Donnerstag, 6. August 2020

Universalistische Werte? Ganz ohne Gott?

Der Philosophieprofessor Markus Gabriel will also für die universalistische Geltung von Werten sich engagieren. Seinen Vortrag (so im Internet auffindbar: „Warum es zum Glück keine europäischen Werte gibt – Think Europe mit Prof. Dr. Markus Gabrieleröffnet er für einen Philosophen heutiger Zeit sehr ungewöhnlich mit der Frage: Sind die Gebote Gottes wahr und verbindlich, weil sie Gott gegeben hat oder hat Gott sie gegeben, weil sie wahr und verbindlich sind. 

So charakterisiert der „Deutschlandfunk“ das Anliegen dieses Philosophen, (Markus Gabriel: „Der Sinn des Denkens“Denken als sechster Sinn am 24.1.2019) „Denn Philosophie wendet sich gegen die unsinnige Behauptung alternativer Tatsachen, gegen Verschwörungstheorien und unbegründete apokalyptische Szenarien, damit all dies nicht endgültig überhandnimmt und es nicht wirklich in naher Zukunft zum Ende der Menschheit kommt. Deshalb ergreife ich im Folgenden einmal mehr Partei für einen zeitgemäßen, aufgeklärten Humanismus, der die intellektuellen und ethischen Fähigkeiten der Menschheit gegen unsere post- und transhumanistischen Verächter verteidigt.“



Also ein Verteidiger des Humanismus und ein Kritiker oppositioneller Denker, die von alternativen Tatsachen sprechen, Verschwörungstheorien und apokalyptische Szenarien vertreten usw. Aber wie paßt das alles zu dieser Ausgangsfrage?

Klar wird diese Frage von diesem Philosophen respondiert: Weil die Gebote wahr sind, gab sie Gott.Das heißt aber nun auch, daß Gott für die Wahrheit und Verbindlichkeit dieser Gebote überflüssig ist, denn sie sind nicht wahr, weil Gott sie dekretiert hat,sondern sie sind aus sich heraus evident wahr.Es gäbe so universal gültige Werte (als funktionales Äquivalent zu den Geboten?), die dem vernünftigen Denken als solche einsichtig seien. Eine autonome Vernunft könne so eine für alle Menschen verbindliche Moral oder zumindest universal gültige Grundwerte hervorbringen. Das ginge ganz ohne Gott, das ist eben der vernünftige aufgeklärte Humanismus.

Ab ovo: Kann es unabhängig von Gott das Gute, das was sein soll, geben, sodaß Gott so dem Menschen gute Gebote gab, weil sie aus sich heraus gut sind? Stünde das Gute so nicht über Gott, als wenn Gott wie ein Monarch einer konstitutionellen Monarchie regierte, daß die Verfassung (das Gute) ihm übergeordnet wäre? Woher soll aber diese Gott selbst übergeordnete Ordnung des Guten kommen, etwa aus einer Gott übergeordneten Vernunft?

Oder aber sollte Gott in sich selbst eine Vernunft vorfinden, die ihm anzeigte, was das Gute sei, dem er sich zu subordinieren habe- sozusagen ein Moralgesetz in Gott eingeschrieben?

So kann Gott nicht gedacht werden, weil er so wie eine Kreatur gedacht wird, der eine ihm eigene Natur vorausliegt und sie bestimmt. Gott ist als causa sui zu denken, daß er seine Natur sich selbst gibt, daß er als reine Selbstbestimmung zu denken ist. (Dieser Gedanke ist die große Leistung von Wilhelm von Ockham). Also muß gelten, da das, was gut ist, nur so ist, weil Gott es selbst so entschieden hat, es also ein rein dezisionistischer Akt ist, der nicht durch eine diesem Akt vorgegebene Ordnung bestimmt ist.

