Unzeitgemäßes oder wider die Rinnsteinkunst
„Wenn nun die Kunst,wie es jetzt viel geschieht,weiter nichts tut als das Elend noch scheußlicher hinzustellen,wie es schon ist,dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke.Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kuturarbeit,und wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein und bleiben wollen,so muß das ganze Volk daran mitarbeiten,und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen,dann muß sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur,wenn die Kunst die Hand dazu bietet,wenn sie erhebt,statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt.“
So urteilte Kaiser Wilhelm II, zitiert nach: Corona Hepp, Avantagarde. Moderne Kunst, 1992, S.47. Daß dieses Kunstverständnis dort als völlig inakzeptabel abqualifiziert wird, wird keinen Leser irritieren, wird da doch jede Polemik wider den Kaiser schon als große Kunst bewundert.Dies Kunstverständnis ist aber auch sperrig, widerstreitet es doch dem Anliegen der Kunstkonsumenten, durch sie gut unterhalten zu werden: Ideale sind was Vorgestriges, jetzt soll die Kunst von der Realität ablenken und so eine schöne Zerstreuung gewähren. Schon gar nicht könne und dürfe die Kunst einem volkspädagogischen Auftrag unterstellt werden. Die Kunst habe überhaupt keinen Auftrag, sie diene demzufolge nur dazu,wozu ihre Konsumenten sie verwenden, während der Künster, für den Kunstmark produzierend, so seinen Lebensunterhalt verdient, wenn er denn hinreichend erfolgreich ist.
So fällt es leicht, dies Kunstverständnis des Kaisers Wilheln II als unzeitgemäß, ja als ein verpädagogisiertes abzutuen. Aber vielleicht überliest man so etwas Wesentliches dieses kaiserlichen Kunstanliegens. Das deutsche Volk ist hier nicht selbst-verständlich als eine Einheit gedacht, sondern wird politisch und soziologisch als ein in sich zerrissendes wahrgenommen. Der Kulturkampf hatte die Katholiken dem Reich entfremdet, die soziale Frage ließ erst gar keine Einheit in dem erst 1871 gegründeten deutschen Nationalstaat zu, die Arbeiterbewegung, marxistisch inspiriert bekannte, kein Vaterland zu kennen und die kosmopolitischen Neigungen des Bildungsbürgertumes waren auch nicht gerade förderlich zur Herausbildung eines nationalen Volkstumsbewußtseins.
Die Autorin resümiert so zu den Erwartungen, die an die Kunst damals gestellt wurden: „In überkompensatorischer Erwartung wird der Kunst all das zu leisten abverlangt,was man Religion und Ethik,Politik und Soziallehre nicht mehr zutraut.“ (S.50). Von daher kommend erscheint des Kaisers Kunstverständnis in einem ganz anderen Lichte: Sie soll integrieren, was in sich zerspalten und ohne eine Einheit ist. Dieses Kunstverständnis paßt gut zum Anliegen dieses Kaisers, zu integrieren als über alle Parteien Stehender dem Ganzen Dienender.Die Ideale sollen dann gemeinschaftsstiftende Ziele sein, woraufhin sich das Ganze zu einem Ganzen zu entwickeln habe. Das Negative, die Kunst des Rinnsteines wäre dann eine, die die Zerspaltung des Volkes bekräftigt. Stattdessen soll die Kunst eine Aufgabe des ganzen Volkes werden, statt daß für den Kunstmark produziert wird, auf dem dann der Einzelne seinem Kunstgechmack gemäß kauft um es privat zu genießen.
Untersuchenswert wäre, ob schon im Kaiserreich eine Tendenz zur Ästhetisierung der Politik wahrnehmbar ist in den großen Staatsfeiern.Im Nationalsozialismus wie auch im Stalinismus wurde das Konzept der Ästhetisierung der Politik ja energisch vorangetrieben, es sei nur an das Monumentalfilmwerk: „Triumph des Willens“ von Frau Riefenstahl erinnert. Man traute der Kunst viel, sehr viel zu. Die Anfänge wird man in der Romantik zu suchen haben in ihrer Kritik der bloßen Verstandeskultur1.
Das Erheben meint hier also, die Tendenz zur atomistischen Auflösung des Ganzen entgegenwirken zu wollen durch die Erfahrbarmachung einer Gemeinschaft des Strebens nach Idealen, also gemeinschaftsstiftenden Zielen. Es sei an die antithetische Gegenüberstellung von der Gemeinschaft und der Gesellschaft des Soziologen Ferdinand Tönnies erinnert, der ja auch frug: Wie können wir wieder eine Gemeinschaft werden?
In unserer Zeit wird darauf eine ganz andere Antwort als die der Kunst gegeben: Es wird der politische Feind proklamiert, durch dessen Ausschluß und Bekämpfung sich die Gemeinschaft als die der Nicht-Rechten, der Politisch Korrekten konstituiert.
Zum Kennenlernen Kaiser Wilhelm II sei hier wärmstens zum Ansehen der Film:"Majestät brauchen Sonne" von Peter Schamoni aus dem Jahre 1999 empfohlen,
Was Kunst ist und wozu sie ist, gehört heutzutage zu den schwerst beantwortbaren Fragen. Ob es daran liegt, daß Zizek recht haben könnte mit seiner Anmerkung,daß die Kultur das sei, was wir praktizierten, ohne an sie zu glauben?
1Erwägenswert ist, ob zumindest in der hegelischen Philosophie mit ihrer Unterscheidung von Verstand und Vernunft im Vernunftbegriff das Anliegen der Aufklärungskritik der Romantik aufgehoben wurde.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen