Dienstag, 21. Oktober 2014

Krise der Ordnung der Ehe

Die Ehe-ein Rückzugsgefecht?

Einst verkündete die Kirche die Königsherrschaft Christi, das Reich Gottes. Schaut man auf die gegenwärtige Debattenlage, scheint es nur noch ein Thema für die Kirche und die engagierten Christen zu geben: die Ehe. Eigentlich ist der Anspruch der göttlichen Offenbarung-man erschrecke nicht vor diesem Wort-ein totalitärer: das Ganze soll nach Gottes Willen geordnet werden. Mit der Konstantinischen Wende bekam die Kirche die Chance, dies nun auch zu realisieren. Die Konstantinische Epoche war das Experiment einer christlichen Weltgestaltung. Diese Epoche ist nun zu Ende gegangen-das christliche Abendland ging mit dem 1.Weltkrieg unter. Der Atheismus kam in Rußland an die Macht und in Europa bereitete sich der Laizismus aus: daß es für die Kirche wie für den Staat das beste wäre, wenn man getrennte Wege ging. Es drängt sich der Eindruck auf, daß erst jetzt, nach dem Ende des Großprojektes der Verchristlichung der Welt die Parole der christlichen Familie ins Zentrum der Kirche rückte: wenn schon nicht mehr die Welt, dann wenigstens die Ehe christlich gestalten. Und kleinlaut ist dann als Appendix die Einsicht anzuhängen, daß die Welt sich so sehr schon säkularisiert habe, daß hier jeder christlicher Gestaltungswille auf unüberwindbare Schranken stoße. Die „Eigengesetzlichkeit“ der Welt wurde entdeckt: es gibt nun mal keine christliche Physik, sondern nur eine, die wahre Aussagen über physikalische Phänomene tätigt und so auch keine christliche Betriebsführung, sondern nur eine effektive. Und was christliche Politik sein solle, das wissen inzwischen selbst die C-Parteien nicht mehr-nur daß sie vor Wahlen das „christliche Menschenbild“ und conservative Werte betonen, um am Tage nach der Wahl dies Wahlkampfgerede dann ad acta zu legen bis zur nächsten Wahl.
Aber wir haben ja noch die Institution der Ehe: und wenn die ganze Welt voll Teufeln wäre: hier nun müsse der letzte Posten des christlichen Abendlandes verteidigt werden! Wäre die Lage nicht so ernst, gern würde man mit Asterix und Obelix ausrufen: ist denn die ganze Welt schon von den Truppen des Säkularismus besetzt?-nein-tapfere christliche Familien stehen noch im Sturme und halten die Stellung. Etwas optimistisch gestimmt könnten wir dann auf die „Familiensynode“ zu Rom verweisen, wo der erste Sturmangriff reformfreudiger Bischöfe unter Führung von Kardinal Kasper auf die Ordnung der Familie erstmal abgewehrt wurde. Aber so oberflächlich wollen wir heute nicht sein.
Es wäre nicht das erste Mal, daß die Kirche zum Rückzug bläst. Es sei hier an das Phänomen der Karriere des Subsidaritätsprinzipes in der Katholischen Kirche erinnert. Ursprünglich erblickte dies Konzept das Licht der Welt auf einer Reformierten Synode zu Leer in Ostfriesland. Das war nun kein Ostfriesenwitz sondern ein antikatholisches Konzept für den inneren Aufbau der Kirche. Das Anliegen: so weit wie irgrendwie möglich sollte alles vor Ort in der Gemeinde entschieden werden als dem Ort, wo Kirche sich wirklich ereigne. Die übergeordnete Institutionskirche sollte dagegen so klein wie irgendwie möglich gehalten werden und nur mit einem Minimum an Kompetenz ausgestattet sein. Modern ausgedrückt: die Reformierten wollten eine basisdemokratische Kirche. Nur wenn etwas auf der Gemeindeebene nicht entscheidbar sei, dann soll die nächst höher gelegene Ebene die Entscheidung treffen. Damit wollte sich das Reformiertentum gegenüber der hierachisch strukturierten Katholischen Kirche und der zur Amtskirche neigenden Lutherkirche profilieren. Das Subsidaritätdprinzip, daß alles auf der untersten Ebene zu entscheiden sei und nur, wenn es gar nicht anders geht, übergeordnete Ebenen sozusagen „aushelfen“, ist selbstverständlich ein antikatholisches Prinzip. Wie konnte das dann aber ein„Gastrecht“ in der Katholischen Kirche bekommen? Der Leser liegt richtig, wenn er mutmaßt, daß das ähnlich gewesen sein wird wie mit dem Begriff der Gewissensfreiheit, als der radicalsten Ausgestaltung des Subsidaritätsprinzipes.
Also, ein Prinzip, das unvereinbar ist mit dem hierachischen Aufbauprinzip der Katholischen Kirche fand in ihr begeisterte Anhänger, als der Staat, als Nationalstaat sich über den christlichen Konfessionen erhaben verstehend, den Anspruch erhob, das gesellschaftliche Leben selbst zu regulieren: von der staatlichen Schule über die staatliche Eheschließung bis...sonstwohin. Jetzt forderte die Kirche im Namen des Subsidaritätsprinzipes, daß es Freiräume geben solle, die nicht vom Staate reglementiert werden sollten, sondern von „freien Trägern“-also die Konfessionsschule neben der staatlichen Schule, den katholischen Kindergarten neben dem staatlichen usw. Also um die Ansprüche des Staates zu begrenzen und Freiräume zu schaffen für die Kirche, Räume nach ihrer Lehre zu gestalten, nahm sie das antikatholische Prinzip der Subsidarität auf, um es