haben und ging so nicht in die königliche Falle. Ginge er ein zu seiner Frau, dann könnte ja er als der Vater gelten. Jetzt würde es offenbar werden, daß er, da er ob des Krieges schon so lange nicht mehr zu Hause war, nicht der Vater sein kann.Was nun, König David? König David läßt den Ehemann umbringen. Er befahl seinem Vertrauten: „Sorge dafür, daß dieser Ehemann in der nächsten Schlacht stirbt.“ Die Anweisung wird ausgeführt. Der Ehemann fällt in der Schlacht.Die Witwe trauert um ihren toten Mann. Als aber die Trauerzeit zu Ende war, nahm sich der König David sie zur Frau. Sie gebar ihm einen Sohn!


So weit diese dramatische Liebesgeschichte. Jetzt greift Gott ein: „Dem Herrn aber mißfiel, was David getan hatte.“ (2 Samuel 11,27). Gott will den König für diese Sünde bestrafen. David bekennt dem Propheten Gottes: „Ja, ich habe gesündigt und verdiene, bestraft zu werden.“ Der Prophet Natan verkündet David das Strafgericht Gottes: „Aber warum hast du das Wort des Herrn verachtet und etwas getan, was ihm mißfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der Herr: ich werde dafür sorgen, daß sich aus deinem eigenen Haus das Unheil wider dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem anderen geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun.“ (11,9-12)


Gottes Strafe wird hier durch das Prophetenwort verkündet. David hat das Wort des Herrn verachtet. Darum straft ihn Gott. Nahm er sich eine Frau, die schon verheiratet war zur Frau, so soll nun David durch Gott dadurch gestraft werden, daß ein Umstürzler ihm den Königsthron nehmen und dann ihm all seine Frauen für sich als seine Frauen nehmen wird.


Wie reagiert David? Er bekennt: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt.“ Man beachte: Nicht sagt er, er habe gegen Menschen gesündigt, gegen den Ehemann, den er töten ließ und gegen Batseba, die er zum Ehebruch verführte. Hat David denn nicht gegen diese beiden Menschen gesündigt? David denkt hier theozentrisch: Daß er gegen Gott gesündigt hat, das ist sein Vergehen. Darum wird Gott ihn strafen. Denn das Sündigen ist ein Angriff auf Gott. Er wird durch unser Sündigen verachtet. Und darum straft er um seinetwillen. David bekannte seine Sünde. „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“ wird man hier mithören dürfen.


Wie reagiert nun Gott angesichts dieses reuigen Sündenbekenntnises? Der Herr hat dir deine Sünden vergeben.“ Aber dann folgt: „Du wirst nicht sterben - aber dein Kind, dein Sohn!“ Sein Sohn, von Batseba zur Welt gebracht, das Kind dieses Ehebruches muß nun sterben. Die Begründung: „Weil du aber die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern veranlaßt hast, muß der Sohn, der dir geboren wird, sterben.“ Gott hat ihm seine Sünde verziehen. Und doch verlangt Gott noch eine Strafe. Die Untat Davids hatte Folgen. Für diese Folgen ist David verantwortlich. Dafür straft Gott David, indem er ihm seinen Sohn tötet. Eine sehr befremdliche Vorstellung: ein unschuldiges Kind töten, um David zu strafen. Und warum verzeiht Gott, wenn er doch noch eine Strafe wider David verhängt? Hier stoßen wir auf Fragen, die uns dieser Text nicht beantwortet. Hier zeigt sich uns aber aufs deutlichste, warum die Theologie nicht nur erzählend gestaltet werden kann und warum sie so ins systematisch-dogmatische Denken übergehen muß! Aber jetzt wollen wir bei dieser Szene stehen bleiben und dies in seiner Dunkelheit auch so stehen lassen.


Wie reagiert David? David kämpft um das Leben seines Kindes. Er fastet und betet. Gott, der Herr will ihm das Kind nehmen, es töten. Nur er kann es aber auch vom Tode retten. Streng fastete er. Er legte sich auf den nackten Boden, um so Gott anzuflehen: „Verschone mein Kind!“