Eine andere Frage ist nun aber die, ob in der von Gott geschaffenen Welt das Gute, das was sein soll, weil es Gott so geordnet hat, dem Denken erkennbar ist? Auf diese Frage gibt uns der Apostelfürst Paulus im Römerbrief eine paradoxe Antwort: Zu allen Zeiten war das Gute, das was zu tuen ist, erkennbar, aber die Menschen haben nie das von ihnen immer möglich Erkennbare auch realisiert. So ist ein Humanismus (als Realisieren des Gesollten) denkbar aber nicht praktizierbar. Der Humanismus wird so nach Paulus immer nur eine schöne Theorie bleiben.

Außerdem muß aber auch angefragt werden, ob nicht auch die Erkennbarkeit des Guten durch die Sünde verändert wird, daß das, was als das Gute prinzipiell erkennbar wäre, nicht erkannt wird, weil es nicht erkannt werden will.

Diesem humanistischen Philosophen ist es eine Selbstverständlichkeit, daß es für alle Menschen, weil sie Vernunftwesen sind, nur eine vernünftige Moral geben könnte oder zumindest vernünftige Grundwerte. Nur, ist das wirklich selbstverständlich? Liegt die Annahme nicht näher, daß verschiedene Kulturen sich auch durch verschiedene Moralordnungen unterscheiden, so daß die Behauptung, daß es eine für alle verbindliche gäbe, nur eine Manifestation des Willens zur Macht ist, eine zu verabsolutieren! So gab es im Luthertum der 30er Jahre eine Debatte der Frage, ob Gott nicht jedem Volke einen eigenen Volksnomos geben habe, gerade auch, um sie zu individuieren. (Aktuell: Einen bedenkenswerten Versuch legte Werner J. Mertensacker mit seinem Buch: „Die Treue“ vor.) Der Gedanke der Menschheit ist ja auch nur eine blutleere Abstraktion der Realität des Volkslebens gegenüber mit seiner Eigenkultur. (Es gäbe dann nach dieser lutherischen Konzeption für jedes Volk einen ihm eigenen Nomos, das, wozu es im Besonderen berufen sei und dann aber ein wahres Evangelium für alle. Den Hintergrund bildet die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.

Obskurantistsch ist nun aber, warum der Glaube an die Möglichkeit universalistisch gültiger Werte dem Wahrheitsanspruch von Verschwörungstheorien widersprechen soll. Werner J. Mertensacker formuliert dazu treffend: „Verschwörungs-Theorien hat es immer gegeben.Das liegt daran, daß es auch Verschwörungen immer schon gegeben hat.“ Kurier der Christlichen Mitte, 8/2008, S.2. Ganz bekannte werden da erwähnt, die des Hohen Rates gegen Jesus Christus, die gegen Caesar, lapidar aber treffend wird festgestellt, daß Niemand solche Theorien so sehr bekämpft wie die Verschwörer selbst.

Auch ist es nicht einsichtig, warum universalistisch gültige Werte apokalyptische Szenarien verhindern könnten, etwa das, daß unsere Sonne einmal ausgebrannt jedes Leben auf der Erde vernichten wird. Ob der Mensch dann seinen Heimatplaneten verlassen muß, um zu überleben, oder ob er es schafft, mit einer künstlichen Ersatzsonne doch noch auf diesem Planeten zu überleben, hat sicher wenig mit solch universalistischen Werten zu tuen.

Grundsätzlicher.Der Begriff des Wertes entstammt dem Raum der Ökonomie mit seiner Unterscheidung des Gebrauchswertes von dem des Tauschwertes. Der Wert ist so nichts Konstantes oder Fixes. So hängt der Tauschwert von dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ab und variiert so, der Gebrauchswert ist abhängig von dem jeweiligen Nutzer. So hat eine Briefmarke für einen Briefschreiber einen anderen Gebrauchswert als für einen Briefmarkensammler. Wie soll nun so etwas Instabiles wie der Wert ein Fundament für die Moralphilosophie bilden können?



