Samstag, 25. Oktober 2014

Gibt es Eindeutiges auf Erden? Probleme der Bibelauslegung

Tatsachen und Deutung-gibt es etwas Eindeutiges auf Erden?

Es gibt Ereignisse und Deutungen der Ereignisse. Daß Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben ist, gilt als historisches Ereignis. Daß er für unsere Sünden gestorben sei, dagegen als eine kontingente Deutung dieses Ereignisses. Daß Schülern Jesu nach seinem Tode Jesu erschienen ist, gilt als mögliches historisches Ereignis, daß Jesus von den Toten auferstanden ist, als eine kontingente Deutung dieses möglichen Ereignisses. Ein Dualismus entsteht so: die Welt der Tatsachen und die Welt der kontingenten Deutungen der Tatsachenwelt. Die Welt der Tatsachen wäre dann die Welt der exakten Wissenschaften, die der Deutung die der Geisteswissenschaften und damit auch der Religion. Ja, in den Geisteswissenschaften reproduzierte sich dieser Dualismus nochmals. So werden die historischen Tatsachen: wer wann wo was geschrieben hat, unterschieden von der Frage der Deutung des Geschriebenen.
Im Religionsunterricht werden die Schüler in diesen Dualismus schon eingeführt. Da ist die historische Person Jesus und seine theologische Deutung als Sohn Gottes im jüdischen Kontext adaptionistisch und im griechischen Kontext biologisch gemeint. Diese vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängigen Deutungen sollen aber nun nur in verschiedener Sprache das eine ausdrücken, daß Jesus ein besonders innig mit Gott verbundener Mensch war; früher hätte man das „fromm“ genannt.

Tatsachenaussagen sind veri- bzw. falsifizierbar, Deutungen dagegen werden nach ihrem Sinn befragt: ist diese kontingente Deutung eine sinnvolle? Aus dem Deutschunterricht ist jedem die berühmte Pädagogenfrage: Was will uns der Dichter damit sagen? wohlvertraut und auch das Phänomen, daß am Ende der Unterrichtsstunde viele mögliche plausible Deutungen des literarischen Werkes im Raume stehen, aber keine sich als die einzig wahre gegenüber den anderen durchsetzen konnte. Bleibt uns so nur die Welt der Tatsachen und eine unendlich große Menge von möglichen Deutungen dieser Tatsachen? Wir könnten dies poststrukturalistisch inspiriert deuten als das Schicksal aller Texte: daß alles zum unendlich manningfaltig auslegbaren Texten geworden ist.Zu der Tatsache, daß es Grundtexte gibt, gesellt sich die Erkenntnis der Polyinterpretabilität aller Grundtexte in Gestalt der Sekundärliteratur.

Die christliche Religion würde so zu einer von vielen möglichen Deutungen der Welttatsachen. Veranschaulichen wir uns das am Phänomen des leeren Grabes. Wenn das Grab leer war, kann dies gedeutet werden als: Jesus ist von den Toten auferweckt worden oder als: seine Schüler entfernten den Leichnam, um dann zu behaupten, er sei auferstanden. Selbstverständlich sind auch andere Ausdeutungen möglich: daß Jesus scheintot war, oder daß das leere Grab gar nicht das gewesen wäre, in das er wirklich gelegt worden ist. Ja,man kann auch sagen, daß weil die Schüler Jesu nach dem Tode meinten, ihn gesehen zu haben,nicht als bloßen Geist sondern körperlich, sie davon überzeugt waren, daß deshalb auch das Grab leer sein müsse. Darum hätten nach Ostern dann die Gemeinden die Vorstellung vom leeren Grab entwickelt, nicht als historische Tatsache, sondern als Folgerung aus den österlichen Jesuvisionen. Die historische Kritik nennt das dann eine Gemeindebildung.
Novalis bezeichnet als Wesenszug aller echten Poesie: „Ein Gedicht muß ganz unerschöpflich seyn, wie ein Mensch“.1 Es scheinen sich nun alle Tatsachen in unerschöpflich deutbare Gedichte verwandelt zu haben. Die große Versuchung wäre es nun, sich auf einen reinen Positivismus zurückzuziehen und die Deutung der Tatsachen der Privatvorliebe den Lesers zu überlassen. Eines wäre damit für die christliche Religion gewonnen: sie stünde nicht mehr unter dem Generalverdacht einer abergläubischen irrationalen Weltdeutung, sondern sie reihte sich als Ausdeutungssystem ein in die anderen Weltauslegungssysteme-gleichberechtigt neben den anderen, weder falsi-noch verifizierbar. Aber mehr wäre sie dann auch nicht.

