Dienstag, 23. September 2014

Entweltlichung

Die Verweltlichung der Kirche-das Gebot der Stunde

Der Hl. Vater Benedikt XVI. irritierte mit seinem Begriff der Entweltlichung der Kirche nicht nur die deutsche Universitätstheologie. Kirchenoberen soll die Vorstellung eines Endes der staatlichen Kirchenfinanzierung schlaflose Nächte bereitet haben. Ist es doch keine überzogene Polemik, wenn man sagt, daß die Katholische Kirche Deutschlands mehr aus der Kraft des Geld als aus der des Hl. Geistes lebt. Und nun erst der Nachfolger! Nach dem Hl. Franziskus nennt er sich und prolongiert so schon Benedikts Anliegen einer Entweltlichung der Kirche. Die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche setzt aber eine verweltlichte Kirche voraus. Und wo Umkehr gefordert wird, da stößt diese Predigt, wie zu erwarten war, auf ein beharrliches: Wir wollen so weiter machen wie bisher! Es soll nun eine Apologetik der verweltlichten Kirche vorgeführt werden.

Die Apologetik des: Weiter so wie bisher! hätte es sich leicht machen können, indem sie dem theologischen und somit weltfremden Ansatz der Weltentfremdung die Maxime entgegengestellt hätte: um Menschen zu erreichen, müsse man sie dort abholen, wo sie stünden und das verlange ein Nochmehr an Weltzuwendung und keine Zurückwendung zu dogmatischen Wahrheiten. Seit dem 2. Vaticanum sei der Mensch der Maßstab der Theologie und das hieße: zu hören auf seine jetzigen Fragen und Bedürfnisse, um darauf einzugehen. Das dogmatische Programm des Papstes Benedikt könnte dann als zwar wahres aber eben als nicht mehr vermittelbares abgetan werden. Aber so schmalbrüstig kommt die Apologetik der verweltlichten Kirche nicht daher, gerade weil sie der Autorität des Hl. Vaters sich entgegenstellen will und das erheischt ein Mehr an theologischer Reflexionshöhe.

Es soll nun zuerst E. Beinert mit seiner Entgegnung wider den Hl. Vater dargestellt werden in seinem Plädoyer für eine verweltlichte Kirche. Die katholische Moraltheologie als Lehre vom rechten Handeln ist die Disziplin, in der am deutlichsten die Spannung von Ver- und Entweltlichung zum Ausdruck kommt in der Frage nach einem spezifisch christlichen Lebensstil. Gibt es eine spezifisch christliche Ethik oder geht sie darin auf, einfach die vorhandene zu bejahen? Der Würzburger Moraltheologe Professor Ernst wird so als Musterbeispiel des Konzeptes der Verweltlichung der Moraltheologie vorgestellt. Denn erst im Kontrast zu den Konzepten der Verweltlichung kann die Idee der Entweltlichung begriffen werden.

Professor Beinert, der interessanterweise zum Schülerkreis Kardinal Ratzingers gezählt , ja gelegentlich auch als sein Freund bezeichnet wird, eröffnete den Kampf wider den Papst medienwirksam, im Internet präsent!1 Er begnügt sich nicht mit einer oberflächlichen pragmatisch daherkommenden Kritik. Er kritisiert die Vorstellung einer Entweltlichung der Kirche theologisch und somit prinzipiell ab ovo. Gerade ob dieses prinzipiellen Charakters ist diese Fundamentalkritik nun wirklich beachtenswert, auch wenn am Ende doch wieder nur die sattsam bekannte Litanei der Zeitgeistanpassung dabei herauskommt. Nur, die Begründung für diese Weltanpassungsstrategie ist bedenkenswert.

Beinert präludiert seine Kritik an der Vorstellung der Entweltlichung der Kirche mit autobiographischen Anekdoten. Er erzählt, daß ihm beim Eintritt in das Priesterseminar der Besitz eines Rasierapparates zum Vorwurf gemacht wurde als ein zu weltlicher Lebensstil und daß gar ein Kandidat, weil er mit einem Auto vorfuhr und so offenkundig zu weltlich lebe, nicht zum Priesterseminar zugelassen wurde. Eine Phobie gegen alles Neue bestimme das Verhalten der Kirche zur Welt seit der Reformation. Die Kirche verstünde sich dagegen als Ort der Tradition, die so Rasierapparate, elektrisches Licht und die Eisenbahn ablehne. Geschickt vermengelt Beinert hier die kirchliche Kritik an der Moderne als Säkularusationsprojekt mit technikkritischen Äußerungen von Kirchenvertretern, um so den Eindruck zu erwecken, daß die Kirche aus Angst vor allem Neuen alles Fortschrittliche, technische wie kulturelle ablehne und dabei selbst von den Fortschritten der Vergangenheit lebe.

Entweltlichung meine dann das Nein zu allem Fortschritt in der Welt von der Kirche, die längst schon die weltlichen Fortschritte der Vergangenheit in sich aufgenommen hat. Die Kirche versuche durch die Setzung einer Differenz zur Welt ihre Identität zu bewahren und diese Angst um die eigene Identität verhindere ein Sichöffnen für die Welt. Das gelang erst dem 2. Vaticanum. Aber dieser Mut zum Dialog mit der Welt hielt nicht lange an. Papst Benedikt XVI. verkörpere wieder die vorkonziliare Tradition der Abgrenzung zur Welt aus Angst vor ihr.

Nach diesem Präludium kommt das theologische Hauptargument: Gott wurde in Jesus Christus Welt. Die Weltwerdung Gottes stehe im Zentrum der christlichen Religion. Eine Kirche, die sich entweltlichen wollte, verleugnete so die Weltwerdung Gottes. Der Welt wohne nun ein immanenter Fortschrittsprozeß inne. Der Schöpfungsbericht erzählt nicht, was einst war, sondern eschatologisch, was sein wird. Darauf ist der Weltlauf ausgerichtet. In der Welt gäbe es wohl Ambivalenzen: nicht alles in ihr ist gut, aber sie entwickelt sich zum Guten und die Kirche dürfe da unter der falschen Parole einer Weltfremdheit nicht abseits stehen. Schöpfung im Werden nennt Beinert dies. Einfacher gesagt: aus Christus, dem Haupt der Kirche wird Christus, das Haupt der Welt, die sich nun kraft der göttlichen Inkarnation zum Guten hin bewegt und die Kirche dürfe sich nun von diesem Weltfortschritt nicht distanzieren, denn so wandte sie sich von Gott ab. Als Musterbeispiel werden dann die Menschenrechtsideologie genannt, der sich die Kirche leider erst spät angeschlossen habe.

Fordern oberflächliche Gemüter einfach die Anpassung an die Welt, um besser bei den heutigen Menschen anzukommen, so fundiert dieser inkarnatorische Ansatz dies Anpassungsprogramm, indem er die theologische Aussage, daß Gott in einem Menschen zur Welt kam und daß dieser nun das Haupt der Kirche, seines Leibes sei, umwandelt zu der Aussage der Weltwerdung Gottes. Nun ist nicht mehr die Kirche das Licht der Welt, schon gar nicht als socitas perfecta, sondern der Weltfortschritt ist nun für die Kirche das Orientierungslicht. Je weltlicher die Kirche wird, je mehr sie selbst fortschrittlich ist,desto mehr lebt sie gemäß Gottes Willen. Der weltimmanente Fortschritt, sozusagen das Sein und Werden Gottes in der Welt, verlangt so die Verweltlichung der Kirche. Und was hat die Kirche der Welt noch zu sagen? Eigentlich nur dies, daß sie, indem sie fortschreitet,fortschrittlich ist, Gottes Willen erfüllt. Denn die göttliche Schöpfung ist im Werden. Nicht die Kirche hat diesen Fortschritt zu leiten, sondern die Welt entwickelt sich ob der Inkarnation Gottes in sie zum Guten. So ist für dies Votum für die Verweltlichung der Kirche, daß nicht sie das Licht für die Welt ist sondern die Welt das Licht für die Kirche, die Umdeutung der Inkarnation. Gott wurde nicht in einem Menschen Mensch sondern wird Welt, so daß nun die Welt der Wachstumsprozeß zum Reich Gottes ist, dem leider oft die Kirche bremsend gegenübersteht, wie gerade jetzt in der Person des Hl. Vaters Benedikt und aller konservativen Theologen.


Wir wenden uns nun der Moraltheologie zu, dem Konzept von Professor Ernst. Die begriffliche Polarität von Ent-und Verweltlichung findet sich in seiner im Internet präsentierten Moraltheologievorlesung nicht, aber offenkundig verbirgt sich in der Antithese von autonomer zu theonomer Moral genau das, was die Fundamentaltheologie mit dem Begriffspaar: Ver- und Entweltlichung meint.2

Das Grundanliegen der Autonomie der Morallehre kann in einem Satz zusammengefaßt werden: Das Ziel ist eine Moral ohne Gott. Dies atheistische Anliegen in die Katholische Theologie als legitim zu implantieren, ist so das Hauptanliegen des Moraltheologen Ernst. Für die traditionelle Moraltheologie ist die Ausrichtung auf den Willen Gottes, Gottes Gesetz und Gebote das selbstverständliche Zentrum und unter Gewissen wird dann verstanden der innermenschliche Ort des Wissens um Gottes Gesetz als ius naturae, als Stimme Gottes. Die kirchliche Tradition und das Lehramt als authentische Auslegung des Gesetzeswillens Gottes runden dann die traditionelle Morallehre ab. Also, um zur autonomen Vernunftmoral vorzustoßen, gilt es, viel Theonomes zu eskamotieren und zu deligitimieren.

Die Moraltheologievorlesung setzt also mit der Deligitimierung der traditionellen Instanzen der Moral ein. „Wie sich ethisch gutes und schlechtes Handeln erkennen läßt“, lautet das 1.Kapitel.3 Kann die Orientierung am Willen Gottes das Kriterium des Unterscheidens sein? Die Hl.Schrift und die traditionelle Moral sehen das zu, muß dann konstatiert werden. „Im NT wird mehrfach der Wille Gottes als Maß menschlichen Handelns genannt“4 und auch moraltheologische Handbücher sähen das so. Aber, und hier erblicken wir gleich ein Spezifikum dieser Art von Moraltheologie, nachdem die vermeintlichen Autoritäten, die Schrift und die Tradition zitiert wurden, tritt das allein vernünftig begründete: Nein! dagegen. „Zugleich ist die Berufung auf den Willen Gottes als Begründung ethischer Entscheidungen höchst problematisch“.5 Ein Meer von Vernunftargumenten wird nun gegen die theonome Konzeption erhoben. Die Orientierung an den Willen Gottes setze den Glauben an Gott voraus und der wäre nicht gesamtgesellschaftlich konsensfähig. Setze die traditionelle Moraltheologie die natürliche Gotteserkenntnis als Möglichkeit jedes vernünftigen Denkens voraus und somit auch die Möglichkeit einer Orientierung an Gottes Willen, soweit dieser der Vernunft erkennbar sei, so ist hier selbstverständlich der Glaube, daß Gott ist und daß sein Wollen erkennbar ist, keine Möglichkeit der Vernunft mehr. Daß Gott ist, ist nicht mehr konsensfähig und so kann Gott nicht mehr Element einer allgemeingültigen Moral sein. Aber das reicht noch nicht zur Deligitimierung der Instanz Gottes für die Moraltheologie.

Die Begründung ethischer Normen mit dem Willen Gottes bedeutet einen Zirkelschluss. Sie setzt voraus, dass Gottes Wille tatsächlich ethisch gut ist. Um dies zu beurteilen, muss man aber schon wissen, was ethisch gut ist.“6 Gottes Wille und was ethisch gut ist, werden hier als zwei verschiedene Größen gesetzt, um dann ontisch zu sagen, daß nur, wenn Gottes Wille kompatibel ist mit dem ethisch Guten, Gottes Wille gut ist, und um dann explizit noetisch auszusagen, daß die Erkenntnis des ethisch Guten die Voraussetzung dafür ist, den Willen Gottes als ethisch gut zu erkennen. Damit wird Gott überflüssig für den Diskurs: was ist das ethisch Gute?, weil dies unabhängig von Gott ist, ontisch und noetisch unabhängig von Gott erkennbar ist. Wäre das ethisch Gute nicht ontisch unabhängig von Gott, könnte es nicht unabhängig von Gott erkannt werden. Selbstredend ist die Vorstellung des Seins des Guten unabhängig von Gott theologisch eine Absurdität, denn die Unterscheidung von Gut und Böse, um es traditionell auszudrücken, ist nicht unabhängig von Gott sondern nur durch Gott, indem er souverän diese Differenz setzt durch seinen Willen. Gäbe es das Gute unabhängig von Gott, wäre Gott dem Guten subordiniert und somit entgöttlicht.