Mittwoch, 5. August 2020

Die letzte Hoffnung für die Katholische Kirche


Was würde nur die Katholische tuen, stünden ihr nicht so wunderbar kreative Berater zur Seite! "Wenn der Synodale Weg scheitert, geht die Kirche gesellschaftlich ins Ghetto". So lautet der Untertitel, der Rettungsplan des Priesters und Buchautoren. Herr Stefan Jürgens Rettungsplan wird dann auf Katholisch de (4.8.2020) vorgestellt. Ganz dramatisch tönt da die Überschrift: „Priester und Autor Stefan Jürgens warnt vor Relevanzverlust der Kirche“. Der Synodale Weg sei die letzte Chance der Kirche! Welch eine Dramatik.
Was ist nun also zu tuen? Herr Jürgens hat die Lösung aller Kirchenprobleme gefunden, den Stein der Weisen:
Der Pfarrer hatte im November zusammen mit drei weiteren Priestern einen öffentlichen Aufruf zum Reformdialog gestartet. An dessen Ende müssten konkrete Beschlüsse stehen, "die den Klerikalismus, eine der Wurzeln des Missbrauchs in der Kirche, wirksam bekämpfen", heißt es darin. In seinem Buch "Ausgeheuchelt!" fordert Jürgens zudem, Frauen zu Weiheämtern zuzulassen, den Pflichtzölibat zu beenden und mit Homosexuellen wertschätzender umzugehen.“
So und nur so ist die Katholische Kirche noch zu retten:
a) durch die Demontage des Priester- und Bishofsamtes , sein antiklerikales Anliegen
b) durch die Einführung des Frauenpriestertumes
c)durch die Abschaffung des Zölibates und
d) durch die Wertschätzung der Homosexualität.

Ein einfältigeres oberflächlicheres Reformprogramm der Kirche findet man schwerlich in der Kirchengeschichte. Völlig unbegreiflich ist aber, warum dieser „Berater“ des Synodalen Irrweges nicht zur Kenntnis nimmt, daß er einfach mit seinen protestantischen Anliegen in der falschen Kirche ist. Niemand würde doch Parteimitglied der „Grünen“, wenn er ein enthusiastischer Befürworter der Kernkraftwerke ist. Zudem, wenn er auf die „Kirchen“ der EKD blicken würde, wo all seine Reformvorschläge schon längst realisiert worden sind und noch viel mehr (da dürfen Frauen Pfarrerin werden und ihre Kinder im Mutterleibe töten lassen), müßte er da nicht zur Kenntnis nehmen, daß es um diese „Kirchen“ noch viel schlimmer steht als um die Katholische.
Dieser Berater würde wohl auch dem Fußballverein „Borussia Dortmund“, damit sie endlich mal wieder den Meistertitel holen, empfehlen, sich an den Absteigern der letzten Spielsaison zu orientieren, um Erfolg zu haben!
Nie war eine Kirchenkritik so niveaulos wie die jetzige. Und um die zu artikulieren, tagt nun diese Pseudoynode jahrelang, nur um das zu beschließen, was jetzt schon feststeht: Die Kirche muß sich verprotestantisieren, denn ihr Untergang ist ihre einzige Zukunft! 

Ach ja, hat diese Kirche denn noch etwas zu sagen, außer daß sie sich dem vorherrschenden Zeitgeist unterwerfen will. Der Kirche habe kein Thema mehr, klagt dieser Modernist: "Wie wolle die Kirche etwa für Demokratie eintreten, wenn sie selbst "monarchisch und klerikal" aufgestellt sei, fragt Jürgens." Für die jetzige staatstreue Kirche sei also die Verkündigung der Demokratie ein Zentralaliegen, die sie aber nicht glaubwürdig verkünden kann, solange sie selbst nicht auch sich wie der Staat demokratisch organisiere. Ob dann im kommunistisch regierten China die dortige Kirche nicht nur diese Staatsform als die beste aller möglichen verkündigen  und auch so sich selbst organisieren sollte, um in China nicht jede Relevanz zu verlieren?

 

Irritationen: Das gibt es nicht, das existiert nicht....