War Jesu Grab leer, weil er von den Toten auferstanden, weil er nur scheintot oder weil er von seinen Schülern entfernt worden ist aus dem Grab oder war das leere Grab gar nicht das, in das er hineingelegt worden ist? Das leere Grab ist so polyinterpretabel wie die Erscheinungen Jesu nach seinem Tod. Keine dieser Deutungen kann heute verifiziert oder falsifiziert werden!

Es ist ja bezeichnend, daß im Kampf um die historische Person Jesu Tatsachen als wahr anerkannt werden von den beiden Konfliktpartien, den jüdischen wie den christlichen Deutern der Person Jesu, daß sie aber nur verschieden ausgedeutet werden.Einen sehr gediegenen Einblick in die jüdische Deutung der Person Jesu bietet der Judaistikprofessor Peter Schäfer in seiner Studie: „Jesus im Talmud“2. Daß Jesu Vater nicht Joseph war, da stimmen Christen und Juden überein. Für den babylonischen Talmud ist aber ein Römer Vater Jesu, mit Namen Pantera.3 Verschiedene Schreibweisen gibt es für diesen Namen, der evtl auch eine Verballhornung des griechischen Wortes für Jungfrau sein könnte. Jesu Aufenthalt in Ägypten werden zu seinen Lehrjahren in ägyptischer Magie, sodaß er eben auch als Zauberer zu Tode verurteilt wird vom Hohen Rat der Juden4.Das, was in christlicher Deutung ihn als Sohn Gottes auszeichnen soll, seine wunderbare Geburt und seine Wunder werden hier gedeutet als Indizien dafür, daß er gewiß nicht der Messias Israels ist. Aus der Jungfrauengeburt wird ein Fehltritt Marias, aus seinen Wundern magische Zauberei.Nicht wird das Ereignis des Wunderwirkens bestritten, sondern das Wunder wird daimonisiert zur Zauberei!

Die moderne historische Forschung nimmt Anstoß an den Wundererzählungen, weil es für sie keine Wunder geben darf und deutet dann die Wunderezählungen um zu fiktionalen Erzählungen, die aber etwas bedeuten, aber keine Realien erzählen. So habe Jesu nicht den Sturm gestillt, als seine Schüler verängstigt im Boote ihren Untergang vor Augen hatten, sondern diese Geschichte drückt nur den urchristlichen Vertrauensglauben aus, daß Jesus in jeglicher Not helfe. Die Geschichte, die Vertrauen in Jesus erwecken soll, wird so zu einer fiktiven Erzählung, die den unabhängig von dieser Erzählung vorhandenen Vertrauensglauben veranschaulichen soll.
Zu Zeiten Jesu wurden dagegen die Wunder nicht bestritten. Ihre Kritiker warfen der Urgemeinde nicht vor, sie erphantasiert zu haben, sondern sie deuteten sie anders: Jesu habe sie in Kraft von Daimonen gewirkt. So wird das ihn als göttlichen Sohn verifizieren Sollende zur Anklage wider ihn.
Die jüdische Umdeutung findet dann ihren Höhe- und Endpunkt in der Umformung der Himmelfahrtserzählung Christi. Der christlichen Erzählung von der Himmelfahrt Christi wird dann konsequenterweise die Erzählung von der Höllenstrafe Jesu entgegengesetzt. Er wäre in der Hölle in siedenem Kot.5So das Antibild Jesu im jüdischen Talmud.

