Sonntag, 24. Mai 2020

Anarchistische Neigungen in den Zeiten der Coronaseuche

Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen.“
Mit diesem Zitat präludiert die Internetseite „Gegenstrom-Metapol“ ihren aktuellen Kommentar zu den Protestdemonstrationen gegen die staatlichen Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Coronoseuche: „Der Protest wächst-eine Bestandaufnahme“ (18.Mai 2020). Bedenkenswert ist in diesem Zitat die Stellung des Iches: Ich, was mir nicht paßt, wenn ich dafür sorge! Dieser Text wird ganz erfüllt von dieser Dominanz des Iches. Diesem Ich stehen zwei Möglichkeiten offen, zu protestieren und Widerstand zu leisten. Widerstand zu leisten ist dabei die vorzuziehende Option. Was Ich will, das sollen alle wollen. Das zu erreichen, ist das Ziel des Widerstandes. Worin begründet sich nun das Recht, daß mein Wollen das Wollen aller werden soll?In nichts, außer daß es mein Wille ist. Es gibt nur ein Problem: Wie schaffe ich es, daß mein Wille der Wille aller wird?
Dies Zitat wird einer RAF-Terroristen zugesprochen (siehe die dortige Fußnote). Eines liegt aber wirklich nahe, daß diese Verabsolutierung meines Willens eine Terrorherrschaft verlangt, damit es nur noch einen relevanten Willen geben kann, den meinigen! Ist das aber nicht wirklich die Konsequenz dieses anarchischen Ansatzes, daß nur das Ich kennt: Was ich will,das haben alle zu wollen, nur weil ich es will.
Besagt dies Zitat nun auch etwas aus über den Protest wider die staatlichen Schutzmaßnahmen? Der Kommentar meint das wohl, auch wenn in der Gegenüberstellung von dem Protest und dem Widerstandleisten eine Kritik des Protestierens mitanklingt: Sie sollten aufhören zu protestieren und mit dem Widerstand anfangen.
Wir sehen vor uns einen klassischen Konflikt zwischen dem Allgemeinen, der Sphäre des Staates, der auf das Allgemeinwohl des Volkes ausgerichtet ist und der Sphäre der Gesellschaft, die durch das Mit- und Gegeneinander von Privatinteressen bestimmt ist. In einer pluralistisch verfaßten Gesellschaft entsteht so immer der Generalverdacht, daß partikularistische Interessengruppen sich den Staat angeeignet haben, ihn sozusagen privatisiert haben,um so ihr Partikularinteresse als das vermeintliche Allgemeinwohl durchzusetzen. Dann verträten Bürger plötzlich das Allgemeininteresse wider den verprivatisierten Staat.
Nur, wie ist zu begründen, daß dieses Ich des Protestierens und Widerstandsleistens ein Subjekt ist, in dem sich das Allgemeinwohl artikuliert? Es ist doch nur ein Ich, das aussagt, was es will und daß das der Wille aller zu werden hat, weil das dies Ich so will! Ein Zusammenhang zwischen so einem gearteten Egozentrismus und einer totalitären Herrschaft ist offenkundig. Es fehlt nämlich die Bereitschaft einer selbskritischen Prüfung, inwieweit tatsächlich mein Wollen berechtigt ist, das Wollen aller werden zu dürfen.
Wenn Jesus Christus als die Wahrheit sagt, daß alle Menschen so leben sollten, wie er es lehrt, dann gründet sich diese Verallgemeinerung, daß nicht nur er so leben soll, wie er lebt, in seiner Wahrheit. Was ist aber die Wahrheit dieses protestierenden und Widerstand leistenden Iches? Es ist einfach der Wille, sich vom Staat nicht vorschreiben lassen zu wollen, wie sich alle Staatsbürger angesichts der Coronaseuche zu verhalten haben. Meine Freiheit bestünde eben darin, daß ich lebe, wie ich es will: Das konstituiert das Ich des Protestes und des Widerstandes. Es ist das Ich des autonomen Menschen, das seine Subordination unter ein Wir ablehnt, weil es nur als Einzelich sich frei wähnt. Der Staat darf meine bürgerliche Freiheit und das ist vor allem das Recht des homo oeconomicus, Geschäfte zu machen und das Recht des postmodernen Spaßmenschen: Ich will Spaß!, nicht einschränken, denn der Staat ist ja nur für meine Freiheitsrechte da.
Ideengeschichtlich basiert diese Egozentrik auf die nominalistische Philosophie, daß es nur das Einzelne gibt, alle Abstraktbegriffe nur Namen für etwas Nichtseiendes sind, also, es gibt nur Einzelmenschen aber kein Volk, keine Gemeinschaft, kein „Wir“ sondern nur atomisierte Iche mit Ichbegierden und je eigenen Wünschen und der daraus abgeleiteten Ideologie des Liberalismus.
So verrückt kann es in der Politik zugehen: Eine Regierung, die sich bisher von der liberalistischen Ideologie leiten ließ, regiert plötzlich conservativ, indem sie Partikularinteresssen, auch die der Wirtschaft dem Allgemeinwohl unterordnet, dem des Schutzes der Volksgesundheit und „Rechtspopulisten“ und „Rechte“ mutieren zu Parteigängern des Liberalismus im Namen der unaufgebbaren Privatbürgerrechte, als hätte der Staat, auch gerade nach dem geltenden Grundgesetz nicht auch das Recht, bürgerliche Rechte um des Allgemeinwohles willen einzuschränken.So wird individualistische Freiheit verabsoluiert zu Lasten des Allgemeinwohles.

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