gegen den Staat auszuspielen. Auf sich selbst darf und kann sie dieses Prinzip aber nicht applizieren, denn dann müßte die kirchliche Hierachie aufgelöst werden. Die Überlegung, die dahinter stand, war sehr einfach: wenn wir schon nicht mehr das Ganze gestalten können, dann wollen wir wenigstens kleine Freiräume gestalten. Und so wurde auf den Anspruch, das Ganze zu gestalten, Verzicht geleistet um des Linsengerichtes, daß nun kleine Freiräume wenigstens kirchlich gestaltbar bleiben. Die Königsherrschaft Christi limitierte sich so auf die vom Staate zugebilligten Freiräume gestalterischen Handelns! Nur trat schnell der Pferdefuß bei dieser Regelung ans Tageslicht: damit ein katholischer Kindergarten, eine katholische Schule vom Staat anerkannt werden kann, müssen diese kirchlichen Einrichtungen gemäß den staatlichen Vorgaben geregelt sein. Wenn etwa die Generideologie zur verpflichtenden Konzeption für jede staatlich anerkannt werden wollenden Schule werden sollte,müßte sie auch von den katholischen Einrichtungen praktiziert werden-sonst würden sie ihre Anerkennung verlieren.
Das letzte Refugium des Rückzuges: es ist die Familie: hier soll es christlich zugehen. Und darum soll die christlich verstandene Familie weiterhin die Norm der Familie sein. Hier meldet sich dann -ganz klammheimlich-der Anspruch der Königsherrschaft Christi zurück, daß alles in seinem Geiste zu gestalten sei. Nun wird aber gerade die Institution der Familie von der säkularen Gesellschaft angegriffen als nicht mehr zeitgemäß. Die Institution der Familie wird so zur Kampfzone im Prozeß der Umformung der Gesellschaft. Und es muß konstatiert werden, daß hier die Katholische Kirche auf weiter Flur allein steht. Der evangelische „Partner“ ist mit wehenden Fahnen übergelaufen in das Lager der Familienfeinde: diese Ordnung habe sich überlebt. Hier nur einen weiteren Akt des Zeitgeistsurfprotestantismus zu sehen, greift zu kurz. Denn Luther selbst legte die Axt an die Institution Ehe, als er sie für ein bloß weltlich Ding erklärte und damit den Startschuß zur Auflösung dieser Ordnung selbst gab. Die einst bürgerlichen Parteien, die C-Parteien und die FDP haben sich längst dem postbürgerlichen Lager angeschlossen, daß Ehe und Familie so zu gestalten sind, daß sie den Wirtschaftsinteressen nicht zuwider sind. Das bedeutet die Auflösung der Ehe und Familie zugunsten des Intereses der Wirtschaft, daß die Frauen nicht mehr Familienmutter sein dürfen sondern sich vorangig auch, wie der Mann dem freien Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen haben. Daß die Sozialdemokratie, die Linke und die Grünen familienfeindlich eingestellt sind, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.
Aber erstmal wird dieser Konflikt als ein innerkatholischer zwischen „Traditionalisten“, „Conservativen“ und „Reformern“ wahrgenommen, wobei man mehrheitlich meint, daß der hl. Vater eher zu den „Reformern“ neigt und so wohl nur suboptimal mit den vorläufigen Ergebnissen der Familiensynode zufrieden sein kann. Kardinal Kasper und sein Kampfgefährte Marx machten ja aus ihrer Enttäuschung kein Hehl. Aber Kardinal Kasper , der sonst so hundertprozentig politisch korrekte, hatte mit seinem Tiefschlag gegen die „Negerbischöfe“ auch zu kräftig ins Fettnäpfchen getreten! Hätte sich so ein traditionalistischer Pfarrer geäußert, er wäre stehenden Fusses amtsenthoben worden.
Beachtlich ist dabei der Bedeutungswandel des Begriffes der Reform: stand Reform im politischen Raum bis zur Ära des Bundeskanzlers Helmut Schmidt noch für: Verbessern, für die Vorstellung eines allgemeinen Fortschrittes, den die Politik durch politische Reformen voranzutreiben habe, so heißt Reform seit diesem Bundeskanzler: das Wünschbare auf das Mach- und Finanzierbare zu reduzieren. Der Reformer verlangt so stets die Anpassung des Gewünschten, Gesollten oder Erstrebenswerten an das Reale. Der Reformer ist so zu dem Realpolitiker par excellence geworden, dem der Idealist gegenübergestellt wird. Der will das Leben nach Ideen gestalten, ist also ein Dogmatiker, statt daß er das Leben, so wie es ist, bejaht und die Theorie nach der Realität ausrichtet. In allen politischen und kulturellen Strömungen erleben wir so den Widerstreit zwischen „Traditionalisten“ und „Reformern“, nur daß jetzt die einst als „conservativ“ verurteilten für ein gestalterisches Handeln stehen, die Welt nach Ideen zu gestalten, während die „Reformer“ jetzt dafür stehen, die traditionellen Ideen gemäß der Realität umzumodulieren.
Die Dogmen müssen der Realität angepaßt werden und darum setzte die Familiensynode nicht mit einer dogmatischen Explikation des Begriffes des Ehe ein, sondern mit einer empirischen Befragung: wie leben katholische Christen heute die Ehe und wie denken sie darüber? Denn die Empirie ist der Maßstab auch für das moraltheologische Denken und nicht dogmatische Deduktionen. Die Empirie ersetzt so die Dogmatik und die Morallehre.

