Sonntag, 15. August 2021

Irritierendes: Wahrheitsliebe und Nächstenliebe: „und“ oder „oder“?



Die Ausdeutung der Bergpredigt Jesu Christi gehört sicherlich zu den schwierigsten Aufgaben, gilt doch gerade hier die Anfrage: „Verstehst Du auch, was Du liest?“ (Apg 8,30). In der Bergpredigt steht nun geschrieben: „wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!,soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein“. (Mt 5,22). Ist hier mit dem „Bruder“ der leibliche oder der Glaubensbruder gemeint oder gar beide? Vom Kontext der Bergpredigt her liegt es wohl näher, an den Glaubensbruder zu denken, es sich hier also nicht um eine Gebot für das Familienleben handelt: Sage nicht zu Deinem Bruder (in Konflikt-fällen?)Dummkopf! Wer so zu seinem Bruder spricht, der soll dafür bestraft werden durch den „Hohen Rat“. Der „Hohe Rat“ meint zu Zeiten Jesu die jüdische Selbstverwaltungsorganisation im Rahmen der Fremdbeherrschung durch den römischen Staat. Da für die Christen diese Institution keine Bedeutung mehr hatte nach dem Entstehen der Kirche, muß wohl der „Hohe Rat“ nun gedeutet werden als die Kirchenleitung, die da disziplinarisch einzugreifen habe, wenn ein Christ einen anderen als „Dummkopf“ bezeichnet.

Eine mögliche Erklärung wäre die, daß es keine Christen geben könne, die als „Dummköpfe“ zu qualifizieren wären, sodaß Jesus hier im Prinzip nur sagte: Rede nicht Unwahres, den Glaubensbruder Abqualifizierendes! Soll es also zu Zeiten Jesu unter Christen keine Dummköpfe gegeben haben und auch nie in der Kirche geben können, sodaß diese Aussage immer eine unwahre und so nicht rechtfertigbare ist?

Nun ist der Ausspruch: „Gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens!, und das nicht ganz ernst gemeinte Gebet: „Gott, laß Gehirn regnen!, allseits bekannt. Aber es könnte nun eingewandt werden, daß so ein Christenmensch zumindest hinsichtlich seiner Mitchristen nicht denken und reden dürfe, denn unter ihnen gäbe es keine Dummheit.

Ein kleines Erlebnis aus einem Gottesdienst in den Coronazeiten: Hinter mir war die Kirchenbank gesperrt um der Mindestabstände willen. Am rechten und linken Ende der Bank lag unübersehbar ein recht großer weißer Zettel aus mit der höflichen Aufforderung: „Bitte freilassen!“ Eine Frau setzte sich nun direkt hinter mich. Ich wandte mich um und verwies auf den auf der Bank ausgelegten Zettel. Sie respondierte: Ich habe mich ja nicht auf den durch den Zettel abgedeckten Platz sondern daneben gesetzt- das sei ja wohl erlaubt! Diese Christin meinte allen Ernstes, daß die Aufforderung: Bitte freilassen!, sich nur auf die durch den ausgelegten Zettel belegte Sitzfläche bezöge. Hätte ich diese Frau nicht rechtens als Dummkopf bezeichnen dürfen- ist das nicht wahrhaftig Dummheit?

Ein Blick in die heutige Kirche wird auch den wohlwollendsten Interpreten dazu nötigen, von der Allgegenwart der Dummheit in der Kirche zu sprechen, daß in ihr immer auch Dummköpfe sich befinden.

Meint Jesus somit, daß es wohl dummköpfige Christen gäbe, daß sie aber so nicht benannt werden dürfen? Damit gäbe uns die Bergpredigt ein Beispiel dafür, daß um der Nächstenliebe willen, ein Dummkopf nicht von uns Christen als Dummkopf bezeichnet werden dürfe. Die Höflichkeit verböte so, die Wahrheit zu äußern: Du bist ein Dummkopf! Die Höflichkeit sollte dabei als Vorschule der Nächstenliebe begriffen werden, denn die Nächstenliebe verlangt mehr als nur das höfliche Benehmen, aber wer noch nicht einmal diese Tugend der Höflichkeit zu praktizieren weiß, der wird sicher Werke der Nächstenliebe nicht zu Stande bringen können.