Die Tatsachen werden gedeutet und erst die gedeuteten Tatsachen lassen die christliche Religion entstehen. Aber jeder Akt der Deutung evoziert den Generalverdacht, daß hier nur eine von vielen möglichen Deutungen präsentiert wird, die keinen Anspruch auf alleinige Wahrheit erheben kann.
Ist Deutung ein subjektiver Akt vollzogen an einem Objektiven, wird so die Religion zu einem rein Subjektiven. Ich glaube hieße dann, daß ich an meine Deutung für wahr halte und so auf sie vertraue. Glaube wäre so eine Form defizitärer Erkenntnis.

Einen nicht unproblematischen Ausweg daraus soll die Vorstellung der rein persönlichen Begegnung mit Jesu bilden. Der Kern dieser Vorstellung ist, daß Jesus so begegnet, daß er darin unmittelbar erkannt wird: unmittelbar ohne daß dies unmittelbare Ereignis sekundär gedeutet und damit dem Spiel der Dekonstruktionen der ergangenen Deutung ausgeliefert würde. Aber dies Ideal einer unmittelbaren Erkenntnis ist eben eine reine Konstruktion, die der menschlichen Erkenntnis gerade nicht gerecht wird. Wir erkennen Jesus als etwas und dies als etwas ist eben nicht mehr in der unmittelbaren Anschauung, sondern ist ein Produkt menschlichen Denkens. Und das heißt: Produkt einer bestimmten Deutungskultur.

Wollten wir Gott mit einem Dichter vergleichen, er wäre im Sinne von Novalis ein wahrer Poet, weil er unerschöpflich ausdeutbare Grundtexte schrieb, die Schöpfung, die Welt, das Leben Jesu, usw. Wir Leser stünden nun vor diesen Texten mit der Aufgabe der rechten Ausdeutung. Christen sind wir, weil wir die christliche Ausdeutung als die wahre glauben, weil nur in ihr die Autorenintention begriffen wird. Aber die Texte emanzipieren sich vom Autoren. In der postmodernen Literaturwischenschaft spricht man da gern vom Tode des Autors. So Roland Barthes.6 Der Text entschwindet der Herrschaft seines Verfassers und setzt sich seinen Lesern aus. Die Ursprungsintention wird dabei zum unerkennbaren Ding an sich, in freier Anlehnung an Kant.

Aber was ist nun wahr und wie ist die wahre Deutung zu erkennen? Belsey respondiert uns diese Frage mit: „Besonders junge Leute sind häufig bereit, die Vorstellung von Wahrheit aufzugeben“.7 Wie wird dies Urteil nun begründet? Zwei Gründe nennt sie. Erstens „begegnen wir, wenn wir im globalen Dorf umherreisen, und sei es nur im Fernsehen oder im Internet, einem breiten Spektrum von Weltanschauungen“.8 Die Faktizität der Vielfalt der Weltdeutungen läßt nicht mehr zu, eine als die wahre zu erkennen. Der zweite Grund verweist auf die Folgen einer erkannten und als im Besitz sich befindenden Wahrheit: „Tatsächlich hat ein Jahrhundert politischer Gruppierungen, die die Wahrheit, wie sie sie verstanden, nicht nur verteidigen, sondern verherrende Gewalt gegenüber Menschen ausübten, die ihre Überzeugung nicht teilten, bei vielen von uns ernsthafte Zweifel an an der Behauptung von Wahrheitsansprüchen geweckt.“9 Daß die erkannte Wahrheit zum Terror gegen die Ungläubigen führe, diese Deutung totalitärer Herrschaft von Ideologen, ruft so also den Wunsch auf den Verzicht von jeder Art von erkennbarer Wahrheit hervor. Die Freiheit der Beliebigkeit der Ausdeutbarkeit der Welt wird so die Schreckensherrschaft der einen erkannten Wahrheit gegenübergestellt. Die Kenntnis der Welt der Tatsachen reicht so für die Zivilisation als naturwissenschaftlich-technische Beherrschung der Welt aus, dem dann das unbegrenzte Reich der Freiheit der beliebigen Weltdeutungen zur Seite gestellt werden kann.

