Papst Leos Enzyklika „Magnifica humanitas“ - ein erster Kritikversuch
Auf der Internetseite „Kath info“ am 29.5.2026 findet sich eine gut fundierte Kritik: „ >Magnifica humanitas< und das zugrundeliegende metaphysische Problem“. Für die Leserschaft dieser Enzyklika dürfte das in dieser Kritik angezeigte Problem seiner nicht vorhandenen metaphysischen Fundierung keines sein, fokussiert sie sich doch vorrangig auf die „konkreten“ Positionierungen und nicht auf das vermeintliche Präludium, auf die theologische Fundierung.
Aber was geschähe, bekäme ich den Auftrag, ein Weltmeisterspiel unserer Fußballmannschaft zu kommentieren, wenn ich die Regeln des Spieles nicht kennte? Ich könnte zwar präzise die Einzelereignisse beschreiben,aber ich könnte sie in keinster Weise verstehen. Ohne eine metaphysische Fundierung könnte diese Schrift nur eine Aneinanderreihung von Problembeschreibungen sein, ohne daß sie verstanden würden.
Enthält nun etwa diese Enzyklika keine metaphysische Fundierung oder eine, die aber nicht eine theologische ist? In dem Kath info Artikel heißt es nun: „Die metaphysische Grundlage der Soziallehre der Kirche verweist nämlich auf die christliche Auffassung der Seinsordnung, die die Menschheitsgeschichte im Licht von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung versteht.“ Man könnte es auch für postmetaphysisch gestimmte Leser anders formulieren: Die christliche Religion ist eine Großerzählung von der Schöpfung, des Falles des Menschen und seiner Erlösung. ( Vgl: Lyotard, Das postmoderne Wissen) In diese Erzählung werden nun alle Elemente der Erzählung eingezeichnet und erhalten dadurch ihre Bedeutung, wie jede Spielaktion eines Fußballspielers erst im Kontext des Fußballspieles die ihrige Bedeutung erhält.
Enthält nun diese Enzyklika keine oder eben eine andere als diese metaphysische Grundlage? ( M.E wäre es sinnvoll, die religiöse Großerzählung von der Metaphysik wie folgt zu unterscheiden: daß die Metaphysik die begriffliche Erfassung der Fundamente dieser Großerzähung ist, die Theologie dann die begriffliche Erfassung der Elemente der Erzählung.) Sehr pointiert heißt es dann in dem Kath info Artikel:
„Der Papst sagt in einem schönen Ausdruck: >Wenn das Geheimnis des Gottes der Liebe die Quelle der Soziallehre ist, betrachten wir sein konkretestes Gesicht in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort< (Nr. 49). Doch Jesus Christus ist nicht Mensch geworden, um ein humanitäres Ideal zu bestätigen oder eine allgemeine universale Brüderlichkeit zu fördern, sondern um die durch die Sünde zerstörte Ordnung durch die Erlösung des Menschen und seine Wiedereingliederung in die übernatürliche Ordnung wiederherzustellen (Summa Theologiae, III, q. 1, a. 2). Wenn dieser metaphysische und übernatürliche Horizont verdunkelt wird, neigt das Christentum zwangsläufig zur Säkularisierung und reduziert sich auf eine rein horizontale und philanthropische Religion, deren Ziel nicht mehr die Rettung der Seelen und die Wiederherstellung der christlichen Ordnung ist, sondern lediglich die humanitäre Verwaltung der Probleme der Welt.“
Aus dieser Kritik läßt sich nun die diese Enzyklika fundierende Metaphysik rekonstruieren: Es ist die Metaphysik des Glaubens an die Menschenwürde, an die Menschenrechte. Aus dieser Perspektive werden dann alle thematisierten Probleme wahrgenommen und Handlungsperspektiven angedeutet. Gott fungiert dabei nur noch als eine kontingente Letztbegründung, durch die die Metaphysik des Humanitarismus in die christliche Religion implantiert wird.
Für den Humanitarismus ist eine religiöse Fundierung überflüssig, ja sogar dysfunktional, weil sie dem Allgemeingültigkeitsanspruch des Humanitarismus widerspräche: Nur was rein vernünftig ist, kann allgemeingültig sein.Die Enzyklika stellt nun dem allgemeingültigen Humanitarismus ein theologisches Präludium voran, um diesen Humanitarismus in die christliche Religion zu implantieren. Dies Implantat erscheint dann als eine Tendenz der Selbstversäkularisierung, da die christliche Großerzählung von der Schöpfung, vom Fall und der Erlösung durch diesen Glauben an die Würde des Menschen substituiert wird.
Zur Veranschaulichung füge ich hier die Titel des 2.Kapitels der Enzyklika hinzu:
„ZWEITES KAPITEL
GRUNDLAGEN UND PRINZIPIEN DER SOZIALLEHRE DER KIRCHE
DIE GRUNDLAGEN DER SOZIALLEHRE
Der Mensch als Abbild des
dreifaltigen Gottes
Die gleiche Würde aller Menschen
Der sehr
hohe Wert der Menschenrechte
DIE PRINZIPIEN DER SOZIALLEHRE
Das
Prinzip des Gemeinwohls
Das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der
Güter
Das Subsidiaritätsprinzip
Das Solidaritätsprinzip
Das
Prinzip der sozialen Gerechtigkeit
DIE GANZHEITLICHE MENSCHLICHE
ENTWICKLUNG
VERGEWISSERUNG FÜR DIE KIRCHE“
Der Kath-info Artikel stellt dazu fest, daß der Begriff der Sünde weitestgehend fehlt. Dann kann aber auch nicht sinnvoll von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und seiner Erlösung etwas geschrieben werden, wozu auch angesichts des Glaubens an den Menschen! Ideengeschichtlich formuliert: Die Parole der Französischen Revolution wird getauft durch das Konstrukt des Bejahtseins jedes Menschen durch den Schöpfergott,um dann den Humanitarismus als die christliche Praxis zu konstruieren.
Zusätze
Genau zu prüfen wäre, ob nicht der Ausgang von der Ideologie der Menschenwürde und Menschenrechten einer Gemeinwohlorientierung hinderlich ist ob des damit gesetzten Primates des Einzeln der Gemeinschaft gegenüber. Gesetz den Fall, ein armes Land bildet Ärzte aus für das eigene Gesundheitssystem und wenn die dann gut ausgebildet ins Ausland gingen, da sie da viel mehr Geld verdienen, muß der Staat diese Auswanderung dulden, wenn er den Ärzten keinen so hohen Lebensstandard ermöglichen kann?
Ist die kirchliche Ablehnung der Widerspruchslösung, daß der Staatsbürger sein Nein zur Organspendenbereitschaft ausdrüklich erklären muß, mit einer Gemeinwohlorientierung vereinbar.Manifestiert sich hierin nicht der Egoismus, der der Menschenrechtsideologie zu eigen ist?
Wie kam es zu dieser Implantierung des Humanitarismus in der Kirche?
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