Vampire und Einhörner, eines ist ihnen gemein, daß es sie nicht gibt. Nur, wie erklärt es sich, daß von etwas, was es nicht gibt, Aussagen getätigt werden können, die veri- bzw falsifizierbar sind? So ist die Aussage, daß Vampire sich von Menschenblut ernähren, wahr, unwahr aber, daß Einhörner fliegen können. Darüber hinaus kann geurteilt werden, daß Vampire und Einhörner sehr wohl existieren und zwar in Unterhaltungsfilmen, in Kunstbildern, in Erzählungen, ja auch in der Alltagskultur. Und doch urteilen wir, daß es diese zwei Entitäten real nicht gibt.
Die Distinktion, daß sie nur in unserem Denken existierten und nicht in der Wirklichkeit, trifft es auch nicht, denn diese kulturellen Vorstellungen existieren ja auch unabhängig vom subjektiven Denken, sie haben sich so verobjektiviert, daß wir Aussagen über Vampire und Einhörner überprüfen können, ob sie wahr sind.
Könnte man dann die Existenz diese zwei Entitäten als virtuelle Existenz qualifizieren? Religionskritisch gewendet: Sind etwa alle Entitäten der Religion auch nur virtuelle, Gott, Engel, der Teufel und die Daimonen?
Was macht denn präzise etwa die Differenz zwischen einem Einhorn und einem Pferd aus? Daß das Einhorn ein dem Pferd Ähnliches ist, daß es sich aber distinkt durch sein Einhorn vom Pferde unterscheidet? Wenn aber geurteilt wird, daß das Pferd ist, das Einhorn aber nicht, dann ist das „ist“ in beiden Aussagen etwas Grundverschiedenes, denn einmal ist es eine Copula, das andere mal bedeutet „ist“ eine Existenzaussage und wir können nun präzisierend sagen, eine nichtvirtuelle Existenz. Somit fügt die Aussage, daß das Pferd ist, das Einhorn aber nicht, dem Subjekt etwas Reales hinzu, seine Existenzaussage, daß es real und nicht nur virtuell ist. (Gegen Kant, daß das ist kein reales Prädikat ist)
Wir leben also in einer Welt, die reale und virtuelle Existenzen ermöglicht. Wie ist aber nun ist unterscheidbar, was nur virtuell und was dagegen real (=nichtvirtuell) ist? Man könnte anders das Problem diskutieren: Es gibt verschiedene Wissenschaften, in denen dann bestimmte Größen als real angenommen werden, z,B in der Psychologie das Unterbewußtsein, in der praktischen Philosophie der freie Wille, in der Völkerkunde, daß es Völker gibt, aber nicht wird das, was in einer Wissenschaft als reales Objekt präsumiert wird, deshalb schon in den anderen so anerkannt. Gibt es so eine Realwelt, auf die sich alle wissenschaftlichen Diskurse teilweise beziehen, aber eben in verschiedener Weise? Verweist der Mensch der Betriebswirtschaftslehre und der der philosophischen Anthropologie auf das selbe Objekt, den Menschen an sich? Oder gibt es wie beim Beispiel des Bauern, des Schach- und des Kartenspielbauern und dem Bauern der Landwirtschaft keine allen „Bauern“ zugrunde liegende gemeinsame Entität namens Bauer, von der aus sowohl der Landwirtschaftsbauer, der Skatbauer und der Schachbauer begriffen werden könnte. Wäre das diesen diversen Bauervorstellungen Zugrundeliegende die Idee des Bauern?
Die Welt ist eine Totalität, die nur als Ganzes gedacht werden kann, wenn sie definiert wird von der Vorstellung der Nichtwelt. Die Welt ist die Negation der Nichtwelt und so denkbar (gegen den Philosophen Markus Gabriel) Aber wenn so die Welt als Ganzes gedacht werden kann, wie kann dann Gott in diesen Gedanken eingezeichnet werden? Spräche etwas dagegen, Gott als die Entität zu bestimmen, durch die es erst die Differenz von Welt und Nichtwelt gibt? Die Welt als Ganzes ist der Ermöglichungsgrund des Erscheinens von Seiendem´(realem und virtuellem), sodaß die Welt als Ganzes nicht selbst als zu erkennender Gegenstand in der Welt erscheinen kann, sie kann nur gedacht werden als die Negation der Nichtwelt und die ist wiederum nur die Negation der Welt. Die Nichtwelt wäre dann das, was der theologische Diskurs die Creatio ex nihilo begreift.Das Nichts ist nun nicht der Welt etwas Vorausgesetztes, sondern es ist nur als Nichtwelt durch die Setzung der Welt.
Wird aber von den Erscheinungen in der Welt gesprochen (Kant), dann impliziert das eine Grunddifferenz von dem, was ist, und dem, wie das, was ist, erscheint. Dann wäre alles Seiende in der Welt etwas Virtuelles, das auf ein Sein jenseits der Erscheinungen verweist. Gegen diesen damit mitgesetzten Dualismus kämpft nun isb die zeitgenössische Philosophie (nicht nur der brillante Zizek). Aber es darf angefragt werden: Warum? Sind nicht alle Wissenschaftsdiskurse auf eine Wirklichkeit ausgerichtet, die sich ihnen entzieht, wenn sie nur bei der Reflexion der Erscheinungen verharren? Diese Wirklichkeit wäre dann das ideele Sein von allem Erscheinenden der Welt im Denken Gottes als Idee.