Daß Gott kein Element der katholischen Morallehre sein dürfe, will nun die Moraltheologievorlesung auch noch theologisch begründen! Das erste theologische Argument lautet, daß Gott unbegreiflich und unaussprechlich sei. Gott falle so „aus dem Gesamtzusammenhang all dessen heraus, was wir mit unserer Erfahrung und Vernunft erkennen können.“7 Hier wird die Frage der Erkenn-und Begreifbarkeit Gottes konfundiert mit der Frage nach der Erkennbarkeit von Gottes Geboten und Gesetzen. Zur Veranschaulichung: befiehlt eine legitime Autorität: tue dies und tue das nicht!, so ist das Angeordnete für den Adressaten erkennbar, auch wenn er das Subjekt der Anordnung nicht in seinem Wesen begreift. Er erkennt aber, was er als Autorität anordnet und nicht notwendigerweise damit die Autorität in ihrem Ansichsein, sondern nur in ihrem Fürihnsein als Gesetzesgeber.
Aber es wird noch tiefgründiger: Gottes Wille, moraltheologisch traditionell verstanden als erkennbar in den Geboten und Gesetzen Gottes, wird nun schöpfungstheologisch verzeichnet als die Vorstellung, daß die Welt nur ist, insofern sie von Gott geschaffen und erhalten wird, daß Gott der Welt gegenüber immer die causa prima bleibt. „Das bedeutet, Alles, was in der Welt existiert und geschieht-auch das Schlechte-,ist unterschiedslos auf den Willen Gottes zurückzuführen“8 und somit ist dieser Wille Gottes selbst moralisch indifferent und erlaubt so keine ethische Orientierung an ihm. Jetzt erst wird der Gedanke eines besonderen Heilswillen Gottes eingezeichnet als den der Selbstoffenbarung Gottes als Liebe. „Der allein im Glauben zugängliche Heilswille Gottes enthält keinen Sollensanspruch noch verschärft sie ihn, sondern antwortet auf die Frage, wie wir den bereits bestehenden ethischen Anspruch erfüllen können.“9 Die Offenbarung Gottes wird so reduziert auf die Aussage des Menschen liebenden Gottes, wohingegen alle ethischen Aussagen Produkte der praktischen Vernunft sind, die als solche unabhängig von Gott, der Religion und dem Glauben für jedermann erkennbar sein müssen, sonst wären sie keine legitimen ethische Ansprüche. Es kann und darf so keine christliche Ethik geben, sondern nur Menschen, die im Vertrauen auf Gottes Liebe versuchen, ethisch zu handeln und das Was des ethischen Handelns ist allein aus dem Vernunftgebrauch her zu entwickeln. Das ist die Substanz der autonomen praktischen Vernunft dieser Moralthologie, die als Hilfe akzidentiell noch den Glauben an den Menschen liebenden Gott bei sich hat.

Offenbarung besteht nicht darin, einzelne ethische Normen mitzuteilen. Sie zu erkennen ist vielmehr Sache der Vernunft und Erfahrung.“10 Nun enthält aber die Bibel offenkundig ethische Gebote und Satzungen. Was nun? „Ethische Weisungen (Gesetz) sind-auch wenn sie in der Hl.Schrift enthalten sind- nicht direkte Offenbarung Gottes, sondern bereits im Voraus und unabhängig zur Offenbarung erkennbar und begründet.“11 Denn der einzige Offenbarungsinhalt ist,daß Gott die Liebe ist, alles andere der Bibel ist nicht Offenbarung! Und aus dieser Liebe Gottes ergeben sich keine Gebote oder ethische Weisungen! Die Liebe Gottes ist unbedingt und darum ohne eine Forderung: weil Gott dich liebt, hast du oder sollst du nicht.

Diese Vorstellung der unbedingten Liebe Gottes wird hervorgebracht durch eine simple Verwechslung. Jesu verkündet das Kommen des Reich Gottes als eines unabhängig von unsrem menschlichen Tun oder Unterlassen, um dann die Eingangsbedingungen zu lehren: wie muß der Mensch sein, damit er eingehen darf in das Reich Gottes. Die jesuaniusche Lehre von den Eingangsbedingungen unterschlägt diese Moraltheologie nun einfach, indem sie sagt, daß genauso unbedingt, wie das Reich Gottes käme, auch jeder Mensch unbedingt von Gott geliebt sei und so eingehen werde ins ewige Leben. Damit fällt die gesamte christliche Ethik als Lehre von dem: Wie habe ich zu leben,um in das Reich Gottes einzugehen?, aus und wird ersetzt durch wie hedonistische Frage nach einem innerweltlich guten Leben. Das ist dann die vollkommene Verweltlichung der christlichen Moral als ihre Abschaffung.

Nun sind wir schon weit vorgeschrieben in der Enttheologisierung der Moraltheologie. Jeder mögliche Inhalt der Morallehre darf allein aus dem Brunnen der Vernunft geschöpft werden und der Glaube an Gott fügt dem nichts hinzu, außer dem Vertrauen auf Gottes Liebe als Hilfe zum Praktizieren der reinen Vernunftmoral. „Der allein im Glauben zugängliche Heilswille Gottes enthält keinen Sollensanspruch noch verschärft sie ihn, sondern antwortet auf die Frage, wie wir den bereits bestehenden ethischen Anspruch erfüllen können.“12 Denn: „Offenbarung besteht nicht darin, einzelne ethische Normen mitzuteilen.Sie zu erkennen ist vielmehr Sache der Vernunft und Erfahrung.“13

Besondere Aufmerksamkeit wendet nun die Vorlesung der traditionellen Lehre vom Naturrecht und dem Gewissen zu. Beide Quellen der Moraltheologie werden nun entwertet. Mit Hume wird das Naturrecht widerlegt. Aus dem was ist, darf nicht auf das geschlossen werden, was sein soll. Das Naturrecht sei so das Produkt des naturalistischen Fehlschlusses.14 Das Gewissen sei nicht der Ort des Wissens um das Gesetz Gottes sondern ein rein innerweltliches Phänomen, das uns dazu befähigt, zu erwägen, wie ich vernünftig zu handeln habe. Gewissen ist meine eigene Einsicht.15

Somit ist die katholische Morallehre vollständig enttheologisiert. Es bleibt nur noch das Brünnlein der Vernunft übrig, da die Bibel, die Tradition, das Lehramt und das Gewissen (als Wissen vom Gesetz Gottes) und das Naturrecht deligitimiert sind. Die autonome Moral, die so konzipiert werden soll, erweist sich dann aber, schaut man in den materialen Teil der Moralvorlesung, weitestgehend als Wiederholung des heutigen Zeitgeistes in seinem Meinungen!

Wenn nun der Leser meint, das könne doch nicht stimmen. Es gäbe da doch z.B. die Bergpredigt Jesu und da stünde etwas anderes als bloß: lebe vernünftig, so belehrt den Professor Ernst uns über die Bergpredigt: „ Sie fördere das eigene Nachdenken und die Wahrnehmung der Realität. Sie motivieren die Vernunft zum eigenständigen ethischen Urteilen.“16 Und die Inhalte? Nur Beispiele, die uns zur Eigenständigkeit anregen sollen. Hauptsache, daß autonom vernünftig gelebt wird.

Ein paar Kostproben dazu: Zum Thema Abtreibung. Man könne nicht eindeutig sagen, ab wann das menschliche Leben begönne, hier gäbe es differente Ansichten. So könnte eine Abtreibung legitim sein Es ginge um die Spannung zwischen dem Lebensrecht der Mutter und des Kindes und auch hier könne eine Entscheidung zu Gunsten des Lebensrechtes der Frau legitim sei. Zumindest aber hätte die Kirche nicht aus der staatlich anerkannten Schwangerschaftsberatung aussteigen brauchen und sollen, weil ihre Mithilfe an dem Schwangerschaftsabbruch nur eine materiale Mithilfe war und das wäre akzeptabel. Auch ist die Unterscheidung von Verhütung durch künstliche Mittel und auf natürlichem Wege nicht nachvollziehbar. Verantwortungsvoll gelebte Homosexualität soll nicht diskriminiert werden, Sterbebegleitung könne auch eine Mithilfe zum Freitod beinhalten usw...Alles, was dem Zeitgeist gefällt, wird hier nun, vorsichtig umschrieben, mit ein paar Eventuells und Vielleichts umkränzt, abgesegnet.17

Wo stehen wir nun? Christus lehrte uns, daß die Kirche das Licht der Welt sei, daß die Kirche der Ort des Offenbarseins der Wahrheit ist und daß nach ihr die Welt ausgerichtet werden soll. Professor Beinert als Fundamentalthologen und Professor Ernst als Moraltheologe ist das ein unzumutbarer Skandalon. Die Welt braucht die Kirche und die Offenbarung nicht, denn sie ist, ob der Weltwerdung Gottes oder der Vernunft des Menschen immer schon, zumindest von der Potenz her auf dem rechten Weg. Nur die Kirche habe sich lange Zeit der Wahrheit der Welt verschlossen, indem sie als Socitas perfecta, als Besitzerin einer göttlichen Moral der Welt gegenüber trat, statt auf sie zu hören! Und darum müsse die Kirche sich verweltlichen und auch ihre Moral der Weltmoral angleichen, denn die Welt ist das Licht für die Kirche! Papst Benedikts Aufruf zur Entwetlichung, dem sich sein Nachfolger anzuschließen scheint, ist so der Irrweg schlechthin. Die Kirche muß sich verweltlichen und die kirchliche Moral sich säkularisieren.

Eine Frage drängt sich zum Schluß auf: woher so viel Liebe zur Welt und so viel Abneigung gegen die Kirche? Theologisch fällt dabei die verklärte Sicht der Welt auf: eine Welt ohne Teufel und Sünde, höchstens akzidentiell ein paar Eintrübungen und auf der anderen Seite die Perhorreszierung der Kirche: hier ist fast nur Dunkelheit.So widerlegt für Professor Beinert die Mißbrauchsfälle in der Kirche die Lehre von der Socitas perfecta, während die Welt, trotz aller Mißstände unaufhaltsam zur perfekten und vollkommenen Welt sich entwickelt. Für die Moraltheologie hat eigentlich die Menschenrechtsideologie die Morallehre der Kirche obsolet gemacht und so bedarf weder die Kirche noch die Welt einer christlichen Moral. Die Weltmoral ist eben der kirchlichen weit überlegen, weil die weltliche die allein vernünftige ist!

Uwe Christian Lay

1Vgl: YouTube, Beinert, Entweltlichung.
2Vgl: Universität Würzburg. Lehrstuhl für Moraltheologie. Vorlesung: Moraltheologie.
3Universität Würzburg. Lehrstuhl für Moraltheologie. Vorlesung WS 2012/13, Theologische Fundamentalethik S.3
4a.a.O. S.3
5a.a.0.S.3
6a.a.=.S.3.
7a.a.0.S.3.
8a.a.0.S.4.
9a.a.0.S.4.
10a.a.0. S.2.
11a.a.0.S.8.
12a.a.0. S.4.
13a.a.0..S.2.
14Vgl: a.a.O. S.12.
15Vgl: a.a.0. S.10.
16a.a.0. S. 8.

17Vgl: Ethische Grundlagen der Medizin 2012/13, Grundlagen christlicher Sexualethik SS2012.

Der Fall der Wahrheit in der Postmoderne

Wozu Wahrheit?