Aber wie steht es so um die Ehe und die Familie? Es ist kein überzogener Pessimismus, wenn man sagt, daß der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft auch die Schleifung dieser letzten christlichen Bastion folgen wird. Zu schwach ist diese Institution geworden, als daß sie sich auf Dauer im feindlichen Sturm erhalten könnte. Und die Rückzugstaktik der Kirche, ein Gebiet nach dem anderen aufzugeben, fördert ja diesen Auflösungsprozeß! Wenn vom Königreich Christi nur noch die Parole übrigbleibt, daß die Familie christlich zu leben sei, dann ist das schon die Kapitulation des Reiches Christi. Und was bleibt dann noch vom christlichen Gehalt der Familie? Man braucht kein Christ zu sein, ein bißchen Biologie reichte aus, um zu wissen, daß nur ein Mann und eine Frau eine Ehe führen können, weil der Zweck der Ehe nun mal der Nachwuchs ist! Aber die Propheten der Homosexehe wollen von der Biologie nichts wissen und verwechslen die Ehe mit einer (Wirtschsafts)Partnerschaft, einem Zusammenleben zum wechselseitigen Nutzen. Die Unauflöslichkeit der Ehe wird heuer auch nur noch von der Katholischen Kirche gelehrt und bildet wohl den letzten Rest an Christlichkeit der Ordnung Ehe. In Zukunftsromanen kann man als Alternative dazu von zeitlich befristeten Eheverträgen lesen, die nach dem Ablauf problemlos beendet sind, wie ein Zeitvertrag, der aber auch in beidseitigem Einverständnis verlängert werden kann.