Dienstag, 4. August 2020

„Die linke Gefahr“


Die Broschüre: „Die linke Gefahr.Das Leichengift der gescheiterten Linken“, von Professor Knütter 2019 erhellt die augenblickliche Lage der Linken in Deutschland und darüber hinaus. Sie kapriziert sich auf die große Zäsur 1989ff, der Implosion des „real existierenden Sozialismus“ und die Neuformierung des linken Diskurses nach dieser Zäsur. Die Linke war scheinbar tot (S.19), die sie tragenden Fundamente hatten sich aufgelöst: der Marxismus in seinen diversen Variationen. Es sollte nicht hinwegdiskutiert werden, daß der Siegeszug nicht nur an den deutschen Universitäten auch etwas mit der intellektuellen Ausstrahlungskraft der „Frankfurter Schule“, eines Adorno und Horkheimer, aber auch eines Georg Lukacs zu tuen hatte und nicht einfach auf effektive Manipulationen zurückzuführen sind. (Selbstkritisch angefragt: Hatten Conservative und Rechte dem etwas Gleichgewichtiges entgegen zu setzen?)
Aber dieser hochtheoretische Marxismus als geistige Grundlage der linken Weltbewegung hat ausgedient. (S.9).
Was bleibt ist eine Reduzierung auf die Geste der Anti-Haltung: man ist nur noch: Antifaschist, Antirassist, Antiglobalist, Antisexist...Positive Ziele können kaum noch artikuliert werden. Dies Phänomen wird anderen Ortes gern als „Kultumarxismus“ qualifziert, (etwa auf der Internetseite: Freie Welt), aber dies verkennt den Tod des Marxismus. (Schaut man auf den Essayband: „Marx von Rechts“ aus dem Jahre 2018, könnte fast der Eindruck entstehen, daß in rechten Kreisen Marx intensiver als unter den heutigen Linken diskutiert wird.)
Aber die Linke revitalisierte sich nach ihrem Tod, aber ihre Lebendigkeit erinnert doch an die von Untoten, die nicht sterben wollen. Neues Leben hauchte das neue Konzept des Antifaschismus ihr ein. Man verwarf die alte Antifa-Doktrin des orthodoxen Marxismus, wie sie Dimitroff verbindlich für alle kommunistischen Parteien ausformulierte, der den engsten Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus ins Zentrum seiner Analyse des Faschismus stellte und ethnisierte stattdessen den Nationalsozialismus als spezifisch deutsches Ereignis. Seit dem gilt nicht mehr die Maxime, nur wer vom Kapitalismus redet, kann sachgemäß vom (deutschen) Faschismus reden, sondern: Antifaschist ist nur, wer Antideutscher ist. Dieser Aspekt kommt nun in der sonst so lesenswerten Broschüre zu kurz. Dieser umgedeutete Antifaschismus verwandelt nun die linken Kräfte zu militanten Unterstützern der Regierungspolitik der Multiethniserung Deutschlandes, daß das Deutsche multikulturell aufgelöst werden soll als der Hort des Bösen.
Sind die Linken noch richtige Linke, oder sollten sie eher als Progressive (S.12) beschrieben werden, auch diese Frage wirft diese Broschüre auf. Eingedenk der These Alexander Dugins, daß nach der Implosion des Realsozialismus der Liberalismus die dominierende Ideologie geworden ist, könnte gefragt werden, ob nicht, das, was sich heute „links“ nennt, nicht ein radicalisierter Linksliberalismus ist.
Eines ist aber unübersehbar: Die Untoten der einst marxistischen Linken leben nur noch vom Blut der „Neonazis, Nazis , Rechten...“: Der Dauerappell, der Feind stünde rechts, überall seinen Nazis am Werke, führt der Linken ihre neue Lebenskraft zu, sie lebt nur noch vom Mythos des Deutschen, der von den Genen her ein Nazi ist und so bekämpft werden muß. Gerade aber diese Ethnisierung des Faschismusverständnisses markiert eine so große Zäsur im linken Diskurs, daß zumindest die Qualifizierung als Kulturmarxismus die Sache nicht trifft. 