Warum deuten wir Tatsachen und verweilen nicht einfach in der Tatsachenausagewelt. Warum bilden wir Menschen noch dazu eine Welt von Deutungssätzen? Die Antwort: weil Tatsachen bedeutungslos sind,liegt nahe.
Tiefgründiger argumentiert da C. Pagilla: „Die Macht der Kultur, der Trost der Religion:darauf konzentriert er sich, daran glaubt der Mensch.“10 Der Mensch lebe in einer lebensfeindlichen chaotischen Welt, die er sich humanisierend umdeutet, denn der Mensch bedürfe der Illusionen, um in dieser Welt leben zu können. „Der Glaube, daß Natur und Gott im Grunde gut sind,ist einer der wirkungsvollsten Mechanismen,über die der Mensch zum Überleben verfügt. Ohne diesen Glauben fiele die Kultur wieder der Angst und Verzweifelung anheim.“11 Aber die Nützlichkeit erweist nicht die Wahrheit der Religion-nein, ihre Abqualifizierung als Illusion wirft den Leser zurück in die Welt der Tatsachen, die er sich nur um eines guten Lebens willen umdeutet zur guten Schöpfung. Und diese Deutung ist kontingent und somit auch willkürlich gesetzt. Aber dies Beispiel sollte uns stutzig machen! Denn was Pagilla hier als Welt der Tatsachen präsentiert, ist ja schon selbst eine Deutung der Welt. „Aber ein Schulterzucken der Natur, und alles liegt in Trümmern. Brände, Überschwemmungen, Gewitter, Unwetter, Wirbelstürme, Erdbeben-all das droht jederzeit und überall. Katastrophen treffen unterschiedslos Gute und Böse.“12 Das ist aber keine Tatsachenbeschreibung sondern eine Deutung der Natur als etwas dem Menschen Entgegengesetztes. Und diese darin schon vollzogene Deutung soll nun umgedeutet werden um eines humanen Lebens willen: „Das zivilisierte Leben bedarf der Illusion.“13 Bezeichnend ist dabei, daß die um der Humanisierung willen vollzogene Deutung als Illision dysqualifiziert wird, während die Deutung der Natur als etwas Menschenfeinliches als Tatsache vertreten wird. Die Differenz von Tatsachenaussagen und Deutungen dieser Aussagen zerfließt, wenn nachgefragt wird: enthalten die Tatsachenaussagen nicht auch schon Deutungen?

Schon die Aussage, daß ein Wunder Jesu unterschiedlich gedeutet werden kann, greift ja schon zu kurz. Die Kategorie des Wunders ist ja selbst schon wieder eine Deutung eines Wirkens Jesu. Ist überhaupt eine Aussage über ein Ereignis möglich, ohne daß in dieser Aussage eine Deutung mitenthalten ist? Sollte sich so der Dualismus von Tatsachenaussage und Deutung auflösen zu der, daß alles Deutung ist? Man denke an das Nietzschewort:„Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomen stehen bleibt,es gibt nur Tatsachen, würde ich sagen:nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“14 Für die christliche Theologie ist diese Frage nicht irrelevant. Sonst stünde die christliche Religion als Deutungskultur der Welt und des Lebens neben der Welt der Tatssachenaussagen. Sie unterwürfe sich so selbst dem Generalverdacht eines rein imaginären Hilfskonstruktes, damit der Mensch besser in der Welt zurecht käme. Trotzdem empfiehlt der evangelische Theologe D.Korsch, Religion und auch die christliche als Deutungskultur zu verstehen im Gegensatz zu den exakten Wissenschaften der Tatsachenerforschung15
.
Ist Jesu Sühnetod eine Tatsache oder eine Deutung seiner Hinrichtung?, lautet so die Zentralfrage des christlichen Glaubens. Es sei en passent an die Infragestellung dieser Glaubenswahrheit durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Zolitsch erinnert.Für das gläubige Bewußtsein ist diese Frage eindeutig respondierbar: es ist eine Tatsache. Aber für das historisch-kritische Bewußtsein ist das nur eine mögliche Deutung des Ereignisses seiner Hinrichtung. Die Auflösung der Bedeutung des Zentralereignisses der Kreuzes Jesu für die christliche Religion wird ja so gerade innerkirchlich mit den Argumenten der historisch-kritischen Methode geführt, die das „Für uns“ des Kreuzes zum bloßen möglichen Interpretament herabwürdigen.