Ein Versuch über den Fall der Wahrheit in der Postmoderne


Wenn die letzte „Wahrheit“ aus dem Feld geschlagen und die Illusion der Erkennbarkeit von irgend etwas zwischenmenschlich „Wahrem“ begraben sein wird, werden wir frei sein:“, ist nicht nur die Meinung von Klaus Kunze1, sondern wohl das subkutan alle postmodernistisch Denkenden verbindende Credo. Daß diese Meinung die christliche Theologie ins Herz trifft, dazu bedarf es keiner weitschweifigen Begründung, sagt doch der Heiland selbst von sich: „Ich bin die Wahrheit!“
Kunze: „Vom Glauben als Erkenntnismodus muß sich prinzipiell lösen, wer frei entscheiden will.“2
Für G.W.F. Hegel war es noch selbstverständlich, daß der Gegenstand der Philosophie die Wahrheit ist, die ihm eins ist mit Gott.3 Als Arbeitshypothese soll gelten, daß die Moderne wie die Post-moderne als differente Reaktionen auf das Phänomen des weltanschaulichen Bürgerkrieges begriffen werden können. Unter dem Begriff des Weltanschauungskrieges sei verstanden, daß sich
Inhaber von absolut gültig geltenden Wahrheiten und Weltanschauungen, die sich wechselseitig ausschließen feindlich (Feind im Sinne von Carl Schmitt4) agonal gegenüberstehen und einen Vernichtungskrieg gegeneinander führen, dessen Kernsatz heißt: Glaubst du nicht wie ich, schlag ich dir den Schädel ein. Selbstverständlich muß dabei präsumiert werden, daß der Krieg allen Konfliktparteien ein rationales Mittel ihrer Politik im Sinne von Clausewitz war. Nicht kann in diesem Artikel eine hinreichende Verhältnisbestimmung von der Moderne zur Postmoderne erbracht werden. Es wird sich auf diesen Aspekt des differenten Reagierens auf die Wahrnehmung von Weltanschauungskriegen kapriziert unter der Annahme, daß so ein Ansatzpunkt gefunden ist, von dem her das Ganze der Moderne wie der Postmoderne rekonstruiert werden könnte. Als signifikannte Manifestationen der Differenz von moderner zur postmodernen Philosophie, wie auch zur Wahrnehmung von Kontinuität sei auf Kants Kritik der theoretischen und praktischen Vernunft
und der Kritik der Urteilskraft, der ästhetischen Vernunft verwiesen als dem modernen Denker und
auf Lyotards sprachphilosophische Umformung dieser Kritiken zu selbstständigen nicht vonein-ander ableitbaren Sprachspielen in seinem Hauptwerk: Der Widerstreit. Unter Postmoderne soll so in aller Vorläufigkeit eine Theoriebildung verstanden werden, die dem Gedanken der Erkennbarkeit von Wahrheit kritisch gegenübersteht, da der Begriff der Wahrheit dem Generalverdacht unterliegt in seinem Unterscheiden von wahr und nicht wahr letztendlich nur eine Manifestation des Willens zur Macht und des Beherrschens durch dieses Unterscheiden ist. Es sei an Nietzsches Votum erinnert: „Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen.: es ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht.“5 Verweyen bestimmt die Grundhaltung des Postmoderne als die Ablehnung des Sichfestlegenwollens, in Anlehnung an Blondels Kritik des Diletantismus als das Ausweichen vor der Entscheidung, ja oder nein zu sagen,
in dem Verharren in einer ästhetischer Unverbindlichkeit. Einfacher gesagt: der verzicht, wahr von unwahr unterscheiden zu wollen und gemäß der Entscheidung zu leben.6

Historisch war der religiöse Bürgerkrieg des 17. Jahrhundertes der Grund der Konstruktion der Vernunft als dem einzigen Kriterium der Unterscheidung von Wahr und Unwahr mit dem besonderen Ziel einer Konstruktion einer rein vernünftigen Religion als Aufhebung des innerchristlichen religiösen Bürgerkrieges. Der 2. Weltkrieg verstanden als Weltanschauungskrieg zwischen der westlichen Wertegemeinschaft, dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus bildete den Grund zum Konzept der Postmoderne als dem Versuch, allen Weltanschauungen die Wahrheitsfähigkeit abzusprechen, um eine radikale: Alles ist erlaubt! Kultur zu konzipieren, in der es nur noch beliebige Meinungen gibt, die auf jeden Anspruch universaler Gültigkeit verzichten.

Denn eine erkennbare und erkannte Wahrheit führe notwendigerweise zu Bekehrungs- und Missionsversuchen, die in der „Schwertmission“ ihren letztendlich konsequentesten Ausdruck finden. Wo Wahrheit Besitz ist, ist das Ende der Toleranz und der Anfang des Weltanschauuungs-krieges nahe. So fordert Safranski in: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“, daß alle großen Sinnentwürfe, die für sich einen universalen Wahrheitsanspruch erheben, zur kulturellen Privatsache sich reduzieren. Die Politik solle sich reduzieren auf die Erstellung und Aufrechterhaltung der Bedingungen eines friedlichen Zusammenlebens aller nur in ihrer Privatexistenz nach ihren Wahrheiten lebenden Menschen.7 Die christliche Religion darf so nur in der Innerlichkeit privatistischer Frömmigkeit als verbindliche Wahrheit gelebt werden.

Eine der Differenzen zwischen dem Typus der modernen und der postmodernen Lösungen des Problemes des Weltanschauungsbürgerkrieges besteht im unterschiedlichen Verständnis von Vernunft und Wahrheit. Versimplifiziert kann gesagt werden, daß die Moderne die Vernunft als das Vermögen des Menschen zur Wahrheitserkenntnis als die Größe betrachtete und konzipierte, die den unvernünftigen Religions- und Konfessionskrieg beendet im Namen der Vernunftwahrheit, die allen positiven Religionen und Religionsauffassungen zu Grunde läge: alle über diese Vernunftwahrheiten hinausgehenden Offenbarungswahrheiten der Religionen und Religionsauffassungen sollten als historisch kontingentes Dekor der allen gemeinsamen Vernunfttwahrheit entwertet werden, weil das Vernünftige, das von jedem Menschen Erkennbare allein für das Heil des Menschen ausreiche. Die Vernunft und die aus ihr konstruierte natürliche Vernunftreligion ist so der Antitypus zur zur Gewalt und Religionskrieg neigenden positiven Religion. Um des religiösen Friedens willen werden so alle Differenzen zwischen den Religionen und der Religionsauffassungen als bedeutungslos erklärt. Der Agnostizismus forciert diese Haltung durch das Gemeinurteil, daß man in religiösen Fragen nichts Genaues wissen könne, das über die Erkenntnis der aufklärerischen Trinität von: Gott, Freiheit und unsterbliche Seele (so Kant) hinausgehe. Die Postmoderne begreift nun selbst diese Vernunft mit ihrem Wahrheitspathos als etwas das Nichtvernünftige prinzipiell Ausschließendes und so prinzipiell Intolerante, weil ob der unendlichen Vielzahl von Vernunftwahrheiten, die sich alle wechselseitig ausschlössen, diese Vernunft selbst als Wahrheitserkenntnis den Weltanschauungsbürgerkrieg im nachreligiösen metaphysischen Zeitalter hervorruft. Unter metaphysische Wahrheiten versteht Kunze so alle ideologischen Weltanschauungen, die in der Immanenz der Welt absolut verbindliche Normen erkennt bzw. behauptet. „Das theologische Weltbild verlegte seine Seinsprinzipien in ein eigens dazu geschaffenes Jenseits. Transzendente werte in diesem engeren Sinne erfordern immer ein dualistisches Weltbild, in dem das Diesseits einem Jenseits unterworfen ist.“8 Das meint, daß die jenseitige Welt die Norm für die Gestaltung des Dieseitigen ist und dies präsumiert, daß das
Jenseitige als Übervernünftiges erkennbar ist im Offenbarungsglauben. „Neuzeitliche Denker brachten die Glaubensgewißheiten ins Wanken. Spätestens mit den Religionskriegen relativierten widerstreitende Theologien ihre Ansprüche auf letzte Weltdeutung wechselseitig.“9 Die offenbarten Glaubenswahrheiten wurden so durch metaphysische Vernunftwahrheiten ersetzt. „Seit der Aufklärung bemühte man das Jenseits immer weniger und ging zu einem monistischen Weltbild über. Seine ewigen und heiligen Werte rettete man, indem man sie ins Diesseits hineinverlegte.
Nunmehr galten metaphysische Prinzipien als der Natur immanent. Man suchte im Menschen nach seinem Wesen, für das man, je nach Bedarf, das Gute, das Böse, die Vernunft oder andere Eigenschaften erklärte.“10Resümierend urteilt Kunze: „Der metaphysische Wahrheitsbegriff und jeder metaphysische Normativismus sind von Anfang an intolerant.“11 Die Vernunftwahrheit, das Konzept der Domestikation der positiven Religionen auf das natürlich Vernünftige, wird nun selbst auf die Anklagebank der Intoleranz gesetzt und somit als verfehlte Konzeption zur Erreichung eines ewigen dauerhaften Friedens. Tiefsinnig rekonstruiert Kunze, daß jede Erlösungsvorstellung, ob sie nun eine religiöse oder eine metaphysisch politische ist, den Glauben an den metaphysischen Feind impliziert als dem Grund, warum die Wirklichkeit nicht so ist, wie sie sein sollte und daß die Hoffnung auf die Ausrottung des metaphysischen Feindes, des letzten Feindes konstitutiv zur metaphysischen wie zur religiösen Erlösungsvorstellung dazugehört.12

Wenn sich Gläubige verschiedener Weltanschauungen mit ihren „Göttern“ und deren Gesetze wappnen, empfinden sie jeden Angriff auf diese Götter als Angriff auf ihre eigene Identität. Gläubige Herzen vermögen das nicht zu ertragen.“13 Der Krieg aller gegen alle sei so vorprogramiert.

Bezeichnend für diesen postmodernistischen Denkansatz ist14, daß unter expliziter Berufung auf Ockham unter Freiheit die reine Willkür verstanden wird: „Menschliche Freiheit ist immer die Freiheit, allein über das eigene Tun zu entscheiden und im allgemeinen selbst die Regeln aufzustellen, denen der soziale Kontakt mit anderen Menschen unterliegt.“15 Die volle Freiheit sei so absolute Beziehungslosigkeit, weil es nichts gibt, was der Freiheit, der freien Entscheidung vorausgeht und diese Dezision inhaltlich bestimmen könnte. Das Gute, das Wahre, das Schöne sind nur Produkte der freien Entscheidung, das oder dieses als gut, wahr oder schön zu bewerten. Da diese Willkürfreiheit aber anarchisch jede Ordnung auflöst, muß sie durch Regeln begrenzt werden zur sozial verträglichen Freiheit. Wie dieses aber ohne religiöse oder metaphysisch legitimierte Werte möglich sein soll, daran arbeitet sich Kunze in diesem Buch vergeblich ab. Aber das Scheitern braucht uns hier nicht zu interessieren; wichtig soll sein, daß in dieser postmodernistisch gestimmten Kritik aller Offenbarungswahrheiten und aller metaphysischen Wahrheiten deutlich wird, daß der Wille, daß es keine erkennbare Wahrheit geben soll um der Freiheit und des Friedens willen das eigentliche Movens ist. Versimplifiziert: Wer auch immer von sich glaubt, im Besitze
der Wahrheit zu sein, ist letztendlich nicht friedensfähig. Der Besitz der Wahrheit verunmöglicht es, den Anderen nach seiner Fasson leben zu lassen. M. Foucault kann gar den Wahrheitsbegriff als die Freiheit des Denkens zensierende Größe diskreditieren: „Vielleicht ist es gewagt, den Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen als ein drittes Ausschließungskriterium zu betrachten-neben den beiden, von denen ich sprach.16 Wie sollte man vernünftigerweise den Zwang der Wahrheit mit solchen Grenzziehungen vergleichen können, die von vornherein willkürlich sind.“17

Donoso Cortes scheint diesem Urteil Kunzes recht zu geben, wenn er in seinem Essay über den Katholizismus urteilt: „ Die Freiheit in der Wahrheit ist ihr heilig, die im Irrtum ist ihr ebenso verabscheuungswürdig wie der Irrtum selbst.; in ihren Augen ist der Irrtum ohne Rechte geboren und lebt ohne Rechte, und dies ist der Grund, weshalb sie ihm nachspürt,ihn verfolgt bis in die geheimsten Schlupfwinkel des menschlichen Geistes; weshalb sie ihn auszurotten sucht.“18
En passant sei hier an die sehr heftige Debatte um den Wert der Religionsfreiheit während und nach dem 2. Vatikanischen Konzil erinnert. Kann es ein Recht auf den Irrtum neben der allein wahren Religion geben?