Was macht den Säkularismus aus, sodaß er die Ordnung der Ehe auflöst? , wollen wir jetzt uns noch fragen. Der Ehevertrag ist kein aushandelbarer Vertrag, in dem seine Conditionen frei gestaltet werden können von den Vertragspartnern. Daß er unauflöslich ist, daß zu ihm die Pflicht zur Treue gehört, der Wille zum eigenen Kind, daß er nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden darf, daß nicht jeder jede heiraten darf, eben der Bruder nicht seine leibliche Schwester, daß er eine Ordnung ist, die man per Vertrag, so wie sie ist, zu bejahen hat, ist ihr Wesen als metaphysische Ordnung. Der säkularistische Geist möchte diese Ordnung zu einer geschichtlich kontingenten umdeuten. Im Laufe der Geschichte habe sich eben dies Verständnis so entwickelt. Es kann deshalb auch im Laufe der Zeiten wieder geändert werden. Es sei nun geradezu das Privileg des postmodernen Menschen, alle möglichen Eheformen vor Augen, sich die ihm genehme zu erwählen oder auch eine neue zu kreieren-denn die Tradition habe für ihn als Konsumenten keine Verbindlichkeit, nur den Reiz des: so oder so könnte ich es mir gestalten. Wenn der Säkularismus die Auflösung aller metaphysischen Ordnungen ist zugunsten der Vorstellung der freien Gestaltbarkeit aller Ordnungen, dann ist es nur konsequent, daß auch diese letzte Ordnung fällt und der Willkür der freien Gestaltung überlassen wird. Indem die Kirche Schritt für Schritt das Kampffeld innergesellschaftlich dem säkularen Zeitgeist überließ, um sich in der letzten Trutzburg, der Ehe und Familie zurückzuziehen, schwächte sie auch diese Ordnung. In einer säkularisierten Gesellschaft kann schwerlich dauerhaft eine metaphysische Ordnung am Rande der Gesellschaft weiterexistieren. Sie wird einfach von den Fluten der Umwelt überschwemmt. Die Reformer ziehen daraus die letzte Konsequenz: sie geben selbst diese Ordnung auf, scheibschenweise in Übereinstimmung mit der kirchlichen Praxis seit dem Ende der Konstantinischen Epoche, dem großen Projekt der Verchristlichung der Welt! Es sieht nicht gut aus für die Ordnung der Ehe, auch wenn in der „Familiensynode“ ein Durchmarsch der „Reformer“ erstmal gestoppt scheint. Kann es denn in so nachmetaphysischen Zeiten noch Argumente für die Ehe geben, die eine Chance auf allgemeine Akzeptanz haben? Ich mutmaße, ja, wenn streng biologisch-demographisch argumentiert wird: die Ehe ist die beste Sozialordnung für den Nachwuchs und ohne genügend Nachwuchs stirbt die Gesellschaft (aus). Denn es ist unbestreitbar, daß seit dem Zerfall der Ordnung der Ehe in allen westlichen Ländern die Geburtenrate so sehr sank, daß das rein biologische Aussterben der westlichen Kultur eine realistische Perspektive geworden ist und leider nicht nur ein Albtraum!                                                  

Kommentare:

  1. Die Kirche sollte für konservative Werte eintreten, ohne zu dogmatisch zu sein.
    Man muss nicht dauernd Mitglied in einer religiösen Organisation (z. B. katholische Kirche) sein. Sondern es genügt, von Zeit zu Zeit Mitglied in einer religiösen Organisation zu sein (und die meiste Zeit nicht). Unabhängig von der Mitgliedschaft in einer religiösen Organisation besteht die Möglichkeit, religiöse Kurse (z. B. schamanische Seminare) zu absolvieren. Religiöse Rituale und Zeremonien (z. B. bei einer Heirat) brauchen nicht unbedingt von einem Priester oder Freien Theologen durchgeführt zu werden, sondern man kann sie ggf. selbst durchführen. Es ist sinnvoll, alle Kirchen abzureißen. Gottesdienste dürfen nur bei besonderen Anlässen durchgeführt werden; und dann z. B. in angemieteten Sälen. Es ist sinnvoll, wenn Priester religiöse Kurse an Volkshochschulen anbieten, wo sie u. a. Dinge vermitteln, die sie in ihrem Theologiestudium gelernt haben.
    Es gibt keinen jenseitigen Gott, keinen persönlichen Gott und keinen Schöpfer-Gott. Die Natur (und das Leben) ist göttlich. Aber es gibt nicht nur die uns bekannte Natur. Sondern es gibt auch eine uns ewig unbekannte Natur.

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  2. Nein, keine Krise der Ehe und schon gar keine Krise der Liebe. Krise der römisch-katholischen Hierarchie, die sich völlig unglaubwürdig gemacht hat.

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