Was innerhalb des religiösen Bewußtseins als Tatsachenaussage gilt, daß Jesus die Wunder als Sohn Gottes gewirkt hat, daß er für uns am Kreuze gestorben ist, das ist für das historische Bewußtsein nur eine Deutung einer Tatsachenaussage. Nimmt das religiöse Bewußtsein das historisch kritische in sich auf, dann wird es urteilen, daß es weiß, daß Jesus am Kreuze gestorben ist, das ist historisch als wahrscheinliches Ereignis wißbar, und daß es glaubt, daß dieser Kreuzestod ein Tod für uns ist. Damit wird ihm aber der Glaube zu einer subjektivistischen Deutung von Tatsachen!

Eine einfache Rekonstruktion: wie habe den der historische Jesus seinen Tod verstanden?, wenn das eindeutig erforschbar wäre, würde uns wieder nur vor die Frage stellen: Ob denn Jesu eigene Deutung seines Todes, bloß weil sie die seinige ist, auch wahr ist? Und wir stünden wieder vor einer
Tatsache und einer religiösen Deutung dieser Tatsache.


Gibt es aus diesem Problem einen Ausweg? Versuchen wir es mit einem einfachen Problem. Lese ich, daß der Spieler A den Springer setzt, und „Schachmatt“ sagt, dann kann ich die mit dieser Aussage beschriebenen Tatsachen nur deuten, wenn ich sie als einen Spielzug einer Schachpartie begreife und dann kann ich die Tatsache richtig deuten. Undeutbar wird für mich diese Tatsachenaussage nur, wenn ich sie isoliert vom Ganzen als Einzeltatsache wahrnehme und dann versuche, zu deuten. Die Polyinterpretabilität des Ereignisses, der Tatsache resultiert so daraus, daß ich das eine Ereignis aus seinem Gesamtkomtext abstrahiere und als isolierte Tatsache wahrnehme und dann zu deuten versuche. Erst als ein Teil des Ganzen verliert diese Tatsache ihre Bedeutungslosigkeit. Nur als isoliertes Ereignis kann es vielfältigst gedeutet werden. So meint jeder den Satz: „Ich gehe zur Bank“ zu verstehen, aber nicht sagen, ob der Satz eine Sitzbank oder eine Geldbank meint. Nur der Kontext dieses Satzes erschließt uns seine Bedeutung, ob an eine Sitz-oder an eine Geldbank zu denken ist.

Das Leben Jesu ist so nicht eine Reihe von Einzelereignissen, die jede für sich als Tatsache fixierbar und dann ausdeutbar ist, sondern eine Ganzheit, wobei diese Ganzheit selbst wiederum die Fortsetzung der altestamentlichen Gesamterzählung ist. Es soll so die These aufgestellt werden: Erst, wenn Einzelnes als Teil dieser Totalität begriffen wird, wird das Einzelereignis zu einem sinnvollen Glied des Ganzen, das nicht mehr in der Spannung von Tatsache und Deutung steht.

Zur Veranschaulichung:

Die Osterbotschaft ist uns Christen vertraut, vielleicht schon zu vertraut, um das Problematische an ihr noch wahrnehmen zu können. Jesus starb am Kreuz und wurde drei Tage danach lebendig gesehen. Er erschien Schülern von ihm. Dies Erscheinen ist nun polyinterpretabel. Die Gegner des Paulus im 1.und 2. Korintherbriefes argumentierten wohl so: wenn Jesus leiblich-körperlich von den Toten auferstanden ist, dann ist er nur auferstanden, um wieder sterben zu müssen, weil alles Körperliche zum Sterbenmüssen bestimmt ist. Die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung aller Menschen würde sie so nur zu einem neuen Sterbenmüssen auferstehen lassen. So ist ja auch Lazarus von den Toten durch Jesus auferweckt worden, aber nicht zum ewigen Leben, sondern nur zu einem, das wieder im Tode enden wird.Darum meinten sie, daß Jesus nur als unsterbliche Seele auferstanden sei, wie auch alle Menschen, um ewig leben zu können, nur als Seele ewig leben können. Paulus widerlegt nun diese Vorstellung durch die These, daß nicht von allen Körpern die Aussage gilt, daß sie sterblich sind durch seine große naturphilosophische Reflexion im 15. Kapitel des 1.Koriuntherbriefes.