Zu fragen ist: Wenn die Theologie nicht mehr als durch den Wahrheitsbegriff konstituierte Wissenschaft verstanden werden dürfte, wie sie sich dann zu organisieren hätte. P. Sloterdijk gibt dazu eine bedenkenswerte Antwort indem er von der Prämisse spricht, „daß Religionen wie Theorien und Kunstwerke im Lauf des 20. Jahrhunderts Handelsgüter und Dienstleistungen geworden sind und sich als solche auf allgemeine Marktbedingungen einlassen müssen.“19

Syberberg drückt dies so aus: „Und die Wirtschaft wurde als Maßstab aller Werte mit dem Kapital
als Bibel des Materialismus erhoben,“.20 Nicht mehr wahr oder unwahr sondern verkäuflich oder nicht verkäuflich bestimme so die wissenschaftliche Theoriebildung wie die Produktion von Kunst.
Der homo oeconomicus wird so auch zu dem Adressaten religiöser Konsumangebote, die nach den Gesetzen des freien Marktes produziert werden und so sich von dogmatischen Wahrheitsvorgaben emanzipieren. Bei Lyotard liest sich das so: „Das Wissen ist und wird für seinen Verkauf geschaffen werden, und es wird für seine Verwertung in einer neuen Produktion konsumiert werden: in beiden Fällen, um getauscht zu werden. Es hört auf, sein eigener Zweck zu sein, er verliert seinen Gebrauchswert.“21 Modernistische Theologie wäre so die Art von Theologie, die sich den Marktbedingungen der freien Konkurrenz zu Lasten der Wahrhaftigkeit akkomodiert hat. Selbstredend kann die Theologie nicht Gott und dem Mammon zu gleich dienen und so muß jeder Versuch einer marktwirtschaftlich orientierten Theologie als Selbstdestruktion des theologischen Denkens bewertet werden.


Was ist Wahrheit? frug schon Pilatus und resigniert erleichtert ob der scheinbaren Unmöglichkeit der Erkenntnis der Wahrheit übergibt er die Causa Jesu Christi ganz demokratisch dem Volke, das ihn dann zum Kreuzestod verurteilt. Er, Pilatus, unfähig, wahr von unwahr zu unterscheiden, erklärt sich dann für unschuldig an diesem Todesurteil. Hier soll Unwissenheit vor Strafe schützen.

Was kann und soll aber die katholische Theologie angesichts dieser postmodernistischen Herausforderung auf die Pilatusfrage antworten.

Kreiner konstatiert in seiner philosophischen Gotteslehre unter der Kapitelüberschrift: „Wahrheit als Problem religiöser Praxis“22: „Wahrheit für die eigenen religiösen oder anderweitigen Überzeugungen in Anspruch zu nehmen, gilt vielfach als politisch inkorrekt, intolerant, imperialistisch, repressiv oder als Wurzel noch weit schlimmerer Dispositionen und Praktiken.“23
Kreiner spricht in Anlehnung an Bailey von einer „Veriphobie“. Damit ist die Furcht vor Wahrheitsansprüchen auch und gerade im religiösen Bereich gemeint ob der Konfliktträchtigkeit
konfligierender Wahrheitsansprüche. Gemeint wird, daß ein Großteil der Konflikte, die aus miteinander unvereinbaren Geltungsansprüchen von Weltanschauungen resultieren, „ließe sich aus der Welt schaffen, wenn von vornherein feststünde, dass die Suche nach der Wahrheit über Gott ein für Menschen aussichtsloses Unterfangen darstellt. Aus einleuchtenden Gründen erübrigte sich die Frage, welche Seite Recht hat, wenn klar wäre, dass keine Recht haben kann.“24 Um des friedlichen Miteinander oder Nebeneinander willen soll so auf alle Wahrheitsansprüche verzichten werden. Bestand die Domestikationsstrategie der Moderne in der These, daß alle positiven Religionen, insofern die natürliche Vernunftreligion ihren Wesenskern ausmacht, gleich wahr und damit gleich-gültig seien, so besteht die postmoderne Domestikationsstrategie in der These der Unerkennbarkeit der Wahrheit und der Unmöglichkeit und Illegitimität von Wahrheits- und Geltungsansprüchen von Religionen und Weltanschauungen. Eine Theologie, die sich darauf einließe, würde sich selbst nichten, denn für das religiöse Bewußtsein ist es konstitutiv, daß Gott als die Realität gedacht wird,
als unabhängig vom menschlichen Glauben existierende Entität.

Wenn also aus rein religiösen Gründen auf den Wahrheitsanspruch der Religion und Gottes nicht
verzichtet werden kann, wie kann dann weiterhin der Wahrheitsanspruch von theologischem Denken aufrechterhalten werden. Es soll deshalb gefragt werden, ob denn Denken ohne einen Wahrheitsanspruch überhaupt vorstellbar ist. Anders gefragt: Ist noch nach Wahrheit fragbar, wenn eine erkannte Wahrheit im Widerstreit zu anderen Wahrheitsansprüchen zu friedensgefährdenden Konflikten führt. Denn wenn die Frage nach der Wahrheit schon nur noch als Machtanmaßung, um im Namen des Wahren das Nichtwahre zu diskriminieren gehört wird, dann wird jede mögliche theologische Antwort auf diese Frage: Was ist wahr? auch nur noch verkannt werden. Philosophisch ist zu fragen, ob nicht jedes Denken auf Wahrheit hin orientiert ist und daß so gerade die Aussage der Nichterkennbarkeit der Wahrheit und der Nichtwünschbarkeit der Erkennbarkeit der Wahrheit selbst Aussagen sind, die für sich einen Wahrheitsanspruch geltend machen? Und es muß ergänzt werden, ob nicht jedes Denken notwendig so, indem es etwas als wahr aussagt, so etwas anderes als nicht wahr diskredetiert. So schließt ja auch die spezifisch postmoderne Skepsis gegen die großen Metaerzählungen als Legitimierungen der Erkennbarkeit von Wahrheit den Wahrheitsanspruch solcher Metaerzählungen aus.25

Die These lautet schlicht, daß die Aussage, daß Wahrheitsansprüche konfliktträchtig sind und daß um des Friedens willen deshalb solche Wahrheitsansprüche nicht zu erheben sind, selbst eine Aussage ist, die für sich einen Wahrheitsanspruch erhebt und somit selbst verifiziert, daß selbst die Verneinung von Wahrheitsansprüchen selbst ein Wahrheitsanspruch ist. Auch das Urteil der Unerkennbarkeit der Wahrheit ist ein wahrheitsbeanspruchender Satz. Alle postmodernen Theorien über die Nichterkennbarkeit von etwas Objektivem sind selbst wahrheitsbeanspruchende Theorien.
E. Hirsch hat dies mustergültig an seiner Kritik eines geistigen Väters der Postmoderne, nämlich Nietzsche vorgeführt. Nietzsche wird wie folgt zitiert: „In irgendeinem ablegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte, aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn und die klugen Tiere mußten sterben.“ 26 Der Mensch, der glaubt, erkennen zu können, verfehlt sich, indem er dieses Vermögen zur Lebenserhaltung als Befähigung zu einer Erkenntnis von Wahrheit mißversteht.

Hirsch fragt nun aber an: Was tut Nietzsche, wenn er uns diese Fabel vom klugen Tier erzählt? „Will er uns ein Märlein erzählen? Nein. Er hat gedacht und dabei in seinem Geist eine bittere Wahrheit geschaut und von dieser Wahrheit will er uns durch seine Geschichte überzeugen. Was tut er aber, wenn er so denkt und Gedanken ausspricht? Er schwebt frei von allen Dingen, überfliegt mit seinem Blick das ganze Weltall samt all seinen Sonnen, darunter auch jenen kleinen Stern im Winkel, wo die Menschentiere hausen,und streift ahnend durch alle Ewigkeiten, in ihnen auch jene Minute findend, in der die Menschentiere ihre ganze Geschichte abmachen. Wir fragen ihn: Wer bist du denn, du wundersames Wesen, dem solch ein überirdisches Schauspiel vorgespielt wird?“27 Dieser Selbstwiderspruch ist nicht nur konstitutiv für Nietzsches Erkenntniskritik sondern auch für den Status postmodernen Denkens. Dies Denken selbst steht außerhalb der beurteilten Denk-systeme, die als Denksysteme nicht objektive Wirklichkeiten zum Erkennen freigeben ganz im Gegensatz zum alles Durchschauendem des postmodernen Denkens. Wenn Verweyen urteilt: „Ausgangspunkt dieses Buches war die bedrückende Feststellung, dieAnlaß der Enzyklika: „Fides et ratio“ ist: die heute vorherrschende Philosophie sieht sich außerstande, Aussagen von letzt-gültiger Tragweite zu machen“,28 evoziert dies sofort die Rückfrage, ob dabei nicht die Aussage der Unmöglichkeit von Aussagen von letztgültiger Tragweite selbst eine Aussage mit dem Wahrheits-anspruch letztgültiger Tragweite ist.

Wenn also jedes Denken, weil es Denken ist, nicht auf Wahrheitsansprüche verzichten kann, dann kann dies das theologische Denken auch nicht. Es gehört konstitutiv zu jeder Religion, einen Wahrheitsanspruch zu erheben und zu jeder universalen, einen Allgemeingültigkeitsanspruch zu erheben. Daß aus wechselseitig sich widersprechenden Wahrheitsansprüchen Konflikte sich generieren, das ist aber eine unbestreitbare Wahrheit. Auch das postmoderne Denken evoziert Konflikte mit modernen sich zur Wahrheitsfindúng befähigt sehenden Theorien des Denkens.
Jede rein negative Theologie, die ihren krönenden Abschluß in der These der prinzipiellen Nichterkennbarkeit des Wahren findet, provoziert den unausweichlichen Konflikt mit der Position der Erkennbarkeit der Wahrheit.

Es muß deshalb auch katholischer Sicht darum gehen, humanverträgliche Formen des Umganges mit aus sich wechselseitig widersprechenden Wahrheitsansprüchen ergebenden Konflikten zu finden und zu gestalten, nicht aber irenisch utopistisch den Konfliktcharakter zu verleugnen.
Das heißt für das notwendige Gespräch der Theologie mit der postmodernen Philosophie, daß hier im Wissen um die Konfliktträchtigkeit das wissenschaftliche Gespräch zu führen ist, denn die Theologie kann von jedem Denken, das als Denken auf die Hervorbringung wahrer Sätze ausgerichtet ist, zum eigenen Nutzen nur dazulernen. Und hier warten auf die zeitgenössische Theologie noch große Aufgaben. Um der Wahrheit willen muß mit dem zeitgenössischen Denken das Gespräch geführt werden. Versäumt sie diese Aufgabe, entsteht die Gefahr der Dominanz einer nur noch historisierenden Selbstbetrachtung der Theologie, weil der lebendige Kontakt zur postmodernen Gegenwart verloren geht.

1Kunze, K., Mut zur Freiheit- Ruf zur Ordnung. Politische Philosophie auf dem schmalen Grat zwischen Fundamentalismus und Nihilismus 1995 S.144.
2Kunze, K.; Mut zur Freiheit S.219.
3Vgl: Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften § 19 Zusatz 1 und: Vorlesungen über die Philosophie der Religion.
4Vgl: Schmitt, C., Der Begriff des Politischen . Die Unterscheidung von Freund und Feind als Kriterium des
Politischen 1932.
5Nietzsche, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre , Friedrich Nietzsche Werke IV Hrsgb: Schlechta 6.Auflage
1969 Nachdruck 1984 S.764.
6Vgl: Verweyen, H., Theologie im Zeichen der schwachen Vernunft, 2000 S.53-60.
7Vgl: Safranski, Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? 1993 S.200ff.
8Kunze S.83.
9Kunze S.8.
10Kunze S.83.
11Kunze S.19.
12Vgl. Kunze, S.85.
13Kunze S.20.
14Selbstverständlich kann Kunzes Ansatz nicht einfach der Postmoderne zugerechnet werden, denn sein starker
Personenbegriff als das Subjekt rein dezionistischen Entscheidesns in Anknüpfung an Ockhams Freiheitsverständnis
ist nicht der postmodernen Philosophie zurechenbar. Vgl etwa: Foucault, M., Die Ordnung der Dinge 9. und 10. Kapitel, Der Mensch und sein Doppel, Die Humanwissenschaften 1966.
15Kunze S.105.
16„Drei große Ausschließungssysteme treffen den Diskurs: das verbotene Wort; die Ausgrenzung des Wahnsinns, der
Wille zur Wahrheit“, Foucault, M.; Die Ordnung des Diskurses 9.Auflage 2003 S.16. Treffen meint hier, den Diskurs durch das Ausschließen von zu einem bestimmten Diskurs konstituieren.
17Foucault, M.; Die Ordnung des Diskurses 9.Auflage 2003 S.13.
18Kunze S.92.
19Sloterdijk, P. ,Heinrich, H.-H., Die Sonne und der Tod 2001 S.33.
20Syberberg, H.J., Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege, 1990 S.40.
21Lyotard, Das postmoderne Wissen 1986 S.24.
22Kreiner, A., Das wahre Antlitz Gottes 2006 S.130-140.
23Kreiner, A. Das wahre Antlitz Gottes S.131.
24Kreiner,A, Das wahre Antlitz Gottes S.132.
25Vgl: Lyotard, Das postmoderne Wissen Kapitel 9. Die Erzählungen von der Legitimierung des Wissens, 1986 S.96- 111.
26Hirsch,E. Deutschlands Schicksal 3.Auflage 1925 S.9.
27Hirsch,E. Schicksal S.12.