Eine andere Frage ist die, wie das Verhältnis der Linken zur Politischen Korrektheit zu bestimmen ist. Diese Korrektheitsideologie beherrscht ja den öffentlichen Diskurs, auch Linke unterwerfen sich dieser Diskursordnung- aber ist deshalb die Politische Korrektheit schon ein linkes Projekt?  

Montag, 3. August 2020

Wie eine Zukunftsplanung die Kirche zugrunde richtet

Ein Zukuftsprogramm der Kirche


Ja, in der Kirche wird ihre Zukunft diskutiert und gar Zukunftspapiere erstellt. Ein solches stellte Katholisch de am 31.7.2020 vor, bzw die Kritik an einem Zukunftspapier: „Gott nur noch als >Chifffre<: Theologen kritisieren XY-Zukunftspapier“ . Fehlender Gottesbezug, kein klares christliches Profil.“ XY setze ich statt des Namens der Kirche- der geneigte Leser möge selbst mal überlegen, wer so die kirchliche Zukunft sieht.
Der praxisrelevante Teil des Papieres verblüfft durch seine Trivialität: Angesichts der Annahme sinkender Nachfrage soll das kirchliche Angebot reduziert und nicht mehr rentable Filialen geschlossen (wo also der Aufwand zur Erbringung der Dienstleistungen in keinem akzeptablen Verhältnis zu der Teilnahme an den Angeboten sich befindet) und stattdessen Versorgungszentren errichtet werden.So einfach geht Zukunftsgestaltung!
Aber wenn das ein kirchliches Programm sein soll, müßte ein solches Zukunftsprgramm nicht auch mit etwas Theologischem dekoriert werden? Ja, entschieden die Verantwortlichen. Und diese Dekorationstheologie provozierte nun -überraschend?- Kritik. „In dem Papier komme Gott nur noch als "Chiffre" für ein ethisch-humanitäres Programm vor, "das sich auch ganz säkular vertreten lässt", kritisierte der Wiener Theologe Ulrich Körtner. "Von Gottes lebendigem Wirken in der Welt und in der Kirche ist praktisch nicht die Rede."
Wenn es in dem Papier hieße, daß die Kirche missionarisch zu sein habe, so sei doch "nicht an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein sozialpolitisches Handeln gedacht", schrieb Körtner: "Kein Wort hingegen von Tod und Auferstehung Jesu, seiner Heilsbedeutung für den Einzelnen wie die Welt im Ganzen."
Das theologische Urteil fällt vernichtend aus: „Doch Kirche als >religiös angehauchte, aber ganz diesseitsorientierte soziale Bewegung< schaffe sich ab.“
Wessen Zukunftsprogramm mag das nur sein? Eines der Katholischen Kirche oder eines der EKD. Nach kurzem Überlegen:Es muß eines der EKD sein (und ist es auch!), denn wäre es ein katholisches, müßte da etwas gegen den Zölibat, für das Frauenpriestertum und für mehr Demokratie in der Kirche stehen. Da diese Forderungen in der EKD schon vorbildlich gelöst worden sind, kann die EKD sich ganz auf ein Reduzierungskonzept konzentrieren, während in der Katholischen Kirche noch die katholischen Traditionsbestände aufzulösen sind, um dann erst marktgemäß, nachfrageorientiert das kirchliche Angebot umzustrukturiern.
Es herrscht wohl Übereinstimmung darin, daß die christliche Religion ein nicht mehr an die Frau und den Mann zu bringendes Produkt ist, sodaß eine Umstrukturierung zu einer links-humanitaristischen NGO zu erstreben sei.