Wie konnte nun Paulus seine Damakuserscheinung verstehen als: daß Jesus zum ewigen Leben auferstanden ist und nicht etwa wie Lazarus nur zu einem weiteren endlichen Leben, das sein Ende im Tode findet? Und wie konnte er zu dem Urteil kommen, daß in Jesu Auferstehung wir das sehen, was uns allen verheißen ist? Henoch ist nicht gestorben sondern von Gott entrückt worden in den Himmel. Aber kein Deuter dieses Ereignisses erklärte dies zum Grund auf die Hoffnung, daß alle oder alle Gläubigen und Gerechten wie Henoch in den Himmel aufgenommen werden, ohne zu sterben. Henochs Entrückung bleibt ein singuläres nur ihn betreffendes Ereignis. Es zeigt nur, daß es möglich wäre, daß Gott Menschen entrücken kann, um sie so vor dem Tode zu bewahren, aber nicht, daß er andere so auch entrücken wird.Wie war für Paulus am Ereignis des Erscheinens Jesu nach seinem Kreuzestod erkennbar, daß dies ein Ereignis ist, das einen Verheißungscharakter für uns alle hat: daß alle, wie Jesus auferweckt werden am jüngsten Tage?

Dem Ereignis, der Tatsache des Erscheinens ist all dies nicht ablesbar; es sei denn, wir meinten, Jesus habe das Paulus alles selbst offenbart. Das Ereignis wurde im Urchristentum gedeutet und erst diese Deutung schuf das Ostereignis. Sonst wäre es nur ein für Jesu bedeutsames Ereignis, ähnlich wie die Auferweckung Lazarus, die ja auch nicht in sich die Verheißung inkludiert, daß wir alle wie Lazarus auferweckt werden. Und woran erkannte Paulus, daß Jesus zu einem ewigen Leben erweckt worden ist und nicht nur zu einer Verlängerung seines Lebens, wie Lazarus? Seine Gegner in Korinth, wahrscheinlich christlicher Gnostiker, argumentierten ja nicht uneinsichtig mit der These, daß Körperlichkeit Sterbenmüssen heißt. In Folge dieser Auseinandersetzung mit den christlichen Gnostikern (Vgl 1.Korinther 15 und 2.Korinther 5) schreibt Paulus im Römerbrief: „Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt: der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“ Röm 6,9. Dies ist das paulinische Eingeständnis an seine gnostischen Kritiker, daß die Aussage, Jesu sei von den Toten auferstanden, mehrdeutig ist und so der ergänzenden Kommentierung bedarf.

Paulus, als gläubiger Pharisäer hofft und glaubt an die Auferstehung der Toten am Ende der Zeit als an eine Auferstehung zum ewigen Leben. Paulus sagt selbst, daß er die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten wie die Pharisäer verkünde. (Apg, 23,6) Nicht begründet die Erscheinung von Jesu bei Damaskus Paulus Hoffen auf die Auferstehung der Toten, die glaubte er schon als Pharisäer, sondern sein pharosäischer Glaube ist der Grund für seine Deutung der Erscheinung Jesu. Dieser Hoffnungsglaube deutet ihm nun das Damaskusereignis: Jesus ist der Erste der allgemeinen Totenauferstehung. Mit diesem Ereignis beginnt das Ende des alten Äons und der neue, das Reich Gottes bricht an. Die Tatsache des Erscheinens Jesu nach Karfreitag zeichnet sich so in eine vorgegebene religiöse Vorstellung ein und dadurch erst wird diese Tatsache zum christlichen Osterereignis. Wird das Ereignis als Tatsache des Erscheinens Jesu abstrahiert aus dieser Totalität der Vorstellung von der allgemeinen Totenauferstehung am Ende der Welt, dann wird dies Ereignis zu einem polyinterpretablen Ereignis, das in sich keine Bedeutung mehr hat. Wenn ich einen Spielzug einer Schachfigur abstrahiert aus dem Gesamtspiel Schach betrachte, wird diese Handlung sinn-und bedeutungslos und kann dann wieder neu gedeutet werden. Aber neu deutbar ist diese Handlung nur, weil sie zuerst aus dem Gesamtsinngefüge herausgenommen wurde und so zu einem abstrakten Ereignis wurde. Die Erscheinungen Jesu nach seinem Tod könnten für sich allein genommen,nämlich nicht die christliche Osterhoffnung begründen, daß auch wir hoffen dürfen, vom Tode auferweckt zu werden!Warum sollte den ein Ereignis, das einen betraf, daß er auferweckt wurde, alle betreffen, daß alle so erweckt werden?