28Verweyen, H._H., Theologie im Zeichen der schwachen Vernunft, 2000 S.47.

Montag, 22. September 2014

Sympathie

Sympathie for the devil

Immer noch singen die Rolling Stones ihr: „Sympathie for the devil“, aber in der Kirche hört man von diesem Antigott kaum noch etwas. Er ist in der Hochkultur außer Mode gekommen und spukt höchstens noch in der Schwermetallmusik oder in Horrorromanen. Die Welt ist nicht besser geworden, seit dem der „Abschied vom Teufel“ vollzogen worden ist, aber feindlos. Der letzte Grund des Bösen ist verschwunden, aber das Böse bleibt.

Uns ist die Versuchungsgeschichte Jesu bekannt, ja vielleicht schon zu bekannt, als daß wir hier noch rechtens erschreckt werden. Da spricht der Teufel zu Jesus Christus, nachdem er ihm alle Reiche der Welt gezeigt hatte: „Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“ (Matthäus 1, 9). Eine Frage drängt sich sofort auf: Warum antwortet Jesus nicht mit dem Glaubensbekenntnis, daß Gott, sein Vater allein der Herr auch dieser Welt ist, sodaß er und nicht der Teufel die Mächte der Welt vergeben kann. „Teufel, du versprichst mir etwas, was du nicht einhalten kannst!“ Und damit wäre diese Versuchung als plumpe Täuschung entlarvt und für Jesus überhaupt keine Versuchung. Aber Jesus geht in diesem Augenblick der Versuchung davon aus, daß der Teufel das, was er hier verspricht, auch wirklich einhalten kann. Nur so ist ihm dieser Teufelspakt eine Versuchung, der er dann widersteht. Christus ist hier der Antitypus zu Adam, der in der Versuchung des Teufels fiel; es war sozusagen Jesu Meisterprüfung, um dann öffentlich wirken zu dürfen.

Goethe läßt seinen . Faust noch durch den Teufel verführen, Thomas Mann präsentiert in seinem Roman: Dr. Faustus tiefsinnig über Genialität und Teufelspakt, aber so sehr die Vorstellung vom Teufel einst auch Bestandteil unserer Hochkultur gewesen ist, man denke nur an „Des Teufels Elixiere“ von E: T. A. Hoffmann, so radikal ist diese Vorstellung nun verschwunden-aber, eingedenk der Binsenweisheit, wo man den Glauben zur Türe hinauswirft, da schleicht der Aberglaube durchs Fenster hinein: unsere Medienwelt ist erfüllt von Ersatzteufeln. Menschen werden verteufelt, um als Ersatz für den wahren Antigott zu fungieren. Aber dem Menschen ist es nicht gegeben, so gut zu sein wie Gott, Jesus sagt: was nennst du mich gut, gut ist allein Gott und nicht so böse zu sein wie der Antigott, der Teufel.

Nur, wer so redet, mag er noch so viele Zitate aus der Hl. Schrift und von anerkannten Kirchenlehrern anführen, evoziert den Vorwurf, daß er halt nicht nur hoffnungslos fundamemtalistisch sei, sondern ohne Verstand und Vernunftgebrauch glaube.

Ist die Vorstellung eines Antigottes zu widervernünftig, daß jede Bibelexegese und jede ernstgenommen werden wollende Theologie diese Spukgestalt zu eliminieren hat?

Wie anders urteilt aber der Judasbrief über die Irrlehrer in der Kirche, die den Teufel lästern und die überirdischen Mächte verachten! Selbst der Erzengel Michael, als er wider den Teufel stritt, wagte nicht, diesen zu lästern. Und zu dem, der ist, zu sagen, er sei nicht, heißt, ihn zu lästern. Aber auch dieser Brief steht so unter dem Generalverdacht, mythologische Absurditäten zu erzählen, die für den modernen Christen unzumutbar sind, wie schon der Heilige aller zeitgenössischen Exegeten, Bulltmann urteilte.

Gehört die Satanologie, wenn sie überhaupt ein Lehrstück innerhalb der Kirchenlehre ist, in den Bereich der übernatürlichen Offenbarungswahrheiten oder gehört sie wenigstens teilweise auch in den Bereich der natürlichen Gotteserkenntnis? Es ist wohl kein überzogender Kulturpessimismus, daß, wenn man nach den letzten Gründen für diese Welt, so wie sie jetzt ist, frägt, angesichts des Guten in der Welt auf ein gutes, angesichts des Bösen und Negativen in der Welt auf ein böses Ursprungsprinzip stößt- auf einen Dualismus zweier sich wechselseitig ausschließender Grundprinzipien. Jedem Monotheismus, jeder monistischen Lehre dagegen fällt es schwer, die reale Dualität in der Welt, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis auf einen Grund zurückzuführen und dann diese Realpugnanz zwischen Gut und Böse auf den einen Ursprung zurückzuführen und aus ihm zu deduzieren. Das Böse als nichtseiend, als Mangel an Sein zu vertehen, ist unserem Jahrhundert angesichts der Vitalität des Bösen nicht mehr möglich- es wäre doch eine indiskutable Verharmlosung der Grauen unserer Zeit. Das nicht nur das Christentum in seiner Glaubwürdigkeit bedrängende Theodizeeproblem existiert ja nur ob der Voraussetzung, daß alles, was ist, sich einem guten Urprinzip verdankt.

Und hier deutet sich der erste Anknüpfungspunkt für eine Rekonstruktion der traditionellen Satanologie an: daß die Welt, so wie sie ist, so wie sie von uns erfahren wird, adäquater mit der Zusatzthese eines zweiten (subordinierten) Prinzipes, das dem guten entgegengesetzt ist, begriffen werden kann, als wenn die Gesamtwirklichkeit auf nur das gute Prinzip zurückzuführen wäre.Die Alternative hieße, das Negative allein auf das Vermögen des Menschen als freier Wille, das Böse zu erwählen,zurückzuführen. Aber das birgt in sich im Vorstellungsraum theologischen Denkens eine Inkonsequenz: warum führt die Theologie nicht alles Gute auf das Vermögen des freien Willens des Menschen zurück, wenn sie alles Böse auf genau diesen einen Grund zurückführt? Ist die Verneinung eines Grundes des Bösen als vom Menschen verschiedener nicht der erste Schritt dahin, auch Gott als dem Grund alles Guten zu verneinen und so den Menschen zu verabsolutieren zu der einzigen Quelle von allem Guten und allem Bösen?

Zudem: wenn alles, was ist, weder als vollkommen gut noch als vollkommen böse erscheint,liegt es dann nicht nahe, das vollkommen Gute und das vollkommen Böse als jenseitige Prinzipien zu verstehen, auf die in unserer Lebenswirklichkeit nur defizitäre Abbilder verweisen,ohne daß sie je vollkommen sich im Diesseitigen realisieren. Aber wir können das Urteil, das ist gut, das ist böse, nur fällen, indem wir das so Beurteilte als individuierte Realisation des Guten und des Bösen begreifen. Wenn ich urteile, das sei ein Baum, dann kann dieses Urteil nur wahr sein, wenn das so Begriffene wirklich eine Individuation des Begriffes des Baumes ist und ich im Begriff des Baumes so das Wesen des so begriffenen Einzeletwasses erfasse. Anders gesagt: das Urbild des Baumes realisiert sich in endlich vielen Einzelindividuationen, in denen das Abstraktum Baum zu einem bestimmten Baum wird mit bestimmten Einzeleigenschaften, während das Urbild alle möglichen Eigenschaften des Baumseins in sich trägt. Wenn wir etwas als böse beurteilen, setzten wir so in diesem Urteil die Idee des Bösen voraus und subsumieren das als Böses Beurteilte unter diese Idee. Erst im theoretischen Reflektieren nach dem Urteilen entschwindet uns wieder der im Urteilen applizierte Begriff des Bösen, wenn wir die Vorstellung vom Bösen als metaphysische Überspanntheit ablehnen.

Im Vorstellungsraum der Moral kann nur etwas als gut gelten, was kraft des freien Willens gewollt worden ist. Nur eine freiwillige Tat kann so eine Bestandteil der Morallehre sein. Wenn dann ein Seiendes als Gutseiendes begriffen wird, impliziert dies, daß es sich selbst durch einen Selbstbestimmungsakt als Gutes hervorgebracht hat, sonst wäre es nur ein gut Gemachtes und so gut Funktionierendes. Wenn es eine Möglichkeit zur Beantwortung der Theodizeeproblematik gibt, dann eine der Lehre vom freien Willen, wie es A. Kreiner in seinem Buch, Gott im Leid, beeindruckend entfaltet: daß der Mensch um seiner Bestimmung zur Sittlichkeit willen Gott den freien Willen gab, damit er freiwillig das Gute wähle und das könne er nur, wenn der freie Wille auch das Vermögen in sich trägt, das Nichtgute zu wählen. Das radikal Böse als Wahlmöglichkeit ermöglicht so erst die Wahl des Guten als freie Wahl und darum ließe Gott das Böse zu, damit das Gute sein kann. So könnte spekulativ die Möglichkeit des Bösen um des Guten willen ergründet werden. Das Christentum kennt nur einen relativen Dualismus; ein absoluter wäre mit dem Glauben an Gott als Allmächtigen unvereinbar. Das bedeutet, daß das derivierte negative Prinzip, das Böse nur ist, weil Gott es als Allmächtiger zugelassen hat. Gott läßt aber als Gott der Liebe nur etwas zu, das trotz seines offenkundig negativen Charakters trotzdem in irgendeiner Weise dem Guten dient und somit kompatibel ist mit der Liebe Gottes. Damit das Böse nun wirklich im moralischen Sinne böse ist, muß es als ein Etwas gedacht werden, das sich selbst dazu bestimme, das Böse zu sein, denn wäre es einfach als das Böse geschaffen, wäre das Bösesein seine Natur, für die es nicht verantwortlich wäre. Der Mythos vom Engelfall wird genau dieser spekulativen Entfaltung gerecht, indem der Mythos erzählt, wie das Böse wurde als freiwilliger Abfall von Gott dem Guten und daß der sich so zum Bösen selbstbestimmt habende Engel nun das personal Böse ist. Das Böse apersonal denken, hieße nämlich, es nicht als durch sich selbst als Böses Gesetztes zu denken und so sein Bösesein auf ein Sogeschaffensein zu reduzieren, es also nicht als ein moralisch qualifiziert Böses zu denken.
So manchem wird dieser Gedanke zu spekulativ erscheinen. Nur, es muß konstatiert werden, daß ein bloßes Insistieren darauf, daß die Hl. Schrift und die kirchliche Lehre es so bezeugen den modernen Menschen nur dazu bringen, daß er sagt: umso schlimmer für die Glaubwürdigkeit von Bibel und kirchlicher Tradition. Der christliche Glaube darf im Jahr des Glaubens nicht einfach als je meiniger Glaube bezeugt werden, ich glaube das halt so, sondern er muß auch als allgemeine, also als katholische Wahrheit begründet dargelegt werden und das geht nicht ohne spekulatives Denken, das, was die Kirche lehrt, als auch in sich vernünftig, zu begreifen und zu ergründen. Denn, das, was dem vernünftigen Denken widerspricht, kann nicht ein Element des Glaubens, der Wahrheit sein und kann auch nicht auf Dauer geglaubt werden, wenn das Zuglaubende der eigenen Vernunft widerspricht.

Nicht soll nun die Kirche den Rolling Stones zustimmen in ihrer Sympathierklärung für den Teufel, aber sie muß selbst die Existenz des Satans in Einklang bringen mit dem Glauben an Gott als den der Liebe und der allmächtig ist und sie darf um der Radikalität des Widergöttlichen willen nun das Böse nicht reduzieren auf das von Menschen nicht gut Gewollte.

