Der „Machbarkeitswahn“ - aus dem phraselogischen Kirchenwörterbuch
Phrasen machen es den Schreibern aber auch den Predigern leicht, denn sie sind so wohlvertraut, daß über sie nicht mehr nachgedacht wird und jeder spontan, wie vom Leser oder Hörer erwartet, reagiert wird. Der „Machbarkeitswahn“ ist selbstverständlich ein rein negativ besetzter Begriff und was damit bezeichnet wird ist demzufolge a prioi etwas Verwerfliches. Was ist denn nun aber, treten wir einmal von dieser Vorverurteilungsattitüde zurück, das Verwerfliche an der Behauptung, etwas sei machbar? „Das Gerät ist defekt, ist aber reparierbar!“, wer würde das als eine negative Aussage eines hybrischen Machbarkeitswahns verurteilen? Ja,nun könnte ad hoc eingewandt werden, daß der Machbarkeitswahn meine, daß alles machbar sei. Das behauptet nun niemand, denn jeder unterscheidet zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, nur strittig ist dann, was als möglich und was als unmöglich zu qualifizieren sei. Zeigte ein Gegenwartsschriftsteller Goethe, wie er einen Roman auf seinem Computer schreibt, Goethe müßte das als etwas für ihn unmöglich Erscheinendes beurteilen. Wenn aber zukünftig vielleicht ein Künstlicher-Intelligenz-Computer Romane verfaßt, die Literarturpreise gewinnen, muß das wohl Schriftsteller wie ein Alptraum vorkommen, die Leser könnten aber die so geschriebenen Romane genießen. Sollte nun um des Berufes der Schriftsteller willen von intelligenten Computern geschriebene Romane als eine Ausgeburt eines Machbarkeitswahnes verurteilt werden?
Nun ist wohl der Begriff des Machbarkeitswahnes anders zu deuten: Es ginge dabei gar nicht um eine Entgrenzung des alls machbar Beurteilten, daß eben Jul Vernes Mondfahrt nun eine technische Möglichkeit geworden ist, die zur Zeit des Erscheinens dieses Romanes als pure Zukunftsphantasie abgetan wurde, sondern um eine Begrenzung des Machbaren aus moralischen Gründen: „Das dürfe nicht gemacht werden!“ Daß nicht alles Machbare auch etwas Erlaubbares ist, ist so eine Trivialität, daß es Erstaunen hervorrufen muß, daß das eigens betont wird. Immer konnte ein Mensch seinen Mitmenschen umbringen, in der Steinzeit wohl mit einem Steins, heute mit einer Pistole. Die potentiellen Mordinstrumente haben sich gewandelt in der Folge des technischen Fortschrittes, aber es darf geurteilt werden, daß zu allen Zeiten die Ermordung eines Mitmenschen moralisch verurteilt wurde, in der Steinzeit und auch jetzt! Trotz dieser Trivialität ist nun die Rede vom „Machbarkeitswahn“ beliebt, aber warum dann, wenn dies Gerede so trivial ist?
Der Gebrauch dieser Vokabel ist es, daß damit bestimmte technische Neuerungen als moralisch verwerflich diskriminiert werden sollen, ohne daß dann diese Verwerflichkeit noch argumentativ zu begründen ist. So kann dann etwa die Möglichkeit, daß weibliche Eizellen künstlich befruchtet werden, wenn die Frau auf die natürliche Weise nicht schwanger werden kann, als Exzeß des Machbarkeitswahns daimonisiert werden, ohne dabei zu bedenken, daß Gottes erstes Gebot: „Seid fruchtbar, mehret Euch“ für diese Frau, die auf die natürliche Weise nicht schwanger werden kann, die einzige Möglichkeit ist, dem ersten Gebot Gottes gerecht zu werden. Auch den Ordo salutis der Frau, „daß sie Kinder zur Welt bringt,wenn sie in Glaube,Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“,so wird sie dadurch gerettet werden (so schreibt es Paulus im 1.Timotheusbrief 2,15) wird dann einfach ignoriert: Sie dürfte nur natürlich schwanger werden und nicht künstlich! Dann könnte genausogut geurteilt werden, keinem Christen dürfte ein künstliches Herz implantiert werden, da er mit seinem natürlichen Gott zu lieben habe und das ginge nicht mit einem künstlichen!
Im Hintergrund könnte dabei der Mythos des Absturzes des Ikarus stehen: Er, der Mensch, der sich hybrisch anmaßte, wie ein Vogel in dem Himmel fliegen zu können, kam der Sonne damit zu nahe und stürzte ab. Die Götter haben den Menschen ihre Grenzen gesetzt, daß sie nicht wie Vögel fliegen wollen dürfen, sodaß, wenn sie diese ihre Grenzen übertreten, von den Göttern dafür bestraft werden. Aber Gott gab den Menschen den Auftrag, die Welt zu gestalten, sie sich ihm zu unterwerfen. Die Vulgata übersetzt hier mit dem Verb: subjecere: Er soll die Welt subjektivieren! Das bedeutet gerade nicht, daß der Mensch in eine Naturordnung eingesetzt wird, in der er dann zu leben habe, sondern Gott gleicht hier eher einem Vater, der seinem Sohne sehr viele Legosteine in sein Spielzimmer legt, sodaß er dann kreativ drauflos bauen kann!
Die Musikgruppe Puddys interpretiert so in ihrem Lied: „Ikarus“, musikalisch sehr gelungen gestaltet, den Ikarus-Mythos um: Ikarus war der Erste, der es wagte, wie ein Vogel fliegen zu wollen, er scheiterte, aber das ist für uns der Ansporn, es bei den weiteren Versuchen besser zu machen und in ihrem Lied „Ikarus 2“ wird dann ein Loblied auf den ersten Kosmonauten im Weltraum gesungen: Dieser Kosmonaut übertraf gar die Hoffnung des Ikarus, wie ein Vogel fliegen zu können! Das ist nun kein Exzeß eines Machbarkeitswahnes sondern zeigt, daß was vorgestern noch als unmöglich galt, heute eine selbstverständliche Realität geworden ist. Und es ist kein Grund angebbar, diesen technischen Fortschritt als einen von Gott nicht gewollten zu perhorreszieren! Daß nun technisch Neues auch zu moralwidrigem Tuen gebraucht oder mißbraucht werden kann, ist auf keinen Fall ein Argument wider das Neue.
So könnte eine Frühdiagnose erblicher Krankheiten die Möglichkeiten eines therapeutischen Intervenierens erweitern, auch wenn jetzt eine Früherkennung ob des Abtreibungsrechtes dazu führt, oder verführt, Kinder im Mutterleibe zu töten,wenn eine gravierende Erbkrankheit diagnostiziert wird. Aber diese Mißbrauchsmöglichkeit darf nun nicht selbst wiederum dazu verführen, eine Frühdiagnostik zu verurteilen, da sie nun gerade auch die Möglichkeiten erschafft, frühzeitig heilend auf das noch nicht geborene Kind einzuwirken. Die Möglichkeiten zum Heilen Erkrankter zu erweitern, aber nun als einen Exzeß eines Machbarkeitswahnes zu diffamieren, ist unmenschlich angesichts des Leides erbkranklich depraviert zur Welt kommender Kinder!
Zusatz:
Zu vermuten ist, daß im Hintergrund der Rede vom Machbarkeitswahn auch die religiöse Vorstellung des Neides der Götter auf die Menschen steht,daß sie ihre Grenzen nicht überschreiten dürften, da sie sonst wie Götter werden könnten.
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