Wir könnten also sagen, daß nur wenn die Ereignisse Jesu, seine Geburt, seine Wunder, sein Kreuz und seine Auferstehung im Gesamtkontext der Hl. Schrift gelesen wird, diese Ereignisse ihre Bedeutung bekommen. Die Aussage des Neuen Testamentes, daß in Jesu die Verheißungen der Propheten erfüllt worden sind, darf so nicht als sekundäre Erweiterung der ursprünglich unmittelbaren Erfahrung an Jesu verstanden werden, sondern als Voraussetzung dafür, daß diese Tatsachen erst zu bedeutsamen Ereignissen wurden.

Was bliebe denn von den Wundern Jesu übrig, löste man sie aus dem Altestamentlichen Kontext? Mirakel, die so oder so gedeutet werden könnten. Erst der Nominalismus, dem alles Einzelne nur etwas ist, löst die Sinntotalität auf und läßt ein Meer von Einzelteilen übrig, die jedes für sich sinn-und bedeutungslos ist. Und das bildet dann die Kehrseite der Polyinterpretabilität dieser Tatsachen.

Aber sind denn nun die Einzeltatsachen eindeutig durch die Sinntotalität des Ganzen festgelegt?
Konnten fromme Juden denn nicht in den Wundern Jesu einen ägyptisch geschulten Magier erkennen? Bis heute sieht das talmudische Judentum Jesus so. Man könnte sagen, daß Jesu Wunder im Kontext des Alten Testamentes gelesen, nicht so eindeutig sind, daß sie nur christlich auslegbar sind. Zur religiösen Tradition gehört eben auch der Glaube an die Möglichkeit von magischen Praktiken, die aber von Gott als Nichterlaubte verurteilt werden, aber nicht als Nichtmögliche. Es ist eine menschliche Möglichkeit, Tote zu befragen-und das ist unbestreitbar eine magische Praxis, aber es ist eine, die mit der Anerkennung des Herrseins Gottes nicht vereinbar ist.
Jesu sagt aber: wenn ihr Mose und den Propheten glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben . Vgl:Joh, 5,46. Danach sind seine Wundertaten eindeutig durch den Gesamtsinnzusammenhang definiert . In Jesu Wunder nicht göttliches Wirken zu erkennen, wäre ein Akt des Unglaubens. Und darum heißt es ja im Johannesevangelium: daß alle Wunder Jesu aufgeschrieben wurden, damit wir glauben, daß Jesus der Christus ist (Joh,20,31)

So soll hier die Vermutung ausgesprochen werden, daß erst der Nominslismus, für den es nur Einzeldinge und Einzeltaten gibt, der Grund dafür ist, daß uns die Welt zerfällt in die der Einzeltatsachen und die der möglichen Deutungen der Tatsachen. Es ist der Verlust des Sinnes für das Ganze, die Sinntotalität, die jedem Teil von ihr seinen Sinn zuweist, der dieses Problem dieser Dualität so groß macht. Aber es muß auch konstatiert werden, daß selbst im Lichte der Alten Testamentes es möglich war, das Leben Jesu zu verkennen, wie es nicht nur der Talmud zum Ausdruck bringt! Aber dies Nichterkennen wird nun als Unglaube verurteilt. Das setzt aber voraus,
daß das Leben und die Wunder Jesu im Lichte des Hl. Schrift gelesen eindeutig erkennbar waren.