Sind dies nun aber nur müßig spekulative Gedanken, oder besitzen sie auch eine Relevanz für unser Glaubensleben? Eine simple Gegenfrage: kann es für mich gleichgültig sein, ob ich Feinde habe oder nicht? Niemand wird das bejahen. Es ist eine Überlebensfrage, ob ich wirklich Feinde habe oder nicht. Es ist von lebenswichtiger Relevanz, ob man davon ausgehen kann, daß alle am innerkirchlichen Dialogprozeß Beteiligten nur das Beste für die Kirche und die Menschen wollen, nur über das Was und Wie des Besten uneins sind, oder ob selbst in diesem Dialog mit Feinden zu rechnen ist, mit Wölfen in Schafspelzen gehüllt. Und hier ist für die Kirche und unser Glaubensleben die Antwort eindeutig:seit es die Kirche gibt,kämpft ihr Feind gegen sie. Wie ich ein Schachspiel nur verstehen kann, wenn ich neben den Zügen der weißen Spielfiguren die der schwarzen beachte und sie als gegeneinander wahrnehme, so kann auch die gesamte Kirchengeschichte und ihre jetzige Situation nur begriffen werden, wenn sie als Produkt des Widereinanders von Gott und Teufel begriffen wird. Papst Paul VI war es, der ausrief: ich sah den Geruch Satans mitten in der Kirche aufsteigen. Das ist keine Überspanntheit mittelalterlichen Köhlerglaubens sondern die bittere Einsicht des hl. Vaters, wie schlimm es um die Kirche jetzt steht. Der, dessen Abschied modernistische Theologen schon längst gefeiert haben, erfolgreich kämpft er selbst im Innersten der Kirche! Ein Glaube, der ein christlicher sein will, darf so vor der bitteren Wahrheit des Feindes nicht die Augen schließen. Zum Jahr des Glaubens muß so die Einsicht in die Wahrhaftigkeit des Feindes des christlichen Glaubens dazugehören. Und wir müssen mit Menschen rechnen, die sich in den Dienst des Antigöttlichen stellen als Feinde Gottes und Feinde der Menschen. Und das sind sicher andere als so harmlose Unterhaltungsmusiker wie die Rollenden Steine!


Uwe Christian Lay
Der eine Priester und die vielen
oder:warum gibt es neben dem einen Priester Jesus Christus noch die vielen anderen?

Fangen wir ab ovo an. Befrügen die deutschen Bischöfe das Kirchenvolk, wozu es Priester bräuchte,ob Gott das Priestertum wolle und die Menschen es bräuchten?, wir brauchen keine Propheten zu sein, um das Ergebnis voauszusagen: Pfarrer und Gemeindeleiter ja, aber Priester, das sei wohl was zutiefst Mittelalterliches. Es sei denn,man verwechselt den Priester mit dem vom Priester ausgeübten Beruf Beruf des Pfarrers. Den könne man wohl noch was Sinnvolles abgewinnen.

1. Priester-Nein Danke: Gottes Liebe und das Priesterum schließen sich aus!

Vulgärtheologische Vorstellungen fundieren diese Meinung: Gott sei die Liebe, er liebe alle Menschen und wolle, daß die Menschen sich untereinander lieben.Etwas Frömmere ergänzen dann noch: und daß wir Gott lieben sollen.Psychologisch Visiertere fügen dann noch hinzu, daß die Liebe Gottes uns zur Selbstannahme befähige, Gottes großes Ja zu mir, das mich befähigt, auch zu mir Ja zu sagen. So, unendlich variiert, kann man es in Religionsunterrichtsstunden und Gottesdienstpredigten hören.In dies Gottesbild paßt das Bild eines Priesters nicht hinein! Wie ein Fremdkörper wird es ausgestoßen als inkompatibel mit dem Glauben an Gott als die Liebe. Der theoretischen Verneinung des Priestertumes folgt dann die praktische auf den Fuß: immer weniger Männer wollen Priester werden. Denn das Priestertum als solches ist etwas Gottwidriges, wenn Gott wirklich die Liebe ist. Nicht aus Mangel an Glauben und Frömmigkeit, sondern gespeist aus diesem Gottesbild folgt das: „Nein!“ zur priesterlichen Berufung!

Nietzsches Wort über Jesu: „Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat-und wogegen er seine Jünger kämpfen ließ.“1 ist bekannt. Wenn schon alle Religionen ein Priestertum kennen, dann wäre das Besondere Jesu, genau jedes Priestertum und damit die Kirche abzulehnen. Aber der Apostelfürst Paulus ist für Nietzsche ja der eigentliche Konstrukteur des Christentums. Jesu „Attentat auf Priester und Theologen mündete, Dank dem Paulus,in eine neue Priesterschaft und Theologie-einen herrschenden Stand, auch eine Kirche.“2 Die Vorstellung eines prinzipiell kirchen-und priestertumsfeindlichen Jesu, dem dann das kirchliche Christentum mit Priestern und Opfern gegenübergestellt wird, gehört spätestens seit Nietzsche zum Inventar des liberalen Protestantismus und des liberalen Katholizismus. Jesus wollte weder Priester noch Kirche.So tönt J.Blank: „Nach dem Hebr ist Jesus Christus deshalb das Ende von Opferwesen und Priestertum,weil er selbst sowohl die vollkommene Opfergabe als auch der vollkommene Hohepriester ist,und zwar beides in einem, in seiner eigenen Person.“3 Nur einer unglücklichen Einpassung an die heidnische Umwelt verdanke es, daß aus Jesu Jüngern eine hierachisch-priesterliche Kirche werden konnte. Nietzsche sieht schon in Paulus den Anpasser an „das große Bedürfnis der heidnischen Welt“4, andere verorten den Abfall später. Gemein ist ihnen aber die Zustimmung zur Parole: Jesus verkündete das Reich Gottes, es kam aber die Kirche. Und mit ihr kamen die von Jesus abgeschafften Priester wieder.Wenn Jesus kein Priester war, sein Kreuzestod kein Sühnopfer, dann hieße die Parole: weil er keiner war, darf es im Christentum auch keine Priester neben ihm geben.


2.Weil Jesus der wahre Priester ist, darf es kein Priestertum mehr geben.

Luther war hier gemäßigter: weil Jesus der wahre Priester ist, darf es neben ihm keine anderen Priester mehr geben. Konsequenterweise schaffte Luther so das Amtspriestertum ab und ersetzte es durch Pfarrer, die keine Priester mehr waren.Deshalb verwarf er auch das Zölibat, denn es gibt keinen Grund dafür, daß der Pfarrer als Gemeindeleiter zölibatär zu leben habe, wenn er kein Priester mehr ist. Aus dem priesterlichen Gemeindevorsteher wurde so ein bürgerlicher Beruf, den erst nur Männer, dann aber auch Frauen ergreifen durften, weil er nun ein bürgerlicher Beruf wurde.
Unter dem Wandel zum bürgerlichen Beruf sei verstanden, daß aus einem heiligen Stand, der dem Weltlichen entzogen ist,dem Priestertum, ein weltlich Ding wurde, ein Beruf in der Spannung zum Privatleben in der Familie und dem Staatsbürgerleben. Der Bürger existiert nur als Bürger,indem er in verschiedenen Räumen lebt, dem des Berufes in der Gesellschaft, in der Familie als Privatperson und als Staatsbürger im Raume des Staatslebens. Der Priester existiert dagegen nur im Raum des Heiligen. Er lebt sozusagen außerbürgerlich, damit der Bürger bürgerlich leben kann, vergleichbar dem Nachtwächter, der wacht, damit alle anderen des Nachts ruhig schlafen können.

  1. Ein Priestertum ist antichristlich ?

Also, wir stehen vor der Auswahl, daß entweder das Priestertum als solches schon ein Irrtum sei, weil Gott die Liebe sei, oder das Jesu besondere Anliegen die der Abschaffung des Priestertumes sei,oder daß Jesus, indem er der wahre Priester war und ist, jedem Priestertum neben ihm verwirft. Wer Jesu als Priester nachzufolgen versucht,verfehlte so hundertprozentig Jesu eigenstes Anliegen. Eine Konsequenz hat das: Das Alte Testament mit seinem dort als von Gott gewolltem und eingesetztem Priestertum wäre ein einziger Irrtum gewesen. Nur ein paar kultkritische Aussagen blieben da vom Alten Testament übrig. Wir müßten also doch zu klamheimlichen Marcionanhängern werden, der ja das ganze Alte Testament als mit Jesu Verkündigung unvereinbar eliminieren wollte. Und der Ablehnung jeden Priestertumes gegenüber wohnt wirklich ein Schuß Marcionismus inne. Jesu wird als das ganz Andere begriffen, der Nein sagt zur natürlichen Ordnung der Welt, zu der eben auch das Priestertum gehört, insofern es ein Produkt der natürlichen Gotteserkenntnis ist. Dies Auseinanderreißen von der natürlichen Ordnung und der jesuanischen Gnadenordnung, daß um der Gnade willen die Naturordnung perhorresziert, ist etwas Marcionitisches.

4.Opfer und Priestertum

War Jesu ein Priester und war sein Kreuzestod ein Sühnopfer? Vor dieser Frage stehen wir jetzt. Und können wir diese nicht beantworten, erübrigt sich die Frage, ob es neben Jesu im Christentum noch ein legitimes Priestertum geben könnte. Es könnte nämlich nur eines geben, gäbe Jesus Menschen Anteil an seinem Priestertum. Aber um diese Frage respondieren zu können, müssen wir zuerst wissen, was das Priestertum von seinem Wesen her ist,um dann erst zu fragen,ob Jesu Priester war und sein Kreuzestod ein kultisches Opfer. Ein verfehlter Christozentrismus, ausgehend von der sogenannten „dialektischen Theologie“ hat hier viel Schaden angerichtet, indem man nun meinte, erst in Jesus Christus wäre erkennbar, was das Priestertum und das Opfer sei.Nicht könne und dürfe ein vorchristlicher Begriff des Priestertums konstruiert werden, um dann zu eruieren,ob und inwieweit Jesus ein Priester war. Diese Position vertreten unter vielen auch Hilberath und Schneider in ihrem Lexikonartikel: Opfer.5 Das ist aber erkenntnistheoretisch ein Irrweg: ich muß über den Begriff des Priesters verfügen,um urteilen zu können, ob Jesus ein Fall des Priestertums ist. Paulus sagt, daß das Gesetz der Pädagoge auf Christus hin ist. Ausgeschlossen ist damit die Vorstellung einer unmittelbaren Erkenntnis Jesu. Das Alte Testament bzw die natürliche Gotteserkenntnis präpariert uns Menschen pädagogisch zur Christuserkenntnis. Somit gilt: das Wissen um Opfer und Priestertum, gegründet in der natürlichen Gotteserkenntnis und der besonderen im Alten Bund bildet den Elementarunterricht, auf dem Jesu Lehre und Wirken aufbaut.
Das ist nebenbei gesagt das heute noch zu würdigende Anliegen der Uroffenbarungskonzeption P. Althaus gegen die dialektische Theologie und isb, gegen Karl Barth.


  1. Opfer und Priester im Alten Bund

Dieses Programm kann hier nicht eingelöst werden. Deshalb werden hier Vorüberlegungen präsentiert. An drei Erzählungen aus dem Alten Testament soll erörtert werden, was das Opfer ist und damit die Frage: wozu gibt es Priester?

