Samstag, 1. August 2020

„Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“

Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“, so zitiert Zizek den russischen Filmregisseur Tarkowski zu seiner interpretierenden Verfilmung des Romanes „Solaris“ von Stanislav Lem. „Im Grunde dient Kelvins ganze Mission auf Solaris vielleicht nur einem Ziel: zu zeigen, dass die Liebe eines anderen für das Leben unverzichtbar ist.“ Zizek, Weniger als nichts, 2016, S.893.
Spontan wird man aus christlicher Perspektive diesen Aussagen Tarkowskis zustimmen, aber was bejaht man denn da genau? Das Ausgesagte ist nämlich mehrdeutig. Ist damit gemeint:

ohne Liebe zu einem anderen Menschen oder
ohne daß ein anderer mich liebt?

Was ist nun, wenn ein Mann eine Frau liebt, sie ihn aber nicht und
was, wenn der Mann von einer Frau geliebt wird, er sie aber nicht liebt? Ist in dem Falle des unglücklichen Liebens der Mensch ein Mensch, auch wenn er nur unglücklich liebt und ist er auch ein Mensch, wenn er zwar geliebt wird, aber nicht liebt, wer ihn liebt.
Und prinzipieller: Kann den ein Mensch kein Mensch sein? Tarkowski bejaht diese Frage eindeutig: erst durch die Liebe oder/und durch das Geliebtwerden wird der Mensch zum Menschen. Das Menschsein wird so zu einer Aufgabe, an der ein Mensch auch scheitern kann. Darum muß nun die Frage, was gemeint ist, geklärt werden:
Reicht es, zu lieben, um ein Mensch zu sein, oder reicht es, geliebt zu werden oder ist der Mensch erst ein Mensch, wenn er geliebt wird und liebt? Diskutierte man diese Frage theologisch, reduziert sich diese Frage auf: reicht es, von Gott geliebt zu werden, um Mensch zu sein oder wird ein Mensch erst ein Mensch, wenn er als von Gott Geliebtwerdender auch selbst Gott liebt? Damit stellt sich die Frage, ob die Religion konstitutiv für das Menschwerden des Menschen ist. Dieser Aussage„Ein Mensch ohne Liebe ist kein Mensch mehr“ wohnt so eine eigentümliche Härte inne, daß der Mensch sein Menschsein verfehlen kann! Aber ist das nicht die Zentralaussage der christlichen Religion, daß diese Möglichkeit realiter besteht und daß so Gott selbst den wahren Weg zum Menschwerden des Menschen offenbart hat!
Dann reicht offenbar das Geliebtwerden nicht, sondern erst in der Liebe zu Gott wird der Mensch zum Menschen. Diese Liebe lebt er dann in der Religion. Es muß hier an Jesu Christi Urteil über Maria und Martha erinnert werden, daß Jesus hier- ganz gegen den Zeitgeist- die contemplative Praxis der Maria mehr schätzt als die praktische Liebe der Martha! Die Liebe zu Gott ist als gelebte wirklich erst mal etwas Contemplatives und darf nicht vertausch werden mit einer allgemeinen Menschenliebe als der vermeintlichen Praxis der Liebe zu Gott. Die christliche Religion ist so eben nicht reduzierbar auf eine humanitaristische Praxis. 

Zusatz:
Tarkowski ist sicher einer der bedeutendsten Filmschaffenden, der in seinen Filmwerken überzeugend beweist, daß der Film nicht notwendigerweise nur ein Unterhaltungsprodukt sein kann wie etwa die allermeisten amerikanischen Filme. Wikipedia weist diese Werke Tarkowskis auf, Meisterwerke der Filmkunst.
 

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