Was bedeutet hier das Fasten? Natürlich kein Gesundfasten, keine Diät, kein bewußteres Leben, nicht, daß er nun, weil er nicht mit Essen und Trinken befaßt war, mehr Zeit für etwas Wichtigeres und Wesentlicheres hätte. All das, wie man heute so über das Fasten redet, hat mit dem religiösen Fasten nichts zu tun! David hat seinen Gott vor Augen. Gott will sein Kind strafen. Jetzt straft sich David selbst durch dies strenge Fasten. Er hofft, daß Gott urteilen wird: Um der Strafe willen, die David sich selbst auferlegt hat und an sich selbst vollzieht, verzichte ich auf meine Strafe. Die Strafe, die Gott über das Kind Davids verhängt hat, ist selbstredend viel größer als die Qualität der Strafe, die David sich selbst auferlegt. Es ist so ein Gnadenakt Gottes, wenn er diese im Vergleich zu dieser von ihm verfügten kleinen Strafe als Ersatz annimmt und so auf seine verzichtet. David will leiden, damit das Kind nicht leiden muß. Er fügt sich den Schmerz des Fastens zu, damit dem Kind der Schmerz des Sterbens erspart bleibt. Darum heißt es ja auch in Jesaja 58,5: Ist das ein Fasten wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht?“ Hier übersetzt die „Einheitsübersetzung“ aber leider nicht korrekt. Der hebräische Text liest hier: sich kasteit, sich ein Leid antun! Eine „Übersetzung“ im Geiste der Zensierung Gottes!


Im Hintergrund steht die Vorstellung, daß jede Sünde bestraft werden muß. Ein einfaches Bild mag uns diese uns befremdlich vorkommende Vorstellung näherbringen. Wenn ein Lastschiff beladen wird, muß es ausgewogen beladen werden. Würde nur auf der einen Seite das Schiff beladen, auf der anderen nicht, droht das Schiff zu kentern und unterzugehen. Es muß im physikalischen Sinne gleichgewichtig beladen werden. In einer menschlichen Gemeinschaft, damit sie nicht kentert und untergeht, muß das Verhältnis zwischen Sünden und Strafen ausgeglichen sein, damit sie im moralischen Sinne im Gleichgewicht bleibt. Ungestrafte Sünden brächten sie aus dem moralischen Gleichgewicht. Durch Davids Sünde und seine Folgen ist nun eine Gleichgewichtsstörung im sozialen Leben entstanden. Die Untat Davids wurde durch die Vergebung durch Gott ausgeglichen. Die Negativfolgen der Untat Davids sollen nun durch die Bestrafung des Kindes von David ausgeglichen werden. David bietet Gott nun an, selbst sich zu bestrafen, um so durch sein strenges Fasten die Ausgeglichenheit wieder herzustellen. Seine Selbstbestrafung reicht selbstverständlich zum Ausgleich nicht aus. Aber wenn Gott sein Bußwerk annimmt, seine Selbstbestrafung, dann würde sie ausreichen durch die göttliche Annahme. Erst die göttliche Annahme qualifizierte dies strenge Fasten zum ausreichenden Ersatz für die Bestrafung des Kindes. David hofft auf die Gnade Gottes. Er hofft auf Gottes Erbarmen. Gott erhört ihn nicht. Sein Kind stirbt. Gott tötete es - trotz Davids Bitten und seines Fastens.


Behalten wir dies Bild vor Augen: David bittet, er fastet: „Verschone mein Kind!“ Aber Gott erhört ihn nicht. Er tötet das Kind Davids! Gott läßt hier nicht den Tod des Kindes zu, er straft es mit der Todesstrafe. Gott hat geurteilt. Sein Kind ist tot. Er geht zu seiner Frau Batseba und tröstet sie. Sie wird schwanger und gebiert ihm den Sohn Salomon.


Werfen wir doch auch einen Blick auf diese Mutter. Sie wird die Ehefrau des Mörders ihres Mannes. Sie gebiert ihm einen Sohn, den Gott tötet, um der Sünde ihres Ehemannes willen. Das ist ihr Schicksal! Hat sie es sich selbst zuzuschreiben, weil sie zum König ging, als er sie zu sich rief?Ist sie das Opfer einer männlich - königlichen Verführung? Und nun ist sie wieder Mutter, die Mutter des zukünftigen Königs Salomo. Ihr zweites Kind mit dem König David, ihr erstes ist tot. Dies Frauenschicksal sollten wir nicht zu schnell ausblenden. Sie hat Gott in ihrem Lebensschicksal so erfahren. Es ist kein Trugbild. Gott war so zu ihr.

Zusatz

So sehr die Differenz zu betonen ist zwischen dem Beten und einem magischen Beschwören, ist auch das Gemeinsame zu benennen, daß mit übernatürlichen Kräften gerechnet wird, die für unser Leben von größter Relevanz sind. 

 

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