Aber eine Frage bleibt nun doch noch unbeantwortet: gibt es Tatsachenaussagen, die nicht immer schon auch Deutungen implizieren? Könnte es sein, daß die Dualität von Tatsachenaussagen und Deutungen der Tatsachen rückfürbar ist darauf, daß Aussagen der Hl. Schrift aus ihrem Gesamtsinngefüge herausgenommen und dann in einem anderen Deutungsraum eingezeichnet werden, so daß sie so erst zu nackten Tatsachen werden, die vermeintlich nachträglich religiös gedeutet wurden? Das Ereignis 586 v. Christus kann aus dem Kontext des deuteronomistischen Geschichtswerkes (von 1. Samuel bis zu 2.Königen) abstrahiert werden und eingeschrieben werden in den Vorstellungsraum der Kriege zwischen Völkern. Dann war dies eine militärische Niederlage und es könnte historisch nach den Gründen dieses Krieges und der Niederlage Judas geforscht werden. Hier gibt es dann nicht ein Einzelereignis, die Tatsache, daß...sondern ein im Vorstellungsraum der Völkerkriege eingezeichnetes und gedeutetes Ereignis. Impliziert kann dann der Deuteronomistischen Theologie der Vorwurf gemacht werden, daß sie das Ereignis in den religiösen Vorstellungsraum des von Gott geführten Bundevolkes einzeichnet, sodaß statt einer militärischen Niederlage ein Strafgericht Gottes in dem Ereignis 586 v. Chr. Gesehen wird. Was ist nun hier eine Tatsachenaussage und was eine Deutung. Vorschnell wäre die Antwort:die Vorstellung einer militärischen Niederlage wäre eine Tatsache und die Vorstellung des Gerichtes Gottes dagegen nur eine Interpretation dieser Tatsache. Wir haben es stattdessen mit zwei Deutungen eines Ereignisses zu tun, die sich aus der Einschreibung in verschiedene Vorstellungsräume ergibt, dem des Kriegerischen und dem des Religiösen.

So gesehen könnte geurteilt werden, daß es nur Tatsachenaussagen in immer schon vorher gewählten Vorstellungsräumen gibt und daß durch diese die Ereignisse erst zu Tatsachen werden, zu gedeuteten Ereignissen nämlich. Die Polyinterpretabilität des Lebens und Wirkens Jesu ergäbe sich so erst aus dem Kunstgriff der Herausnehmung von Einzelereignissen aus dem Leben Jesu und der Möglichkeit, sie nun in andere Vorstellungsräume einzuzeichnen und je nach dem gewählten Vorstellungsraum zu deuten! Werden die Einzelaussagen aber im Gesamtsinn der Schrift gelesen, dann erst verlieren sie ihre Polyinterpretabilität!
1Zitiert nach: Frank, Manfred, Vom unausdeutbaren zum undeutbaren Text, in: Franl, Manfred, Was ist Neostrukturalismus? 1983,S.573.
2Vgl: Schäfer, Peter, Jesus im Talmud, 2007.
3Vgl: Schäfer, Peter, S.29-49.
4Vgl: Schäfer, Peter, S.129-152.
5Vgl: Schäfer,Peter, S. 167-189.
6Vgl: Besley, Catherine, Poststrukturalismus, 2013, S.31ff.
7Besley, Catherine, Poststrukturalismus 2013, S. 105.
8Besley, a.a.O. S.105.
9Vgl: Belsey, a.a.O. S.105.
10Pagila,C., Die Masken der Sexualität, 1992, S.11.
11Pagilla, C., Die Masken der Sexualität, 1992 , S.12.
12Pagila,S.,Die Masken der Sexualität, S.11f.
13Pagila, S. Die Masken der Sexualität, S.12.
14Nietzsche, F., Aus dem Nachlass des Achtigjägrigen, in: Schlechta, K., Friedrich Nietzsche, Werke IV, 1984, S.903.

15Vgl: Korsch. D., Dogmatik im Grundriß, 2000.   

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