Zusatz:
Die Hauptkraft der Säkularisierung der Kirche ist heutzutage die Kirche selbst, die sich der Welt einpassen will, damit sie in ihr überleben kann. Dabei wiederholt sie in sich nur die Welt, sodaß sie ihr nichts mehr zu sagen hat, weil sie nur das Gerede der Welt wiedergeben will, ihr Eigenes als nicht mehr vermittelbar aufgebend. 

Sonntag, 2. August 2020

Zum Schweigen der Kirche in den Zeiten der Coronaseuche


Ich habe Euch nichts zu sagen!“, das war und ist die Botschaft der Katholischen Kirche und des Protestantismuses in dieser Notzeit. Was sie dann doch sagte, das war nur eine Wiederholung der Regierungserklärungen in gelegentlich etwas feierlicherem Tonfall. Die Materie der Theologie ist Gott, bzw alles in seiner Relation: von, in und zu Gott. Aber die Coronaseuche habe eben nichts mit Gott zu tuen, das sei etwas rein Weltimmanenntes, außerhalb von Gottes Wirken.
Nur, kann es wirklich in der Welt ein Ereignis geben, das nichts mit Gott zu tuen habe? Das ist, da Gott notwendig als alllmächtig zu denken ist, undenkbar. Nur einer, der mächtiger als Gott ist, könnte ja gegen Gottes Willen etwas Gottwidriges realisieren. Also muß die Coronaseuche von Gott zumindest zugelassen, oder gar selbst bewirkt, gedacht werden.
Wäre Gott uns ein reiner Willkürgott, dann könnte die Kirche wirklich nichts zu dieser Causa sagen, aber Gott offenbart sich nicht so: Er straft zwar Sünden hier auf Erden schon und nicht erst durch das eschatologische Endgericht, die Bibel bezeugt dies, aber gerade nicht willkürlich. Gott straft gerecht. Dabei ist sein Bestrafen privater von dem Bestrafen öffentlicher Sünden zu unterscheiden. Zur Veranschaulichung: töte ich jemanden, dann ist das eine Privatsünde, die Tötung von Kindern im Mutterleibe ist dagegen eine öffentliche Sünde, weil sie eine gesellschaftlich erlaubte Tötung ist. Öffentliche Sünden bestraft Gott kollektiv, wie etwa durch die Sintfut oder wie er Sodom und Gomorra strafte.
Woher weiß man nun, daß die Coronaseuche kein göttliches Strafgericht unserer öffentlichen Sünden ist? Weil Gott sie nicht als solche offenbart hat?Nur, hat Gott uns nicht durch die hl. Schrift offenbart, daß er Sünden auch hier auf Erden schon straft. Zumindest hätte es nicht a priori ausgeschlossen werden kann, daß Gott jetzt so uns straft.Aber von einem solchen Gott will man in der heutigen Theologie nichts wissen. Diese Seite Gottes ist eben wegzensiert worden.Nicht einmal von einem Zulassen Gottes ist gesprochen worden. Wenn aber das Ereignis dieser Seuche gar nichts mit Gott zu tun hätte,wie sollte es dann sinnvoll sein, in dieser Causa zu ihm zu beten.Ach, die Theologie auf der Höhe der Zeit lehrt ja schon seit langem, daß Gott gar keine Gebete erhören kann. (Vgl mein Buch: Der zensierte Gott).
Weil Gott als für diese Seuche nichtzuständig erkannt worden ist, deshalb schwieg die Kirche,weil sie als Kirche dazu nichts (mehr)zu sagen hat.Sie konnte sich so nur dem Weltgerede weiterhin anschließen, ihre ihr eigene Sachkompetenz vergessend.