Also, wo die Pflicht zum wahrhaftigen Reden: „Du Dummkopf“ verlangte, verbietet dem Christen das Gebot der Nächstenliebe, dies wahre Urteil auszusprechen. So wäre diese Jesusbelehrung ein kluger Rat, mit der Wahrheitsliebe es nicht zu übertreiben, wenn durch das Aussprechen einer Wahrheit ein Mitmensch geschädigt unzumutbar würde.

Ergänzend könnte dann noch hinzugefügt werden, daß etwa ein Schüler, würde er regelmäßig durch seine Lehrer als „Dummkopf“ abqualifiziert dadurch erst recht zum Dummkopf werden. Er würde so auf die Rolle des Dummkopfes in der Schulklasse fixiert, daß er nicht mehr aus ihr herauskommen könne. Das gälte nun allgemein. (Sartre erhebt das gar zu einem Essential seiner Philosophie, daß der Andere durch sein Urteil über mich der Tod meiner Möglichkeiten wird.)

Jesus wäre so ein wahrer Weisheitslehrer, der eben auch darum weiß, daß das Prinzip: „Immer rede ich wahrhaftig“ inhuman ist. Wer auf eine Geburtstagsfeier Eingeladener sagte auch zur Geburtstagstorte, selbst vom Gastgeber produziert, daß sie fürchterlich schmecke, auch wenn sie ihm so schmeckte.

Aber es muß auch Grenzen dieser Höflichkeitskultur geben und Jesus praktiziert sie hier selbst, indem er ganz unhöflich dem „Du Dummkopf“ Sager mit dem Kirchengericht droht!

Ist so aber wirklich diese Aussage der Bergpredigt begriffen worden? Lehrt Jesus hier wirklich nur eine Gutbenimmregel?Vielleicht ist diese Aussage mehrdeutig, vielleicht macht das ja auch die Qualität der Bergpredigt aus, daß ihr Gehalt nicht durch eine Ausdeutung erschöpfend erfaßt werden kann?

Eine andere Ausdeutung könnte so lauten: Ein Christ kann kein Dummkopf sein, weil er Jesus als den Christus erkannt hat. Wer so einen Christen als Dummkopf tituliert, verkennt deshalb, daß er ein Christ ist. Diese Interpretation impliziert, daß die christliche Religion aus Erkenntnissen besteht: Was ist wahr und wie soll ich leben und was darf ich hoffen? Wer diese Erkenntnisse sich glaubend angeeignet hat und sie lebt, kann deshalb kein „Dummkopf“ sein und deshalb darf ein Christ so nicht qualifiziert werden. In weltlichen Angelegenheiten mag und kann ein Christ ein Dummkopf sein, ja die Weltkinder stehen gar im Rufe, in weltlichen Angelegenheiten klüger als die Kinder Gottes zu sein, aber ob und in ihrem Glauben können sie keine Dummköpfe sein, weil sie Erkennende sind.

(Eine kleine Ausschweifung: Der heftige Konflikt zwischen der christlichen Religion und der sogenannten Gnosis im Urchristentum und der Alten Kirche hatte seinen Grund gerade darin, daß die christliche Religion der Gnosis so sehr verwandt war. Die Erlösung des Menschen ist nur durch die wahre Erkenntnis (Gnosis) möglich, dieser Aussage stimmten sie Beide uneingeschränkt zu. Strittig war nur, was die wahre Erkenntnis war. So ist dem Exegeten Bultmann zuzustimmen, wenn er zu dem Ergebnis kommt, daß das Johannesevangelium Jesus in dem Vorstellungskomplex des gnostischen Erlösermythos expliziert, daß nur ein aus dem Jenseits in die gefallene Welt Kommender die in dieser Welt Exilierten aus diesem Schicksal befreien kann, indem er ihnen Anteil gibt durch sich an dem wahren Leben des Jenseits.)

Auch und gerade der christliche Glaube versteht sich als Erkenntnis des Wahren; darum agiert Jesus primär als Lehrer, der Schüler um sich versammelt, um sie in die Wahrheit einzuführen, sie also zu belehren. Die übliche Übersetzung der Schüler Jesu als Jünger verdunkelt dies aber und verunklart so auch, warum Schüler Jesu keine Dummköpfe sein können, weil sie ihn als göttlichen Wahrheitslehrer haben!

Diese Deutung schließt aber die erster nicht aus, denn Christen können sehr wohl Dummköpfe in weltlichen Dingen sein und sie können verdummen, wenn sie sich von der Wahrheit des Glaubens entfremden.

 

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