Wir dürfen davon ausgehen, daß die allseits bekannte Sintflutgeschichte auch eine Kultätiologie enthält. Die Erzählung beantwortet die Frage: Warum bringen wir Gott Opfer dar? Der Sitz im Leben dieser Geschichte ist also die Infragestellung ser Selbstverständlichkeit des Opferkultes.Das spricht exegetisch ob dieses Reflexionsniveaus für eine nachexilische Entstehungszeit, zumal die Erfahrung eines opferkultlosen Gottesdienstlebens im Exil, weil nur in Jerusalem Gott wohlgefällige Opfer dargebracht werden würden, die Selbstverständlichkeit des Opfers in Frage gestellt haben dürfte. Noah bringt Gott das Opfer dar. Gott bereitet dies Opfer ein so großes Wohlgefallen, daß er beschließt, die Welt, obwohl die Menschen weiterhin bösen Herzens sind,nicht mehr zu vernichten. Gott vernichtet die Welt nicht, damit ihm weiterhin die ihm wohlgefälligen Opfer dargebracht werden. Es ist bezeichnend, daß in der Nacherzählung dieser Geschichte in den „Nachtwachen des Bonaventura“ der romantische Schriftsteller genau dies Opfer wegläßt.6 Dem nachaufklärerischem Verfasser ist das zu viel unaufgeklärtes Mittelalter. Daß Gott um des Kultopfers willen die Erde weiterbestehen läßt, das ist die Aussage dieses Textes. Selbstverständlich meint dies nicht ein einmaliges Ereignis. Nein, die Kultpraxis der nachexiklischen Zeit reflektiert hier auf ihren Ursprung: warum wird Gott geopfert. Die sogenannte priesterliche Theologie verblüfft den aufmerksamen Leser ja immer wieder damit, daß der Ausführlichkeit liturgischer Bestimmungen über das Opfer gegenüber eine fundamentaltheologische Reflexion über das Wozu des Opfers fehlt. Das leistet gerade dieser Text in seiner eigentümlichen Spannung zwischen einem pessimistisch-realistischen Menschenbild und der These, daß der Mensch trotzdem Gott wohlgefällige Opfer darbringen kann. Noah, der einzig Gerechte bringt das Opfer dar. Damit ist schon präfiguriert, daß nur von der Allgemeinheit ausgesonderte Menschen, Priester Gott wohlgefällige Opfer darbringen können. Darum gibt es ja im Alten Bund besondere Heiligkeitsgesetze ausschließlich für den Stand der Priester. Sie müssen sich besonders vor jeder Verunreinigung bewahren, um Gott wohlgefällige Opfer darzubringen.

Ein Szenenwechsel

Wir befinden uns im Jahre 520 v. Chr. Das israelische Volk, heimgekehrt, beginnt mit dem Wiederaufbau.Erst Wohnungen für sich bauen, mit der Landwirtschaft wieder anfangen und wenn das Lebensnotwendige geschafft ist, dann soll auch der Tempel des Herrn wieder erbaut werden.
Der Prophet Haggai verkündet nun, auf die Trümmer des alten Tempels verweisend: „Ist etwa die Zeit gekommen, daß ihr in euren getäfelten Häusern wohnt, während dieses Haus in Trümmern liegt?“ (Hag1,4). Weil es keinen Tempel und keinen Opferkult gibt, darum leide das Volk an Mangel an allem, Mißernten, zu wenig Wein, keine wärmenden Kleider, ja selbst der Geldmangel, ein Zuwenig an Kaufkraft-all dies ist die Folge davon, daß Israel den Tempel vernachlässigte, und ohne
Gottes Segen ernten und wirtschaften wollte.

Der Tempel Gottes mit seinem Opferkult ist so für das Elementarste des Lebens notwendig. Der Kult gehört nicht in den Freizeitbereich als Verschönerung, als Verklärung des Lebens, er bildet das Fundament für das Leben, daß des Menschen Arbeiten Frucht bringt, weil Gott es segnet. Der Gott Israels war und ist immer auch der Gott der Fruchtbarkeit, der Ernte und des Kindersegens. Das fromme Israel wußte aber auch immer, daß Gott gebeten werden will, damit er gibt. Nur wenn die Beziehung des Volkes zu Gott in Ordnung war, gab Gott, war sie gestört, durch Sünden des Volkes, mußte sie wieder in Ordnung gebracht werden durch Sühnopfer und Bittopfer. Abstrakter formuliert: jede Religion setzt voraus, daß Gott oder die Götter sich kontingent zum Verhalten der Menschen verhalten. Religion würde sich zur Magie, wenn der Gott durch eine kultische Praxis so beherrscht werden könnte, daß der Magier sagen kann: immer, wenn ich es recht praktiziere, wird der Gott uns das geben, was wir von ihm wollen. Religion setzt Gott als Souverän voraus, der aber bereit ist, ein Opfer zu erhören und so die Bitten seines Volkes zu erhören. Es weiß, daß Gottes Erhören ein Akt der Gnade Gottes ist. Gott will aber erhören, wenn die Menschen gemäß Gottes Ordnung ihm die Opfer darbringen. Die Kultkritik im Alten Bund ist so die Kritik der Priester und des Volkes, nicht gemäß Gottes Willen den Opferkult zu praktizieren. Nicht wird der Kult verneint.
Die primär kultische Religion wird erst ethisch durch die Einsicht, daß nur reine Hände-im moralischen Sinne- Gott wohlgefällige Opfer darbringen können. Weil so viel Blut an König Davids Händen klebte,durfte er ja den Tempel nicht erbauen, sondern erst König Salomon.


Eine Szene aus den jüdischen Befreiungskriegen

Jüdische Soldaten waren in einer Schlacht gefallen, Sie sollten nun beerdigt werden.Da entdeckte man an ihnen Amulette der Götter von Jamnia. (Vgl: 2. Makkabäer 12, 32-45) Sie hatten das Beisichtragen von Götzenamuletten vor dem Tode im Kampf zu schützen. Deswegen war der Zorn Gottes über sie gekommen, sodaß sie in der Schlacht fielen. Eingedenk der Verheißung der Auferstehung von den Toten entühnte man die so Gefallenen, damit auch sie ins ewige Leben eingehen könnten.Es wurde ein Sühnopfer für die Gefallenen dargebracht. (Es ist kein Zufall,daß Martin Luther diesen Text als den Schriftbeleg für das Meßopfer zugunsten Verstorbener aus dem Bibelkanon streichen ließ!) Diese Sünde, sein Leben unter den Schutz eines Götzenamulettes zu stellen, war keine lässige Sünde. Gott bestrafte sie mit dem vorzeitigen Tode und dem Ausschluß von der Auferstehung der Toten zum ewigen Leben dafür. Aber der selbe Gott des gerechten Strafens hat auch den Kult der Entsühnung eingesetzt: daß die Gemeinde für ihre Verstorbenen Meßopfer darbringen kann, umso sie zu entsühnen und den Weg frei zu machen für das ewige Leben.

Ein Resümee:

Das Opfer und die Priester, die die Opfer darbringen, sind für das Leben von elementarster Bedeutung: der Zorn Gottes, der gerechte, wollte die Erde, Gottes eigenes Schöpfungswerk vertilgen, weil es sich ganz der Sünde hingegeben hatte. Aber um des Opferkultes willen, von Noah initiiert, verschont Gott seine Schöpfung vor dem sie vernichtenden Gericht. Selbst das Elementarste des Lebens, Nahrung, Kleider und den Wein zur Lebensfreude ist abhängig vom Opferkult.Nur wenn der Tempelkult existiert, gewährt Gott das Lebensnotwendige. Aber das Leben ist nicht endlich. Gott verheißt ewiges Leben.Damit wir Menschen eingehen können in das ewige Leben hat Gott die besondere Praxis des Sühnopfers für Verstorbene eingesetzt. Die Priester, Gottes besondere Diener sind für das Opfer zuständig, denn ohne Priester kein gültiges Opfer. Damit haben wir eine vorläufige, das ganze Wesen des kultischen Opfers sicher noch nicht erfassendes Vorverständnis vom Opfer uns erarbeitet, um zu fragen: wie verhält sich Jesu Kreuzestod zu diesen Opfern.



6.Ist Jesu Kreuzestod ein Opfer?

Um für die schwierige Frage, war Jesu Kreuzestod ein Opfer, ein Sühnopfer, soll jetzt aber ein Experiment gewagt werden. Selbstredend ist der spekulativen Begründung, warum ist der Kreuzestod Jesu ein Opfer?, wie sie mustergültig Ott in seiner Dogmatik entfaltet, zuzustimmen.
Spekulativ läßt sich der Opfercharakter des Kreuzestodes Christi daraus begründen, daß alle Erfordernisse des Kultopfers erfüllt waren.“ „Die Opferhandlung bestand darin, daß Christus in der Gesinnung vollkommenster Selbsthingabe an Gott freiwillig sein Leben hingab, indem er die gewaltsame Tötung zuließ, obwohl er die Macht hatte, sie zu verhindern. Vgl Jo 10,18.“7 Als Ergänzung dieser spekulativen Entfaltung soll aber nun dieser Gedanke hinzugefügt werden: Wenn es die vornehmste Aufgabe des Priesters ist, Gott Opfer für das Leben darzubringen, was tat dann der Hohepriester Kaiphas, als er -verantwortungsethisch reflektiert beschloß, einen zu opfern, um vielen das Leben zu retten? Die Aufgabe des Hohenpriesters ist es, das Sühnopfer darzubringen; in ihm kumuliert das Priestertumes zu seiner vollsten Entfaltung. Fragen wir: woran ist Jesu Kreuzestod als Sühnopfer erkennbar, dann können wir antworten: gerade daran, daß der Hohepriester Kaiphas Jesus opfert, um die Vielen zu retten. Gott selbst gab ihm dies ein! Das ist deine Berufung, sagt Gott zum Hohepriester: den einen zu opfern, um die vielen zu retten.Auch hier gilt, wie in den drei Fällen aus dem alten Bund: das Opfer soll den Zorn Gottes wieder von Menschen abwenden und damit die Voraussetzung dafür legen, daß der gerechte Gott wieder gnädig zu den Seinen ist.

Hätte Jesus sein Opfer nicht ohne das Mitwirken des Hohepriesters darbringen können? Sicher, aber Gott wollte es nicht. Gott selbst hat das Priestertum des alten Bundes installiert, damit es Gott nun in der Gestalt des Hohepriesters Kaiphas das Sühnopfer darbringt. Jesu Sühnopfer soll so nicht die reine Negation des alten Bundes sein, sondern ihre Vollendung. Und darum wirkt das gewichtigste Amt des alten Bundes, der Hohepriester bei diesem Sühnopfer mit! Gott bejaht das Amt und seinen Amtsträger als Kooperator Gottes. Und das ist die tiefste Wahrheit des priesterlichen Amtes!

  1. Das eine und die vielen Opfer

Wie verhalten sich nun die vielen Opfer des alten Bundes zu dem einen Opfer Jesu Christi? Das eine Opfer und die vielen Opfer. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: es sind verschiedene Opfer, wobei dem Opfer Jesu dann eine besondere Bedeutung zukäme oder es gibt ein Opfer, das des Kreuzes und die anderen sind keine Opfer oder es gibt nur ein Opfer, das die Substanz aller Opfer wäre, so wie es ein Menschsein gibt, das sich in vielen Menschen individuiert. Wäre es eine Serie von Opfern, dann ergäben sich beachtliche Folgeprobleme: wenn das Sühnopfer für die gefallenen Soldaten, wie im Makkabäerbuch geschildert, zur Entsühnung Verstorbener hinreichend wirksam ist, wozu starb dann Jesus noch am Kreuze? Und wenn das von Noah initierte Kultopfer ausreicht, um Gottes Zorn von seiner gefallenen Schöpfung abzuhalten, wozu bedurfte es dann noch des Opfers Jesu? Nimmt man die Opfer und den Opferkult des alten Bundes ernst, daß so die von Gott gewollten Opfer dargebrcht wurden von den dazu bestimmten Priestern, dann erscheint Jesu Opfer als überflüssig. Soll aber Jesu Opfer das wahre, Gott wohlgefällige Opfer sein, dann entwertet das die Opfer des alten Bundes. Ott bezeichnet in seiner Dogmatik die Opfer des alten Bundes als „Vorbilder des Kreuzesopfers Christi“.8 Aber so schriftgemäß das auch ist, vgl Hebr 8-10, so läßt auch dieser Begriff uns im Unklaren: ist das Vorbild ein selbstständiges Bild, also ein vom Kreuz Christi verschiedenes Opfer, das dieses nur vorabbildet,oder ist es bildtheoretisch gemeint, daß das Bild von etwas nicht das Etwas selbst ist, sodaß es gar kein wirkliches Opfer wäre. Wie könnte aber ein nichtwirkliches Opfer so viel Kraft haben, Gottes Zorn von seiner Schöpfung abzuwenden?