Weil Gott nur noch als Liebe vorgestellt wird, kann er nicht mehr anders alss moralisch appellieren der Not der Welt gegenüber gepredigt werden: Gott will die Seuche nicht, aber wie könnte etwas in der Welt gegen den Willen des allmächtigen Gottes sich ereignen?Das Resultat ist ein weltloser Gott und eine gottlose Welt, sodaß nur noch Gottes moralischer Appell Gott und die Welt verbindet.


Samstag, 1. August 2020

„Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“

Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“, so zitiert Zizek den russischen Filmregisseur Tarkowski zu seiner interpretierenden Verfilmung des Romanes „Solaris“ von Stanislav Lem. „Im Grunde dient Kelvins ganze Mission auf Solaris vielleicht nur einem Ziel: zu zeigen, dass die Liebe eines anderen für das Leben unverzichtbar ist.“ Zizek, Weniger als nichts, 2016, S.893.
Spontan wird man aus christlicher Perspektive diesen Aussagen Tarkowskis zustimmen, aber was bejaht man denn da genau? Das Ausgesagte ist nämlich mehrdeutig. Ist damit gemeint:

ohne Liebe zu einem anderen Menschen oder
ohne daß ein anderer mich liebt?

Was ist nun, wenn ein Mann eine Frau liebt, sie ihn aber nicht und
was, wenn der Mann von einer Frau geliebt wird, er sie aber nicht liebt? Ist in dem Falle des unglücklichen Liebens der Mensch ein Mensch, auch wenn er nur unglücklich liebt und ist er auch ein Mensch, wenn er zwar geliebt wird, aber nicht liebt, wer ihn liebt.
Und prinzipieller: Kann den ein Mensch kein Mensch sein? Tarkowski bejaht diese Frage eindeutig: erst durch die Liebe oder/und durch das Geliebtwerden wird der Mensch zum Menschen. Das Menschsein wird so zu einer Aufgabe, an der ein Mensch auch scheitern kann. Darum muß nun die Frage, was gemeint ist, geklärt werden:
Reicht es, zu lieben, um ein Mensch zu sein, oder reicht es, geliebt zu werden oder ist der Mensch erst ein Mensch, wenn er geliebt wird und liebt? Diskutierte man diese Frage theologisch, reduziert sich diese Frage auf: reicht es, von Gott geliebt zu werden, um Mensch zu sein oder wird ein Mensch erst ein Mensch, wenn er als von Gott Geliebtwerdender auch selbst Gott liebt? Damit stellt sich die Frage, ob die Religion konstitutiv für das Menschwerden des Menschen ist. Dieser Aussage„Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“ wohnt so eine eigentümliche Härte inne, daß der Mensch sein Menschsein verfehlen kann! Aber ist das nicht die Zentralaussage der christlichen Religion, daß diese Möglichkeit realiter besteht und daß so Gott selbst den wahren Weg zum Menschwerden des Menschen offenbart hat!
Dann reicht offenbar das Geliebtwerden nicht, sondern erst in der Liebe zu Gott wird der Mensch zum Menschen. Diese Liebe lebt er dann in der Religion. Es muß hier an Jesu Christi Urteil über Maria und Martha erinnert werden, daß Jesus hier- ganz gegen den Zeitgeist- die contemplative Praxis der Maria mehr schätzt als die praktische Liebe der Martha! Die Liebe zu Gott ist als gelebte wirklich erst mal etwas Contemplatives und darf nicht vertausch werden mit einer allgemeinen Menschenliebe als der vermeintlichen Praxis der Liebe zu Gott. Die christliche Religion ist so eben nicht reduzierbar auf eine humanitaristische Praxis. 

Zusatz:
Tarkowski ist sicher einer der bedeutendsten Filmschaffenden, der in seinen Filmwerken überzeugend beweist, daß der Film nicht notwendigerweise nur ein Unterhaltungsprodukt sein kann wie etwa die allermeisten amerikanischen Filme. Wikipedia weist diese Werke Tarkowskis auf, Meisterwerke der Filmkunst.