Dies Problem reproduziert sich in Hinsicht auf die Praxis der Meßopfer des neuen Bundes. Wozu bringen Priester der Kirche das Meßopfer dar, wenn das eine Opfer Jesu am Kreuze schon das wahre alleingenügsame ist? Und wenn es nur Bilder des wahren Opfers wären, wären es dann keine wirklichen Opfer mehr? Aber das Konzil von Trient lehrt eindeutig über das kirchliche Meßopfer:
Und weil in diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, jener selbe Christus enthalten ist und unblutig geopfert wird, der auf dem Altar des Kreuzes ein für allemal sich selbst blutig opferte (vgl: Hevr 9,14 27):so lehrt das heilige Konzil,daß dieses Opfer wahrhaft ein Sühnopfer ist.“9 Gott wird durch das Meßopfer versöhnt. „Durch die Darbringung versöhnt“10 Gott wird durch das Kreuzopfer versöhnt und durch das Meßopfer und auch das Sühnopfer für die gefallenen Soldaten der Makkabäer versöhnte Gott. Das „und“ wird uns nun zum bedrängenden Problem. Denn, wenn nur das Kreuzopfer Christi Gott versöhnte, dann könnten die Opfer desalten und des neuen Bundes keine wirklichen Opfer sein und dann wären die Priester des alten wie des neuen Bundes keine Priester. Wenn es aber eine Serie von Opfern wäre, dann wäre das Kreuzopfer Jesu nicht das eine Opfer, ja es könnte auch fehlen, weil die anderen schon so wirksam sind!

Solange wir fragen: wenn es das eine Opfer Jesu am Kreuze gab, warum gibt es dann noch die vielen anderen?, können wir darauf keine Antwort finden. Das eine Kreuzaltaropfer verunmöglicht es, weitere Opfer neben diesem einem Opfer zu denken. Hiermit hat Luther recht. Gäbe es neben dem einen noch viele, würde dadurch das eine entwertet zu einem von vielen. Eine Serie von Opfern entwertete notwendig die Einmaligkeit des einen Opfers. Wenn das eine Opfer Jesu das wirkt, was die Kirche von ihm lehrt, dann nichtet dies eine jede Legitimität weiterer Opfer. Ich sehe aus diesem Dilemma, entweder alle Opfer außer dem einen Opfer Jesu für nichtig zu erklären, oder um der vielen Opfer willen das eine herabzustufen zu einem unter vielen, ohne daß dann die Notwendigkeit dieses einen Kreiuzesopfers noch begriffen werden könnte, nur einen Ausweg. Dieser mag etwas spekulativ anmuten, aber ist besser, als vor dem ungelösten Problem zu kapitulieren.

Die These lautet: das eine Opfer, dem wir unsere Entsühnung und unser Heil zu verdanken haben, ist selbst die dialektische Einheit des Urbildes des Opfers,Jesu Christi Opfer und den vielen Abbildern dieses einen Urbildopfers. Ein Vergleich mag dies erhellen: das mendschliche Selbstbewußtsein ist die Setzung der Differenz von Ich und dem gewußten Ich und die Aufhebung dieser Differenz in der Einssetzung des gewußten Iches mit dem wissenden Ich. Die dialektische Einheit ist gerade diese komplexe Prozeß der Setzung von Differenz und der Aufhebung der gesetzten Differenz. Das Kreuzaltaropfer ist somit nicht einfach das eine Opfer, dem dann noch viele andere folgen, sondern gleicht eher der Idee des Menschen, wie Gott ihn in sich dachte und dann dies Urbild in der Mannigfaltigkeit der Individuierungen der Idee des Menschseins hervorbringt.So sind alle Menschen eins in der Idee des Menschseins und die Idee des Mendschseins ist wieder die Substanz jedes Menschseins. Das eine Opfer Christi ereignete sich als
das Urbild aller Opfer, damit sie durch die Substanz des einen existieren können.

Die Opfer des alten Bundes sind so Vorabbildungen, die des neuen Bundes Nachabbildungen des Urbildeds des Opfers Jesu am Kreuze. Sie bilden eine dialektische Einheit: es ist ein Opfer mit einer Substanz, Jesus, der sich in ihnen Gott als Opfer darbringt.Paulus deutet ja an,im 1.Korimter 10. 1-5, daß die Sakramente der Taufe und der Eucharistie schon-verborgen zwar-enthalten war. Einfach gesagt: wenn Priester ein Sühnopfer für gefallene Soldaten darbringen, die in schwerster Sünde gestorben sind, dann kann die Wirkkraft dieses Sühnopfers nur Jesus Christus selbst sein. Welches andere Sühnopfer hätte sonst so eine Entsühnungskraft in sich haben können?

  1. Der Priester neben dem Priester Jesus Christus

All diesen Opfern ist nun eines gemeinsam: neben dem eigentlichen Priester Jesus Christus handelt immer auch andere Priester:die Priester des alten Bundes und die Priester des neuen Bundes. Warum? Weil im Urbild des Opfers auch neben dem Priester Jesu der Hohepriester Kaiphas gewirkt
hat!

Weil Gott das Opfer Jesu nicht ohne das Mitwirken des Hohepriesters Kaiphas wollte, darum wirken auch in allen Abbildern dieses Urbildes Priester neben dem Priester Jesu mit am Opferkiult.
Wenn Jesus Christus ohne den Hohepriester Kaiphas sein Sühnopfer dargebracht hätte, dann müßte rechtens kritisch gefragt werden: warum agieren denn nun plötzlich wieder Priester.Denn Jesus Christus ist ja auch und gerade in der Darbringung des Meßopfers der eigentlich Agierende.Er bringt das Opfer dar auch im Kult des neuen Bundes. Die Antwort, Christus lasse sich repräsentieren durch den Priester der Meßfeier, klingt zwar gut, aber läßt die Frage weiterhin offen, warum dann in der Meßfeier es den wahren Priester und einen ihn Repräsentierenden geben soll,wenn das Kreuzopfer Jesu selbst allein ohne einen Amtspriester vollzogen hätte?

Aber so gefragt, wird gerade das Mitwirken des Hohepriesters übersehen. Es ist kein Zufall, daß Kaiphas im Evangelium , im 11.Kapitel des Johannesevangeliums so hervorgehoben wird. Von ihm wird das gesagt, was von jedem wahren Priester zu sagen ist: er handelte in Willensübereinstimmung mit Gott! Er tat, was Gott wollte. Auch wenn er rein subjektiv die Bedeutung seines Tuns nicht in Gänze begriff, tat er doch in der Kraft seines Amtes, wozu er von Gott her bestimmt war.


9.Resümierend:

Im Zentrum des Heilshandelns Gottes steht das Kreuzaltaropfer Christi.Gott will das Heil der Menschen wirken durch dies Opfer. Er will das Heil der Menschen aber nicht wirken ohne ein Mitwirken der Menschen. Im alten Bund installierte Gott so einen Opferkult mit Priestern, damit das Opfer Christi nicht ohne ein Mitwirken von rein menschlichen Priestern vollbracht würde. Dies eine Heilsopfer besteht nicht aus einem einmaligen Ereignis in der Geschichte, dem Kreuz Jesu, dem dann, warum auch immer, weitere Wiederholungen oder Vorläufer zur Seite gestellt werden, sondern Gott hat ein Opfer von Ewigkeit her gewollt als die Einheit von dem Urbild des wahren Opfers, dem Kreuzopfer Jesu und den Abbildern dieses Urbildes, den Opfern des alten und neuen Bundes. Das menschliche Priestertum ist nicht nur um der Abbilder willen, sondern erhält seine Legitimität von daher, daß ein rein menschlicher Priester schon im Urbild des wahren Opfers mitgewirkt hat und nach Gottes Willen auch mitwirken sollte! Darum gehört das Kreuz Christi und Christi Einsetzung des Meßopfers am Gründonnerstag zusammen. Er setzte die Einheit von Kreuzopfer und Meßopfer. Darum berief er seine 12 Apostel im Abendmahlsaal zu Priestern, befähigte sie zur Darbringung des Meßopfers-nicht als eine zusätzliche Ergänzung, sondern weil nur so das eine Opfer konstituiert wurde als die dialektische Einheit von dem einen und den vielen Opfern.

Es wäre ein großer Gewinn für die Frage nach der Einheit vom Alten Testament, Neuem und der darauf folgenden Kirchengeschichte, wenn diese Einheit in der Idee des Opfers und des Priesters gesehen wird. Fatal wäre es, entstünde das Bild einer jüdisch-alttestamentlichen Frömmigkeit mit Priestern und Opfern, die mit dem, was Jesus lebte und lehrte nichts zu tun hätte, weil Jesus, wie es im Geiste Nietzsches heute viele meinen, eine opferlose Religion stiften wollte oder dahin das Judentum reformieren wollte.Jesu hielte „das kultische Sühneritual für überflüssig“ kann man dann bei J. Blank lesen.11. Zudem müßte dann gefolgert werden, daß die Kirche dann, ganz wider Jesu Intention das Priestertum wieder eingeführt hätte und es so etwas eigentlich Illegitimes wäre. Damit müßte dann auch das Zentrum des alten Bundes, der Kult mit seinem Tempel, seinen Priestern und Opfern als Irrtum abqualifiziert werden. Gott hätte so was nie gewollt. Aber daß das Priestertum von Gott gewollt ist, das zeigt ja gerade der Hohepriester Kaiphas. Gott beruft ihn dazu, das zu tun, was er von Amtswegen zu tun hat: er bringt wahrhaftig das Sühnopfer dar,Jesus Christus und Jesus Christus läßt sich von ihm opfern. Und das ist gerade die Substanz jedes von der Kirche dargebrachten Meßopferes: Die Kirche bringt durch ihre Priester das Opfer dar. Nur ein überspannter Christozentrismus läßt hier Christus zum Alleinhandler werden und degradiert den Menschen zum bloßen Empfänger sakramental vermittelter Gnaden. Aber in der Heilsökonomie Gottes soll der Mensch nicht nur ein Gnadenempfänger sein sondern auch ein Kooperator Gottes. Diese besondere Würdestellung des Menschen in der Heilsökonomie manifestiert sich am eindrücklichsten im Amte des Priesters wieder. Daß Gott rein menschliche Priester für das zu erbringende Heilswerk wollte und nicht nur den Gottmenschen Jesus, das zeigt das Mitwirken des Priesters Kaiphas, der so der Ort ist, an den alle anderen menschlich-allzumenschlichen Priester nach und auch vor ihm , im neuen und im alten Bund traten. Daß Kaiphas gerade nicht ,nicht nur für uns heutigen Leser den Eindruck moralischer Vollkommenheit macht, ja er wohl auch als Privatperson nicht uneigennütztig hier den Tod Jesu forderte, zeigt ein weiteres: das Amt des Priesters ist eine wirkliche Möglichkeit für den Menschen! Könnten nur so wie Christus Vollkommene Priester sein, es könnte keine rein menschlichen Priester geben. Gerade daß der Hohepriester Kaiphas eben uns auch menschlich schwach und eigennützlich handelnd vorkommt, er wollte auch seinen Berufsstand bewahren, der bei einem Aufstand gegen Rom wirklich gefährdet war, sagt uns, daß auch wir in unserer Schwachheit und Unwahrhaftigkeit doch wahre Priester sein können, weil es gerade dieser Kaiphas auch sein konnte!

Würde dagegen einseitig nur betont, der Priester sei ein anderer Christus, der Christusrepräsentant,würde gerade die wichtige Botschaft des Kreuzes, Gott will den Menschen als Kooperator des Heilswerkes zu kurz kommen. Es könnte der mißliche Eindruck entstehen, als handle in der Messe eigentlich nur der Heiland selbst und der Priester verkörpere nur sinnlich wahrnehmbar den eigentlich einzig da Handelnden, Jesus Christus! Aber die Gestalt des Hohepriesters Kaiphas schließt das aus. Er ist hier auch und gerade in seiner relativen Selbstständigkeit wahrzunehmen und in dieser repräsentiert er das gottgewollte Priestertum !

Uwe C.Lay

1Nietzsche, F. Der Wille zur Macht, 168.
2Nietzsche, F., Der Wille zur Macht, 167.
3Blank, J.Priester/Bischof, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd.3, 1985,Hrsgb. Eicher, S. 425.
4Nietzsche, F, Der Wille zur Macht,167.
5Hilberath, B.J./Schneiter, Th., Opfer, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe Bd.3. Hrsgb: Eicher,P., 1985. S.293.
6Vgl: Klingemann, A., Die Nachtwachen des Bonaventura, 9.Nachtwache.
7Ott, L., Grundriß der Dogmatik, 11.Auflage, 2005, S.273.
8Ott, L. Grundriß der Dogmatik, 11.Auflage, 2005, S.272.
9DH,40.Auflage, 2005, 1743.
10DH,40.Auflage 2005, 1743.

11Blank, J.,Priester/Bischof, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd.3.,1985, Hersgb.Eicher, S.416.